So wenig, wie eine Frau sich zur Besetzung eines Staatsamtes eignen würde, so wenig wird sie sich auch eignen, ein Schlossermeister oder Schmied zu werden.“ So schrieb Louise Otto, eine frühe deutsche Frauenrechtlerin 1849 in der von ihr herausgegebenen Frauen-Zeitung. Gleichwohl verlangte sie, „dass Frauen bei denjenigen Gesetzen, welche sie selbst betreffen, eine Stimme haben“. Sie forderte diese Stimme „auch da, wo es gilt, Vertreter des ganzen Volkes zu wählen – denn wir Frauen sind ein Teil dieses Volkes“.

So fing es an, doch die Stimmen aus den Revolutionsjahren 1848/49 verstummten wieder. Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert hörte man sie wieder – nun umso stärker, zumal aus der wachsenden Sozialdemokratie, seit 1894 auch von bürgerlicher Seite. Es ging um Wahlrecht, Bildung, Erwerbschancen. 1908 ließ der Staat Frauen zur Mitarbeit in politischen Organisationen zu. Ja, sie durften an Versammlungen teilnehmen! Das waren Erfolge der – keineswegs gemeinsam agierenden – bürgerlichen und sozialdemokratischen Frauen. Sie erstritten Respekt und Beachtung. Ihre Mitgliedschaft plus Anhängerinnen zählte nach vielen Hunderttausend.

Lupenreine Vorbilder für spätere Feministinnen (das Wort setzte sich in Deutschland erst Mitte des 20. Jahrhunderts durch) waren sie nicht unbedingt: Louise Otto, die auch 1874 noch präsente Pionierin, führte als Argument pro Wahlrecht das „urgermanische Recht“ der Frau ins Feld, bei öffentlichen Versammlungen zu sprechen.

Ach ja, die mangelnde Reife

Hedwig Dohm argumentierte 1876 universaler: Für sie war politische Emanzipation Teil der allgemein menschlichen Emanzipation. Helene Lange fand, die Forderung nach dem Frauenstimmrecht solle sich nicht auf die Gleichheit, sondern auf die Differenz zwischen Männern und Frauen stützen. Weder Agitation noch „Gerechtigkeitstaumel“ werde den Erfolg bringen, sondern sachliche Arbeit.

Als 1903 der Deutsch-Evangelische Frauenbund die Forderung nach einem kommunalen Stimmrecht erhob, stapelte er zugleich tief: In Anbetracht der „noch vielfach mangelnden Reife der Frauen“ wäre es „in absehbarer Zeit kein Segen für unser deutsches Volk“, es ließe dagegen „eine im höchsten Grade bedenkliche Stärkung der staatsfeindlichen Parteien mit Sicherheit voraussehen“. Sie wähnte eine von der Arbeiterbewegung ausgehende Gefahr, schließlich hatte die Sozialdemokratie das Frauenwahlrecht als „Etappenziel“ auf dem Weg zum Sozialismus proklamiert. Auch für die kämpferische Marxistin Clara Zetkin gab es keine Frauenfrage: Sie sah die Klassenfrage im Vordergrund.

Die Vielstimmigkeit der Frauen ist in vielen Studien beschrieben worden. Manches klingt darin heroisch, doch in der Realität kam das Frauenwahlrecht am 12. November 1918, drei Tage nach dem Ende der Monarchie und der Ausrufung der Republik, ganz beiläufig im letzten Absatz des Aufrufes des Rates der Volksbeauftragten in die deutsche Welt.

Die Gunst der revolutionären Stunde

Die Dissertation von Ute Rosenbusch „Der Weg zum Frauenwahlrecht in Deutschland“ resümiert das Geschehen, entkleidet von Pathos und Schmus. Nicht die besseren Gründe, nicht die Dankbarkeit für den aufopferungsvollen Dienst im Weltkrieg bescherten den Frauen 1918 politische Mitwirkungsrechte: „Vielmehr war es allein die Gunst der revolutionären Stunde, war es der Zufall, dass die verfassunggebende Gewalt gerade in der Hand der Sozialdemokratie lag.“

Blättert man durch die im Landesarchiv aufbewahrten Berliner Tageszeitungen jener Wochen, erschließt sich die unerhörte Dramatik: Die Schlagzeilen der Täglichen Rundschau, die von 1888 bis 1933 in Berlin als „unabhängige Zeitung für nationale Politik mit Unterhaltungsblatt für die gebildeten Stände“ erschien, führt den gewaltigen Umbruch vor Augen. Am 2. November dominierte „Gewaltiges Ringen an der Aisne- und Maas-Front“ die erste Seite.

