11 Klima-Fragen an Jonathan Berlin: „Eine autofreie Stadt könnte ein Türöffner sein“

Berlin streitet über Klimawandel und Klima-Kleber. Wir fragen, was sich ändern muss. Heute: Schauspieler Jonathan Berlin isst vegan und will die Stadt neu denken.

Berliner Zeitung/Uroš Pajović

Der Sommer war zu heiß, der Herbst zu warm, das Jahr 2022 wieder viel zu trocken. Nur noch vier von hundert Bäumen in Berlins Wäldern sind gesund. Jeder in Berlin spürt, dass sich das Klima verändert. Auch politisch bewegt das Thema die Stadt, 180.000 Menschen haben unterschrieben, dass Berlin schon 2030 klimaneutral werden soll, es wird einen Volksentscheid geben. Fast täglich blockiert die Protestgruppe Letzte Generation die Straßen, fordert schnellere Klimaschutzmaßnahmen.

Was sollen wir unternehmen, um dem Klimawandel zu begegnen, wie soll sich Berlin verändern? Was kann man selbst tun? Wir wollen in der Berliner Zeitung so viele Stimmen wie möglich zu Wort kommen lassen. In einem Fragebogen. Diesmal hat Schauspieler Jonathan Berlin geantwortet.

Der Klimawandel wird unser aller Leben verändern. Wovor haben Sie am meisten Angst?

Davor, dass wir das Ruder aus der Hand geben, dass wir zu spät handeln und Kipppunkte eintreten, von denen die ersten schon 2030 erreicht sein könnten. So vieles von dem, was eine freie Gesellschaft ausmacht – Sicherheit, Freiheit, Demokratie und Wohlstand – steht auf dem Spiel, wenn die Politik jetzt nicht handelt.

Was tun Sie persönlich, um Ihre CO-Bilanz zu senken?

Ich ernähre mich weitestgehend vegan, mache nur vereinzelt vegetarische Ausnahmen, versuche auch ins Ausland den Zug zu nehmen und nehme im Alltag die Öffis oder das Rad. Das ist zwar alles schön und gut, bringt aber wenig, wenn die großen Weichen nicht politisch und wirtschaftlich gestellt werden. Man muss sich immer wieder klarmachen, dass etwa 100 Konzerne für rund 70 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich sind.

Worauf wollen Sie trotz Klimawandel nicht verzichten?

Ich finde den Begriff des Verzichts im Kontext der Klimakrise immer so eine Sache. Wir haben im Westen jahrzehntelang absolut ausufernd gelebt – auf Kosten kommender Generationen und auf Kosten der Länder, die viel weniger CO₂ verursachen als wir, jedoch viel extremer unter der Klimakrise leiden. Die Wissenschaft zeichnet ein ganz klares Bild: Verändern wir jetzt noch richtig was in der Art zu wirtschaften, zu konsumieren und zu leben, dann können wir noch sehr viel für uns und diejenigen tun, die nach uns kommen. Das zu verfolgen, relativiert für mich in jeglicher Hinsicht den Begriff des Verzichts, wenn man bedenkt, was auf dem Spiel steht.

Was muss sich in Ihrer Branche am dringendsten ändern?

Grundsätzlich wünsche ich mir, dass die Klimakrise im ganzen Produktionsprozess von Film und Fernsehen viel stärker mitgedacht wird. Züge müssen die Flugreisen ersetzen, Autos und Generatoren elektrisch werden. Oder auch schlicht beim Essen – wieso ist Fleisch der Standard und nicht die Ausnahme, wenn es eine der effektivsten Maßnahmen ist, die Emissionen einer Produktion zu senken? Zum Glück wird in der Branche gerade durch tolle Initiativen manches auf den Weg gebracht, was das grüne Drehen angeht.

Klimaaktivisten blockieren regelmäßig Straßen in Berlin. Hilft das der Sache oder schadet es mehr?

