Der neue Stadtentwicklungssenator will für einen neuen Elan in seiner Verwaltung sorgen. Lange hatte die Behörde den Ausbau des Straßenbahnnetzes nur zögerlich geplant – was auch daran lag, dass Personal und Geld fehlte. Doch jetzt hat sich Senator Andreas Geisel erneut dafür ausgesprochen, den Ausbau in Richtung Westen mit Nachdruck vorzubereiten. „Wir müssen mit den Planungen beginnen. Berlin wird weiter wachsen“, sagte der SPD-Politiker am Donnerstag. Dazu passte, was der Fahrgastverband IGEB knapp eine Stunde nach Geisels Rede im Capital Club vorlegte: ein Konzept für rund 100 Kilometer neue Strecken bis 2050 – zum Beispiel zum Zoo, nach Spandau, Steglitz, Lichterfelde und Reinickendorf.

U-Bahn ist zehn Mal so teuer

Berlin wächst, stärker als erwartet. „So stark, dass wir unsere Prognose am Jahresende korrigieren werden“, sagte Geisel während des Mittelstandsfrühstücks des Vereins Berliner Wirtschaftsgespräche. Bislang hieß es, dass die Zahl der Berliner bis 2030 um 250 000 zunimmt. „Jetzt zeichnet sich ab, dass wir diese Zahl 2019 schon erreichen.“ Während andere Regionen schrumpfen, boomt Berlin. „Das ist ein Geschenk, ein Privileg. Eine Chance.“ Aber auch Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass die Infrastruktur mithält.

Im Nahverkehr müssten mehr Fahrten angeboten und neue Strecken gebaut werden. Er weiß, dass es vor allem im westlichen Berlin Vorbehalte gegen die Straßenbahn gibt. „Ich kann dazu nur sagen: Ein Kilometer U-Bahn kostet bis zu 300 Millionen Euro, ein Kilometer Straßenbahn ist ab zehn Millionen Euro zu haben. Nun haben Sie eine Vorstellung davon, wie die Erweiterung aussehen muss“, entgegnete Andreas Geisel.

Für die nächsten Jahre stünden die Projekte bereits fest – wie berichtet, sind unter anderem Strecken vom Hauptbahnhof zum U-Bahnhof Turmstraße, am Ostkreuz und in der Leipziger Straße zum Potsdamer Platz geplant. Doch dabei werde es nicht bleiben, sagte Geisel. „Wir haben die Aufgabe, jetzt für die nächsten Jahrzehnte zu planen.“ Bereits klar sei, dass das geplante Wohngebiet in der Elisabethaue in Pankow an das Straßenbahnnetz angeschlossen werden muss.

Bislang war der Fahrgastverband im Senat stets abgeblitzt, wenn er einen beherzteren Ausbau forderte. „Nun teilte mir der Senator mit: ,Sie kommen zur rechten Zeit’“, sagte der Verbandssprecher Jens Wieseke. Geisel habe das Konzept der IGEB gemeint. „Bis 2050 könnten pro Jahr drei Kilometer Strecke dazukommen. Das ist realisierbar.“ Der Verband rechnet mit 20 Millionen Euro pro Kilometer – 100 Neubau-Kilometer würden zwei Milliarden Euro kosten. „Die U-5- Verlängerung ist zehn Mal so teuer.“

„Wir bieten Optionen an. Wir sind keine Dogmatiker“, so Wieseke. Und einige Vorschläge standen sogar schon mal in Ideenpapieren des Senats, verschwanden dann aber in der Schublade. Dazu zählt die Südtangente, die eine schnelle Route von Schöneweide via Steglitz nach Dahlem schaffen würde. Auch über eine Gleistrasse im Nordwesten hat der Senat einst nachgedacht. Als Nordwesttangente, die vom Zoo über das Entwicklungsgebiet Flughafen Tegel ins Märkische Viertel führt, findet sie sich bei der IGEB.

Tempo 60 und mehr Komfort

Eine „Durchmesserlinie“ soll Lichterfelde, Steglitz und die Achse Haupt-/Potsdamer Straße mit dem Alexanderplatz verbinden. Auch zum Rathaus Spandau und zum Schloss Charlottenburg könnten Straßenbahnen fahren, sagte Tom Gerlich, der das Konzept erarbeitet hat. 85 Kilometer Strecken sollten in Westbezirken entstehen, 15 Kilometer im Osten – dann hätte Berlin rund 300 Kilometer Straßenbahn.

„Wir führen keinen Kampf gegen das Auto“, sagte Wieseke. Beide Verkehrsmittel können sich vertragen. Mit mehr Unfällen rechne er nicht: Wenn es bei der Tram kracht, dann oft auf Mittelstreifen, dort fühlen sich Fußgänger offenbar zu sicher.

Lange Straßenbahnen hätten Platz für bis zu 300 Fahrgäste, und sie können schnell sein – auf separaten Gleistrassen ist Tempo 60 erlaubt. Sie bieten mehr Komfort als volle Busse. Und volle Busse gebe es immer häufiger in Berlin: „Die M 41 ist eine Horrorlinie“ – nicht nur sie.