Am Tag darauf versuchte Wilhelm II., die Unruhe an der Heimatfront zu dämpfen. Man titelte: „Bekenntnis des Kaisers zu Neuordnung im Reich“; er sprach von schwerer Prüfung und heller Zukunft. Am 4. November entlarvte das Blatt die sowjetische Vertretung in Berlin als „gefährliches Zentrum bolschewistischer Agitation“, am 5. November rief die neue Regierung das Volk zu „Selbstzucht und Ordnung“ und teilt die „Umwandlung Deutschlands in einen Volksstaat“ mit.

Entdeckung weiblicher Mehrheit

Dann kam die heiße Phase. Am 8. November (Morgenausgabe) hieß es: „Deutschlands Schicksalstage – Bolschewismus in Heer und Marine“. Am 9. November dankte der Kaiser ab, Wilhelmshavener Matrosen schickten Abgesandte per Luftschiff nach Berlin. Die folgenden Tage – auf dem Schloss wehte die rote Fahne – dominierte das Entsetzen über die „Unerhört harten Waffenstillstandsbedingungen“.

Schließlich, am 12. November, wurde neben der Vereins-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit, die Aufhebung der Zensur und dem maximal achtstündigen Arbeitstag auch proklamiert: „Wahlen nach gleichem, geheimem, direktem, allgemeinem Wahlrecht für alle männlichen und weiblichen Personen“.

Das war die Revolution in der Revolution. Eine Schlagzeile blieb ihr gleichwohl verwehrt. Erst Tage später begriff als erste die Zentrumspartei, Vorläuferin der CDU, die Tragweite – schließlich überwog wegen zwei Millionen toter Männer das weibliche Geschlecht im stimmberechtigten Alter mit 17 Millionen das männliche (15 Millionen) um mehr als zwei Millionen Stimmen. Die absolute Mehrheit lag in weiblicher Hand. Würde die ihr Kreuz nicht bei den Sozialdemokraten machen? Wenn schon nichts mehr dagegen zu machen war, musste man umso energischer mahnen: „Belehret die Frauen!“

Die nationalliberale Tägliche Rundschau brauchte noch bis zum 23. November (und ist damit die erste Zeitung Berlins), um in einem länglichen Feuilleton die Frage mit spitzen Fingern hin und her zu wenden. Auch hier hieß es: „Belehret die Frauen!“ Zuerst trug der Herr Autor Skepsis vor: Die von den Schlachtfeldern heimkehrenden Helden hätten Blutopfer erbracht „und sollen nun ihre schwererkämpften Rechte als Leiter der völkischen Angelegenheiten zur Hälfte und darüber hinaus an die zwar tapfere und duldende, aber doch unstreitig weniger verdienstvolle Frauenwelt“ abgeben.

Und wie wirkt die Zanksucht?

Dann die bange Frage: „Sind unsere Frauen und Mädchen vorbereitet auf diese Macht, die ihnen ein Federstrich plötzlich eingeräumt hat?“ Gewiss, gewiss – „hervorragend begabte und weitblickende Frauen und Mädchen“ hätten sich in die politischen Fragen vertieft und in allerlei Verbänden Mitarbeit geleistet. Aber war nicht das Wahlrecht zur allmählichen Einführung gedacht, „als eine stufenweise Erziehung des weiblichen Geschlechtes zu politischer Reife“? Nun aber werde nichts weniger als die „gesamte Frauenwelt, teilweise wasserscheu und des Schwimmens unkundig, urplötzlich in die haushoch brandende politische See geworfen, mit der Aufgabe, das gekenterte Staatsschiff deutsche Nation, das von Bubenhand durchlöchert kieloben schwimmt gegen alle Gesetze der Natur wieder aufzurichten, und zu bewimpeln.“

