Josef S. ist krank, er ist vorige Woche als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert worden, wird dort zurzeit stationär behandelt. Unklar ist, wie und ob es überhaupt mit dem Strafprozess gegen den mutmaßlichen einstigen SS-Wachmann des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen weitergehen wird. Schon zwei Mal musste das Verfahren für längere Zeit unterbrochen werden, weil Josef S., der Mann aus Brandenburg/Havel, im Krankenhaus operiert werden musste oder an Corona erkrankt war. Jede Erkrankung in diesem Alter müsse man ernst nehmen, sagt Stefan Waterkamp, der Anwalt des Angeklagten. Josef S. ist 101 Jahre alt.

Eigentlich sollte Waterkamp am vergangenen Mittwoch das letzte Plädoyer in diesem Verfahren halten, einen Tag später sollte das Urteil der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Neuruppin gesprochen werden. Doch nun ist alles offen. „Heute soll entschieden werden, ob und wann mein Mandant aus dem Krankenhaus entlassen werden kann“, sagte Waterkamp am Dienstag der Berliner Zeitung. Dann könne es allerdings sein, dass das Gericht zunächst noch die Verhandlungsfähigkeit von Josef S. prüfen lässt.

Dass noch in dieser Woche weiterverhandelt wird, schloss Waterkamp eher aus. Auch eine Gerichtssprecherin schrieb vor wenigen Tagen in einer Mitteilung, man wisse noch nicht, wann der Angeklagte wieder verhandlungsfähig sein werde. Mit einer Fortsetzung der Hauptverhandlung bereits in der Woche nach Pfingsten sei nach derzeitigem Stand nicht zu rechnen.

Das Verfahren des Landgerichts Neuruppin, das wegen der Nähe des Wohnortes von Josef S. in einer Sporthalle in Brandenburg/Havel geführt wird, läuft seit Anfang Oktober des vorigen Jahres. Josef S. ist für diesen Prozess von einem Amtsarzt für eingeschränkt verhandlungsfähig eingeschätzt worden – zwei Stunden am Tag kann der Angeklagte dem Verfahren folgen. 77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dürfte es eines der letzten Verfahren gegen mutmaßliche Verbrecher des Naziregimes sein. Der Oberstaatsanwalt Cyrill Klement, der die Anklage in dem Prozess vertritt, zollte dem Angeklagten in seinem Plädoyer Respekt, dass er sich trotz seines hohen Alters dem Verfahren gestellt habe.

Josef S. wird vorgeworfen, Teil der mörderischen Maschinerie im KZ Sachsenhausen gewesen zu sein. Die Anklage wirft ihm vor, dort von 1942 bis 1945 als SS-Wachmann Beihilfe zum Mord an Tausenden Häftlingen geleistet zu haben. In dem Verfahren treten sowohl Überlebende des KZ als auch Hinterbliebene als Nebenkläger auf.

Josef S. hatte vor Gericht bestritten, jemals in dem KZ gewesen zu sein. Er hatte angegeben, zur fraglichen Zeit als Landarbeiter in Mecklenburg-Vorpommern gearbeitet, später Schützengräben für die Wehrmacht ausgehoben zu haben. Ein Historiker analysierte im Prozess als Sachverständiger jedoch Unterlagen, die belegen sollen, dass es einen Wachmann der SS im KZ Sachsenhausen mit dem Namen, dem Geburtsdatum und dem Geburtsort des Angeklagten gab.

Nach Angaben des Oberstaatsanwalts Klement haben sich die Vorwürfe gegen Josef S. vollumfänglich bestätigt. Er forderte in seinem vor zwei Wochen gehaltenen Plädoyer, den Angeklagten zu einer Haftstrafe von fünf Jahren zu verurteilen. Josef S. habe im KZ Sachsenhausen als SS-Mann in insgesamt sechs Kompanien gedient und sich der Beihilfe zum Mord in mehr als 3000 Fällen schuldig gemacht.

Josef S., 1920 in Litauen geboren, siedelte mit seiner Familie 1941 um. Schon ein Jahr zuvor habe die SS damit begonnen, Litauendeutsche anzuwerben und zu rekrutieren, sagte Klement in seinem Plädoyer. Einer davon sei Josef S. gewesen.

In dem zu Oranienburg gehörenden Konzentrationslager Sachsenhausen waren von 1936 bis 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert. Zehntausende starben, sie wurden ermordet, bei medizinischen Versuchen umgebracht oder gingen an den unmenschlichen Haftbedingungen zugrunde.