11 Klima-Fragen: Frau Giffey, was halten Sie von der Letzten Generation?

Was denken Berliner über Klimawandel und Klima-Kleber? Heute: Die Regierende Bürgermeisterin über Protestformen, die schaden und ihren „liebsten Alltagstipp“.

Franziska Giffey, Regierende Bürgermeisterin, rät zu Obst aus eigenem Anbau
Franziska Giffey, Regierende Bürgermeisterin, rät zu Obst aus eigenem AnbauBerliner Zeitung/Uroš Pajović

Der Sommer war zu heiß, der Herbst zu warm, das Jahr 2022 wieder viel zu trocken. Nur noch vier von hundert Bäumen in Berlin sind gesund. Das Klima verändert sich. Auch politisch bewegt das Thema die Stadt, 180.000 Menschen haben unterschrieben, dass Berlin schon 2030 klimaneutral werden soll, es wird einen Volksentscheid geben. Fast täglich blockiert die Protestgruppe Letzte Generation die Straßen.  

Was sollen wir tun, um dem Klimawandel zu begegnen, wie soll sich Berlin verändern? Wir wollen in der Berliner Zeitung so viele Stimmen wie möglich zu Wort kommen lassen. Diesmal hat Franziska Giffey unsere 11 Fragen beantwortet, Regierende Bürgermeisterin.

Frau Giffey, der Klimawandel wird unser aller Leben verändern. Wovor haben Sie am meisten Angst?

Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Ich nehme das Thema aber sehr ernst. Wir brauchen eine gute und pragmatische Politik mit konkreten Zielen, mit denen wir dafür sorgen, dass Berlin so schnell wie möglich klimaneutral wird.

Was tun Sie persönlich, um Ihre CO₂-Bilanz zu senken?

Ich achte wie sicherlich die meisten Berlinerinnen und Berliner bewusst darauf, wie ich mit Energie umgehe: also Licht aus, wenn ich aus dem Zimmer gehe. Und nicht gedankenlos überall die Heizung aufdrehen. Ich vermeide Kurzstreckenflüge und kaufe gern saisonales Obst und Gemüse, das nicht um die halbe Welt geflogen wird.

Worauf wollen Sie trotz Klimawandel nicht verzichten?

Ich möchte nicht komplett auf den Verzehr von Fleisch verzichten. Ich achte aber darauf, woher das Fleisch kommt, und esse auch nicht jeden Tag welches.

Was muss sich in Ihrer Branche am dringendsten ändern?

In Berlin haben wir klare Ziele vereinbart: Berlin soll vor 2045 eine klimaneutrale Stadt sein. Da das aber nicht von heute auf morgen geht, müssen wir uns dem schrittweise nähern. Bereits bis 2030 sollen mindestens 70 Prozent CO₂ einspart werden. Weil sehr viele Menschen in großen Städten wie Berlin wohnen, ist es wichtig, die urbane Energiewende zu schaffen – dafür gibt es zwei zentrale Hebel: eine Wärmeversorgung aus erneuerbaren Energien und eine Verkehrswende, die Mobilität mit weniger Emissionen und mehr öffentlichem Nahverkehr voranbringt. Deshalb wollen wir als Land Berlin das Fernwärmenetz von Vattenfall zurückkaufen und gemeinsam mit starken Partnern transformieren. Und wir investieren massiv in den ÖPNV, zum Beispiel in unser attraktives 29-Euro-Ticket, das einmalig in ganz Deutschland ist.

Klimaaktivisten blockieren regelmäßig Straßen in Berlin. Hilft das der Sache oder schadet es mehr?

