Berlin - Ihre Lesepaten seien nicht nur Vorleser, sagt Angelika Suhr, die Leiterin der Wedding-Grundschule unweit des Leopoldplatzes. Sie seien auch Schulaufgabenbetreuer, Wissensvermittler, Ausflugsbegleiter und Seelentröster. „Für unsere Schule sind sie ein großer Gewinn“, sagt die Schulleiterin.

Vor zehn Jahren schickte das Bürgernetzwerk Bildung unter Leitung von Ex-Bildungssenatorin Sybille Volkholz erstmals ehrenamtliche Lesepaten an Schulen in sozialen Brennpunkten, alles protegiert vom Verein der Berliner Kaufleute und Industriellen (VBK). Mittlerweile gibt es über 2 000 Lesepaten an über 200 Berliner Schulen und Kitas, Geld bekommen sie dafür nicht.

„Lesen ist einfach toll“

Die ersten Paten waren an dieser Wedding-Grundschule tätig. Beatrice Keller ist von Anfang an dabei und noch immer kommt sie einmal die Woche aus dem schmucken Hermsdorf an den Leopoldplatz. In der Schule nimmt sie dann meistens drei, vier Schüler aus einer Klasse und übt mit ihnen gezielt Lesen und Sprachbildung. „So können die Schüler mehr lesen und sprechen als im großen Klassenverband“, sagt die 67-Jährige.

Gut 30 Jahre lang hat Keller im Ausland, vor allem in Lateinamerika, gelebt, weil ihr Mann für Schering dort gearbeitet hat. Auch ihre Kinder mussten an den dortigen Schulen eine andere Sprache lernen als Deutsch, das nur zu Hause gesprochen wurde. Ähnlich ist es heute auch an der Wedding-Grundschule, für 95 Prozent der Schüler ist Deutsch nicht die Muttersprache. „Aufgrund meiner persönlichen Erfahrung kann ich das nachvollziehen“, sagt Beatrice Keller.

Als besonderen Gast konnte die Schule bei der Jubiläumsfeier am Dienstag Daniela Schadt, die Lebensgefährtin von Bundespräsident Joachim Gauck, begrüßen. „Lesen ist einfach toll“, rief sie den Schülern zu. „Und ein Buch kannst Du immer lesen, ganz egal, ob Dein Handy noch Saft hat.“ Dann las sie aus Cornelia Funkes Buch „Gespensterjäger auf eisiger Spur“. Gekonnt vermochte sie es, ihre Stimme den verschiedenen Charakteren anzupassen.

„Sie hat an mich geglaubt“

Derzeit sind 21 ehrenamtliche Lesepaten allein an dieser Schule, meist Rentner, aber auch ein Hochschul-Professor und Studenten. Solcherlei Hilfe ist bitter nötig: Noch immer verlassen im Bezirk Mitte, in dem auch das Regierungsviertel liegt, berlinweit die meisten Schüler die Schule ohne Abschluss, zuletzt 16,9 Prozent eines Jahrgangs.

Schülersprecher Resat hat selbst jahrelang mit Lesepatin Helga Vipach geübt. „Sie hat an mich geglaubt“, sagt der Sechstklässler. „Und sie hat mir auf dem Globus die Länder gezeigt, in die sie gereist ist.“ Er sei sehr traurig gewesen, als sie als Lesepatin aufgehört hat. „Aus gesundheitlichen Gründen“, sagte die 75-Jährige, die extra zur Feier gekommen ist. 44 Jahre lang habe sie als Krankenschwester gearbeitet, als Rentnerin brauchte sie eine neue Aufgabe. „Als Lesepatin war ich wieder mitten im Leben“, sagt sie.

Lesepaten werden übrigens immer gesucht. Und Schulleiterin Suhr unterbreitet sogleich Daniela Schadt das Angebot, Ehren-Lesepatin ihrer Schule zu werden.