Teils auf Wochen ausgebucht: Werden die Nachtzüge zum Opfer ihres Erfolgs?

Zug statt Flug – das ist einfacher gesagt als getan. Wer klimafreundlich reisen will, muss flexibel sein. Auf einer Strecke hat sich die Fahrgastzahl verdoppelt.

Am Ziel angekommen: Ein Nachtzug der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) im Hauptbahnhof.
Am Ziel angekommen: Ein Nachtzug der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) im Hauptbahnhof.imago/Rüdiger Wölk

Es hat sich mittlerweile herumgesprochen: Mit Nachtzügen kann man klimafreundlich durch Europa reisen. Doch wer jetzt auf die Idee kommt, als Alternative zum Flugzeug für diesen Sommer Plätze im Schlaf- oder Liegewagen zu buchen, wird in vielen Fällen enttäuscht. Auch auf den Strecken von und nach Berlin sind die Kapazitäten so gut wie ausgeschöpft, bestätigten Zugbetreiber der Berliner Zeitung. Was raten sie Fahrgästen?

Die Österreichischen Bundesbahnen, kurz ÖBB, sind für die meisten Nachtzüge in Europa verantwortlich. Dazu gehört auch der Nightjet, der sich an jedem Abend von Berlin nach Freiburg im Breisgau, Basel und Zürich aufmacht. Der Euro Night von Berlin nach Wien, der ungarische Wagen nach Budapest mitführt, ist ebenfalls Teil des Nachtreisenetzes der Österreicher. Beide Züge verkehren ganzjährig an allen Tagen.

Keine Liegeplätze mehr im Nachtzug von Berlin nach Dänemark und Schweden

„Aktuell sind die Nachtzüge sehr stark gebucht“, teilte Bernhard Rieder, Sprecher der ÖBB-Holding in Wien, der Berliner Zeitung mit. Das beträfe alle Strecken, nicht nur die von und nach Berlin. „Auf einigen Verbindungen gibt es über den Sommer nur noch an wenigen Tagen freie Plätze im Schlafwagen. Im Liegewagen sind noch etwas mehr Plätze verfügbar, aber auch der Liegewagen ist oft ausgebucht.“

Ähnlich sieht es auf der Verbindung zwischen Berlin, Hamburg, Dänemark und Schweden aus. Der Nachtzug des schwedischen Betreibers Snälltåget steuert täglich unter anderem Høje Taastrup im Großraum Kopenhagen, Malmö, Lund, Nässjö, Norrköping und Stockholm an. Er verkehrt täglich bis 23. September und dann wieder rund um den Jahreswechsel. Anders als die ÖBB-Nachtzüge von Berlin nach Zürich und Wien, die auch jeweils einen Schlafwagen mitführen, kann man in dem skandinavischen Zug ausschließlich Sitz- und Liegeplätze sowie komplette Liegewagenabteile buchen.

„Züge statt Flüge“: Bahnfans begrüßen am 28. Juni 2021 den ersten Nachtzug aus Stockholm, der nach dem Beginn der Corona-Pandemie im Berliner Hauptbahnhof eintrifft. 150 Fahrgäste waren in Skandinavien gestartet.
„Züge statt Flüge“: Bahnfans begrüßen am 28. Juni 2021 den ersten Nachtzug aus Stockholm, der nach dem Beginn der Corona-Pandemie im Berliner Hauptbahnhof eintrifft. 150 Fahrgäste waren in Skandinavien gestartet.Berliner Zeitung/Markus Wächter

„Der Nachtzug ist im Juli fast ausverkauft“, sagte Marco Andersson, Sprecher von Snälltåget in Malmö. „Letzte Woche haben wir an den Wochenenden im Juli einen zusätzlichen Sitzwagen Malmö–Berlin hinzugefügt, und es gibt noch einige Kapazitäten. Aber die Liegewagen sind im Juli ausverkauft, und alle verfügbaren Liegewagen sind in Betrieb. Im August und September, insbesondere ab der zweiten Augusthälfte, ist der Nachtzug zwischen Berlin und Stockholm noch verfügbar.“

Im Vergleich zu 2019, als Snälltåget schon einmal einen Nachtzug zwischen Berlin und Stockholm betrieben hat, sei das Fahrgastaufkommen deutlich höher, so Andersson. „Die Zahl der Reisenden im Juli 2022 wird um 100 Prozent höher sein als im Juli 2019“, berichtete er. „Es ist das Interesse, klimafreundlicher zu reisen, das zu dieser Nachfrageänderung geführt hat.“ Die Hauptzielgruppe des Zuges wohne in Schweden. Deutschland liege auf dem zweiten Platz, teilte der Sprecher mit.