Andererseits wollte der Autor nicht ausschließen, dass „hier Genesung von einem überlebten, todbringenden System“ nahe. Denn die Frau „neige nicht zur abwägenden Zersplitterung der Gedanken“, sondern zum „Stimmungsentschluss des Herzens“. Man erhoffe „politisches Auftreten mit Wärme“. Wenngleich: Gerade im bürgerlichen Milieu seien Vergnügungs- und Zanksucht sowie kleinliche Rechthaberei zu bedenken. Würden die Frauen das Allgemeinwohl im Auge haben? Die Schlussfanfare: „Des Vaterlandes Würde ist in Eure Hand gegeben. Bewahret sie!“

Bürgerliche Mehrheit überwog

Eine Pfarrersfrau aus dem Oderbruch sorgte sich: „Wie werden die Landfrauen und -mädel wählen?“ Sie schrieb in einem Leserbrief: „Von den Anhängerinnen der roten Partei in den Städten wird keine auf ihr Recht zu wählen verzichten, aber auf dem Lande bin ich einer großen Abneigung und Trägheit in diesem Punkte begegnet.“ Sie gehe daher von Haus zu Haus und kläre auf.

Kurz vor der Reichstagswahl, der ersten Gelegenheit zum Gebrauch der neuen Macht, herrschte auf der Kundgebung evangelisch-kirchlicher Frauen Berlins am 3. Januar 1919 in der Berliner Philharmonie großer Andrang: Die Lehrerin Klara Mende-Völker von der nationalliberalen Deutschen Volkspartei rief die Frauen auf, das Wahlrecht auszunutzen als Abwehrwaffe gegen religionsfeindliche Bestrebungen der Regierung – gegen Trennung von Kirche und Staat. Vehemente Ablehnung regte sich auch: Ein „unwillkommenes Geschenk“ sei einem mit dem Wahlrecht „in den Schoß geworfen worden“, mäkelte Freifrau von Bissingen am 10. Januar 1919 im Oberschichtenblatt Neue Preußische Zeitung (Kreuzzeitung) mit Hauptredaktion in Berlin.

Die politische Ausdifferenzierung der Frauen geschah rasant. Die Sozialdemokraten stiegen am 19. Januar zwar zur stärksten Partei auf, doch die Resultate blieben unter den Erwartungen – auch wegen der konservativen Frauen. Die bürgerliche Mehrheit in der Nationalversammlung war mit 234 Sitzen gegenüber 187 sozialdemokratischen deutlich.

Arbeitsplätze für die Helden

Und doch schwärmten Aktivistinnen. Helene Bäumer schrieb im Februar 1919 in der Zeitschrift Die Frau über das Beglückende des ersten Wahlkampfes. Waren zuvor nicht Berge von Worten aufgehäuft worden, um die Schrecknisse des Frauenwahlrechts zu behaupten? Vorbei: „Die Frauen haben ihr Wahlrecht in der Revolution so selbstverständlich, ungestört und anscheinend vollständig ausgeübt, wie wenn es so alt wäre wie das Reichstagswahlrecht.“ Die Vermutung, das Frauenstimmrecht würde die Abstimmung radikalisieren, war nicht eingetreten.

Die Frauen waren unerwartet schnell in ihre politische Rolle hin-eingewachsen. Doch ihre reale Lage besserte sich nicht spürbar. Vielmehr sahen sie sich mit handfesten Attacken der Männer auf während des Krieges eroberte Positionen konfrontiert. Die heimkehrenden „Helden“ stritten nun für „die Demobilisierung“, sprich: Frauen sollten ihre Arbeitsplätze räumen. In Berlin streikten im Februar 1919 die Kellner und verlangen die Beseitigung der weiblichen Bedienung. Arbeitslose liefen in Großdemonstrationen durch Berlin und Breslau und verlangten die Entfernung der weiblichen Hilfskräfte aus den Büros.

Und heute? Liegt Deutschland im Vergleich der Industrieländer ganz hinten, wenn es um die Zahl weiblicher Mitglieder in Vorständen großer Unternehmen geht. Die Chefs behaupten, sie fänden partout keine Frauen, die den harten Anforderungen der Vorstandsarbeit gewachsen seien. Nicht reif genug also. So machen sie sich lächerlich wie die Herrschaften vor 100 Jahren.