Zunächst einmal finde ich es schon erstaunlich, dass oftmals mehr darüber gesprochen wird, dass Aktivist:innen eine Straße blockieren, als darüber, dass wir gerade den heißesten Sommer seit 500 Jahren hatten: Dürren, Waldbrände in ganz Europa, dass Pakistan unter katastrophalen Fluten leidet etc. – darauf wollen ja die Aktivist:innen aufmerksam machen. Aber ganz pragmatisch gesehen: Wenn durch die Straßenblockaden der Blick mehr auf die Aktivist:innen als auf das Thema Klimakrise fällt, dann scheint der Protest offenbar nicht zu greifen, obwohl ich den Impuls aus aktivistischer Sicht im Angesicht der klimapolitischen Weltlage emotional verstehe. Ich denke, die Herausforderung für die Klimabewegung wird in den nächsten Monaten und Jahren vor allem die Frage sein: Wie können alle ins selbe Boot gebracht werden? Da wird in der Art, wie man miteinander kommuniziert, viel Empathie und Fingerspitzengefühl gefragt sein.

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Zur Person
Der Schauspieler Jonathan Berlin, geboren 1994, spielte zuerst beim Jungen Ensemble des Theaters Ulm. Seine Schauspielausbildung absolvierte er an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Er hat in zahlreichen Fernsehproduktionen und Filmen gespielt, darunter „ Die Freibadclique“ oder „Kruso“. Zuletzt war er im Kinofilm „Die Passfälscher“ zu sehen. Im Februar 2021 outete sich Jonathan Berlin bei der Aktion #actout im SZ-Magazin mit 184 anderen Schauspielern als Teil der LBGT-Community. Er lebt in Berlin.

Können Sie sich Berlin ganz ohne Autos vorstellen?

Klar, das könnte toll sein. Stellen Sie sich nur vor, wie viel Platz, Ruhe und Grün dadurch entstehen könnte. Die Umstellung müsste sozial gerecht erfolgen, auch die äußeren Bezirke der Stadt müssten top angebunden sein, die Öffis am besten im Stil eines 9-Euro-Tickets laufen. Sicherlich müssten (für einen Teil der Infrastruktur und das Gesundheitswesen) noch manche Autos oder Lkws fahren, aber man könnte es in einem gut austarierten System bestimmt auf ein Minimum reduzieren. Ich glaube, wir haben gar keine Vorstellung davon, was das an zusätzlicher Lebensqualität bedeuten könnte.

Haben Sie vor, Ihr Auto abzuschaffen?

Ich hatte nie eines.

Was erwarten Sie von der Politik – was sollte sie als dringendste Klimaschutzmaßnahme durchsetzen?

Ich erwarte von der Politik, dass die Klimakrise wie eine Krise behandelt wird, oberste Priorität hat und dass Politiker:innen in Regierungsverantwortung die Gesetze auf den Weg bringen, mit denen die Bundesregierung das 1,5-Grad-Ziel einhalten kann. Da es mittlerweile auch Initiativen wie German Zero gibt, die eben genau jene Gesetzespakete erarbeitet haben, die auf den 1,5-Grad-Pfad führen würden, liegen die Lösungen auf dem Tisch – es ist also keine Sache der Unmöglichkeit. Wenn Herr Scholz tatsächlich ein Klimakanzler sein will: Rausreden geht jetzt nicht mehr.

Klimaschutzminister Habeck duscht nur noch zwei Minuten. Wie lange stehen Sie noch unter der Dusche?

Ich habe es noch nicht gestoppt, aber muss mich da Herrn Habeck wahrscheinlich geschlagen geben. Kommt auf meine Liste.

Was ist Ihr bester, klimaschonender Alltags-Tipp?

Klimastreik und schlafen.

Berlin im Jahr 2030: Was muss geschehen, damit wir es in der Stadt auch dann noch aushalten?

Ich denke, dass man die Stadt wirklich neu denken muss. Gerade hatten wir ja schon über eine weitestgehend autofreie Großstadt gesprochen. Ich denke, das könnte ein Türöffner sein. Auch Dinge wie eine großflächige Bepflanzung von Hauswänden, mehr Grünflächen etc. könnten die Temperatur in der Stadt nicht unerheblich senken. Am wichtigsten ist, dass Berlin bis 2030 klimaneutral wird – ein Volksbegehren läuft dazu gerade.