Bauarbeiten unterbrechen immer wieder den Verkehr

„Letzte Woche haben wir den Verkauf für Oktober und November 2022 gestartet, es wird auch einige zusätzliche Züge zu deutschen Weihnachtsmärkten sowie um Weihnachten und Neujahr geben“, hieß es bei Snälltåget. „Der Nachtzug wird definitiv auch nächstes Jahr verkehren.“ Von April bis Dezember 2023 soll es wieder täglich eine Fahrt pro Richtung geben, einige zusätzliche Züge kommen im Winter dazu. Allerdings zeichne sich für das kommende Jahr für Nächte von Sonnabend auf Sonntag ein Problem ab: Wegen Wartungsarbeiten an der Rendsburger Hochbrücke wird die direkte Verbindung in Richtung Flensburg von 23 bis 7 Uhr unterbrochen, berichtete Marco Andersson.

Wegen Bauarbeiten in Dänemark fallen die Züge in diesem Jahr zwischen 16. und 24. Juli aus, teilte Snälltåget mit. Auch die ÖBB-Nachtzüge von und nach Italien sind in diesem Sommer betroffen. Im Juli werden alle Verbindungen nach Rom, Mailand und Livorno gestrichen. Der italienische Infrastrukturbetreiber baut an der Strecke bei Tarvisio.

„Zugfahrten von und nach Berlin sind absolut gefragt“

„Zugfahrten von und nach Berlin sind absolut gefragt“, bilanzierte Marco Andersson. „Normalerweise fahren wir mit vier Liegewagen und einem Sitzwagen. Damit gibt es pro Zug 240 Liege- sowie 74 Sitzplätze. Wir würden gern weitere Liegewagen hinzufügen“ – doch Rollmaterial sei schwer zu bekommen. Das berichtet auch das niederländische Unternehmen European Sleeper, das den Start des Nachtzugs von Brüssel/Amsterdam nach Berlin und Prag mehrmals verschoben hat. Es nennt jetzt keinen Termin mehr. Das tschechische Bahnunternehmen RegioJet, mit dem die Niederländer zusammenarbeiten, gab unterdessen bekannt, dass das Projekt, eine Nachtzugverbindung zwischen Berlin, Wien, Graz, Ljubljana und Zagreb einzurichten, auf unbestimmte Zeit verschoben wird. „Im Moment haben wir andere Projekte priorisiert“, sagte eine Sprecherin.

Der Bahnexperte Sebastian Wilken hat untersucht, wie die täglich verkehrenden ÖBB-Nachtzüge bis Ende Juli gebucht sind. Er analysierte 390 Verbindungen. Dabei habe sich der Nachtzug Hamburg–Innsbruck als der „beliebteste Nightjet des Sommers“ herausgestellt, so Wilken. „An nur noch zwei von 30 Tagen gibt es einen freien Schlafplatz, einmal im Liegewagen und einmal im Schlafwagen.“ Ebenso hoffnungslos gestalte sich die Lage für Spontanreisende im Nightjet zwischen Amsterdam, Düsseldorf, Köln und Wien. Im Nachtzug zwischen Hamburg und Zürich gab es gerade mal an drei von 30 Tagen Platz für die Mitfahrt im Liege- oder Schlafwagen. Der Nightjet Hamburg–Wien sei ebenfalls gut gebucht, so Wilken.

Und wie sieht es mit den Berliner Nachtzügen aus? „Mit freien Schlafplätzen an drei von 30 Tagen, davon dreimal im Liege- und zweimal im Schlafwagen, steht der ‚Zürcher‘ aus Berlin etwas besser da als sein Schwesterzug aus Hamburg“ – mit dem er in Niedersachsen zu einem Zug in die Schweiz verbunden wird. Zwischen Berlin, Wien und Graz sei die Lage besser. „An gut zwei Drittel der untersuchten Tage gibt es noch einen Schlafplatz, das reicht für Platz sechs“, stellt Sebastian Wilken fest.

Sein Fazit: „Der Nachtzug ist nicht nur quicklebendig, er boomt auf vielen Strecken. Und wird damit zum Opfer seines eigenen Erfolgs – viele Reisende dürften nach gescheiterter Buchung frustriert in Auto oder Flieger steigen. Wir brauchen mehr Züge!“