Blick in die Ausstellung und ein Modell des Wahrzeichens des Doppelbezirks: die Oberbaumbrücke, die Friedrichshain und Kreuzberg verbindet
Foto: Ellen Röhner/FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum

Berlin-KreuzbergLuisenstadt, Königstadt, Stralauer Viertel – kaum jemand kennt noch die Namen der Stadtquartiere, aus denen 1920 die beiden Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg gebildet wurden. Kunstprodukte alle beide, doch die Formung der Einheitsgemeinde Groß-Berlin verlangte eine grundlegende Neuordnung. Am 27. April 1920 stimmte die preußische Landesversammlung dem Vertrag zwischen Kern-Berlin und den umliegenden Städten und Gemeinden zu, am 1. Oktober desselben Jahres trat das Groß-Berlin-Gesetz in Kraft. Zwanzig neue Bezirke waren in kürzester Zeit zu organisieren. Friedrichshain und Kreuzberg gehen also auf die Hundert zu.

Das bedeutet für das Bezirksmuseum eine Pflicht, auf die spannendsten Orte und Ereignisse der beiden, seit 2001 fusionierten Bezirke zu blicken. Entstanden ist eine kleine, feine Ausstellung. Auf insgesamt 13 thematischen Modulen hält sie, was sie im Titel verspricht: Sie erzählt Kiezgeschichten, betrachtet die sozialen Realitäten und zeigt, wie Menschen diese formten.

Eine dieser Geschichten handelt von der Suche nach Namen für die neuen Gebilde, die zur gleichen Zeit gezeugt, ähnlich und doch unterschiedlich sind wie zweieiige Zwillinge. Die Berliner Stadtverordneten wählten seinerzeit jeweils eine populäre Grünanlage als Namensgeber aus – den Volkspark Friedrichshain und das den Viktoriapark überragende, von einem Eisernen Kreuz gekrönte Denkmal für die Befreiungskriege 1813/15. In Kreuzberg dauerte die Namensfindung fast ein Jahr und man behalf sich übergangsweise mit dem Namen Hallesches Tor. Was war so schwierig? Warum entschied man sich ausgerechnet für Grünanlagen? Warum blieb es nicht bei „Hallesches Tor“?

„Wir sind ziemlich sicher, dass da Imagepolitik betrieben wurde“, sagt der Historiker Hanno Hochmuth, Mit-Kurator der Ausstellung. Der überwiegend proletarische „Berliner Osten“ hatte einen schlechten Ruf, an den alten Namen klebte der Ruch von Schmuddel- oder gar Verbrechergegenden. „Etwas wie Stralauer Viertel, das ,Chicago Berlins‘, kam nicht infrage“, sagt Hanno Hochmuth. Der Volkspark Friedrichshain aber war der älteste Park Berlins, und für das Kreuz vom Berg im ebenso beliebten Viktoriapark sprach obendrein ein gewisser patriotischer Trotz: Angesichts des gerade geschlossenen Versailler Vertrags mit seinen harten Klauseln feierte man 1921 das hundertjährige Bestehen des Nationaldenkmals besonders hingebungsvoll. Es handelt sich also um Gute-Laune-Namen.

Umbenennen, neu benennen, Begriffe erfinden oder besetzen, Kampfbegriffe prägen – das gehört zu den Spezialitäten beider Bezirke, über die Jahrzehnte hinweg. Zwei extrem unterschiedliche Geschichten, die die Ausstellung erzählt, seien hier erwähnt.

Am 28. September 1933 veranlassten die nationalsozialistischen Behörden die Umbenennung von Friedrichshain in „Horst-Wessel-Stadt“, 1935 offiziell zu „Horst Wessel“ verknappt. In einer Zeit, als auf den Straßen Kommunisten und Nazis Schlachten austrugen, platzierten sie damit in einer Triumphgeste den Namen eines SA-Sturmführers mitten in die Stadt und die Köpfe der Leute. Der Mann war am 14. Januar 1930 in seinem Mietzimmer nahe dem Strausberger Platz erschossen worden. Die kommunistische Presse sprach von einer Eifersuchtstat im Zuhältermilieu, der Berliner NSDAP-Chef Joseph Goebbels von einem politischen Mord und ließ einen wahren Totenkult inszenieren. Zwölf Jahre wohnten die Friedrichshainer offiziell in „Horst Wessel“.

Weit ziviler, betont basisdemokratisch, aber durchaus kämpferisch stellt sich das Kreuzberger Prinzip „Begriffe besetzen – nicht nur Häuser“ dar. Als der Senat in den 1960er-Jahren ganze Straßenzüge abreißen wollte, nannte er das „Sanierung“. Hausbesetzer nannten es „Kahlschlagsanierung“. Dann erfand ein 1966 nach Kreuzberg eingewanderter Schwabe, Pfarrer Klaus Duntze, Aktivist der Häuserrettung, den Begriff „Kreuzberger Mischung“ – also anständiges Wohnen im Vorderhaus und arbeiten in den Gewerbebetrieben im Hinterhaus. Schließlich hieß es in den 1980er-Jahren „behutsame Stadterneuerung“. Auch so wird Geschichte gemacht.

Die kleine Ausstellung erfreut in aller Kürze mit viel neuem Wissen und bietet Kurzweil – so mit einem Puzzle, das die heutigen Konturen der beiden Bezirksteile in die der alten Quartiere zerlegt. Hebt man die Einzelteile hoch, liegt darunter ein heutiger Stadtplan. Und in der Mitte aller Tafeln prangt stolz ein altes Holzmodell der Oberbaumbrücke, die heute beide Teile verbindet und zum Wahrzeichen von Friedrichshain-Kreuzberg wurde.

Die Ausstellung, die anlässlich des 100-jährigen Jubiläums von Groß-Berlin entstand, ist zu sehen im FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum Adalbertstraße 95a, Dienstag bis Donnerstag 12 bis 18 Uhr, Freitag bis Sonntag 10 bis 20 Uhr, bis 4. Oktober,  deutsch und englisch, barrierearm und streng gegendert. Zum Jubiläum ist in Kooperation von zehn Berliner Bezirksmuseen und dem Stadtmuseum das Online-Portal www.1000x.berlin entstanden.