Es schadet, weil wir vornehmlich über die Form des Protests reden, aber weniger über die Ziele. Protest und Kritik sind in der Demokratie wichtig. Wenn aber Rettungswagen an der Durchfahrt gehindert werden und Menschen so gefährdet werden, ist eine Grenze überschritten. Wir sollten eher darüber reden, wie wir zum Beispiel den Nahverkehr so ausbauen, dass ein Teil der Berliner oder Brandenburger das Auto nicht mehr braucht, um in die Stadt zu pendeln. Da sind wir gemeinsam mit Brandenburg dran. Und wir müssen junge Leute dazu bringen, eine Ausbildung in den Klimaberufen zu beginnen. So helfen sie ganz konkret und vor Ort.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Zur Person
Franziska Giffey wurde 1978 in Frankfurt (Oder) geboren. Sie ist gemeinsam mit Raed Saleh Vorsitzende der SPD Berlin, war Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln und Bundesfamilienministerin. Seit einem Jahr ist sie Regierende Bürgermeisterin von Berlin. Und nun auch wieder Spitzenkandidatin ihrer Partei für die Wiederholung der Wahl zum Abgeordnetenhaus im Februar. Giffey ist verheiratet und hat einen Sohn.

Können Sie sich Berlin ganz ohne Autos vorstellen?

Es wird vermutlich immer Menschen geben, die ihren Tagesablauf nicht mit dem öffentlichen Nahverkehr, zu Fuß oder mit dem Rad erledigen können, weil sie mehr zu transportieren haben als nur sich selbst oder weil sie in ihrer Mobilität aufgrund einer Krankheit oder Behinderung eingeschränkt sind. Aber wir arbeiten daran, dass es attraktive Angebote für die gibt, die ihr Auto stehen lassen könnten. Nur so wird der Umstieg gelingen.

Haben Sie vor, Ihr Auto abzuschaffen?

Ich fahre sehr gern Bahn, zu meiner Familie in Brandenburg und auch dienstlich, wenn es sich einrichten lässt. Meinen Dienstwagen werde ich jedoch nicht abschaffen können. Ich arbeite während der Fahrt, bereite mich vor oder telefoniere. Der Dienstwagen ist mein fahrendes Büro.

Was erwarten Sie von der Politik – was sollte sie als dringendste Klimaschutzmaßnahme durchsetzen?

Klar ist doch, dass nur das Zusammenwirken vieler effektiver Maßnahmen den Erfolg bringt. Mir ist auch wichtig, dass es gerecht zugeht. Klimaschutz darf nicht auf Kosten der Menschen gehen, die weniger Geld haben. Es braucht gute Angebote für alle. Der soziale Zusammenhalt muss immer mitgedacht werden.

Klimaschutzminister Habeck duscht nur noch zwei Minuten. Wie lange stehen Sie noch unter der Dusche?

Ich weiß nicht, wie lange Herr Habeck früher geduscht hat. Bei mir hat das Duschen nie viel länger gedauert.

Was ist Ihr bester klimaschonender Alltagstipp?

Ich sage mal, was mein liebster Alltagstipp ist: Obst und Gemüse aus dem Garten ernten und direkt zubereiten. Das ist dann die ganz kurze Lieferkette.

Berlin im Jahr 2030: Was muss geschehen, damit wir es in der Stadt auch dann noch aushalten?

Wir tun viel dafür, damit wir auch 2030 gut hier leben können: Mit dem Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm 2030 haben wir einen Fahrplan mit konkreten Maßnahmen auf dem Weg zur Klimaneutralität. Dieses zentrale Instrument der Berliner Energie- und Klimaschutzpolitik entwickeln wir gerade weiter. Seine rund 100 Maßnahmen stellen die Vielfalt der Klimapolitik in Berlin dar – vom klimaschonenden Bauen in Holzbauweise über die Biotonne auf dem Hof bis zum Lastenfahrrad auf der Straße, vom Klimaschutz-Start-up bis zum Trinkwasserbrunnen. Wir investieren massiv in erneuerbare Energien, gerade in der gegenwärtigen Energiekrise. Ab dem 1. Januar 2023 gilt die Solarpflicht für Neubauten, damit wir die vielen Dächer Berlins besser nutzbar machen und auch damit einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der Klimaschutzziele leisten.

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