11 Klima-Fragen an Julia Franck: „Berlin ohne Autos? Es wird sehr schön sein“

Was denken Berliner über Klimawandel und Klima-Kleber? Heute: Schriftstellerin Julia Franck hat ihr Auto abgeschafft, obwohl sie gern gefahren ist.

Berliner Zeitung/Uroš Pajović

Der Sommer war zu heiß, der Herbst zu warm, das Jahr 2022 wieder viel zu trocken. Nur noch vier von hundert Bäumen in Berlin sind gesund. Das Klima verändert sich. Auch politisch bewegt das Thema die Stadt, 180.000 Menschen haben unterschrieben, dass Berlin schon 2030 klimaneutral werden soll, es wird einen Volksentscheid geben. Fast täglich blockiert die Protestgruppe Letzte Generation die Straßen.

Was sollen wir tun, um dem Klimawandel zu begegnen, wie soll sich Berlin verändern? Wir wollen in der Berliner Zeitung so viele Stimmen wie möglich zu Wort kommen lassen. Diesmal hat die Schriftstellerin Julia Franck unsere elf Fragen beantwortet.

Frau Franck, der Klimawandel wird unser aller Leben verändern. Wovor haben Sie am meisten Angst?

Das Aussterben vieler Pflanzen- und Tierarten, deren Lebensraum schwindet. Dürre, Wasserknappheit und Hungersnöte, auf der anderen Seite Überschwemmungen.

Was tun Sie persönlich, um Ihre CO₂-Bilanz zu senken?

Bahn fahren, wenn ich beruflich reisen muss, in den letzten zwei Jahren nur ein einziger Flug, innereuropäisch, one way. Privat und innerhalb Berlins fahre ich auch im Winter Rad, viele Strecken laufe ich, im Sommer Wandern und Schwimmen. Kein Obst und Gemüse in Plastikfolie, meist im Bioladen oder auf dem Markt, also regional und saisonal. Kleidung und Schuhe trage ich zehn Jahre und länger, verwende im Haushalt so gut wir nirgendwo Plastik. Meine Tochter ist seit Jahren Veganerin, also kochen und essen wir im Alltag vegan. Dass ich bei Freunden Fleisch gegessen habe, kann ich in diesem Jahr an einer Hand abzählen. Getränk: Leitungswasser. Einkäufe erledige ich grundsätzlich nur zu Fuß oder mit dem Rad, mit Rucksack auf dem Rücken. Ich habe keine Tiefkühltruhe, keinen Föhn, Trockner usw., alles überflüssige Geräte. Eine sparsame und naturnahe Kindheit hat mich geprägt. Selbst im Winter schlafe ich bei offenem Fenster und habe in diesem Jahr die Heizung noch nicht angestellt. Ich muss im Winter kein T-Shirt in der Wohnung tragen, es gibt Pullover und dicke Decken, einen Waschlappen zum Waschen. Wenn ich am Schreibtisch friere, stelle ich mir meine kupferne Wärmflasche unter die Füße, wickle mich in eine Wolldecke und behalte einen kühlen und klaren Kopf. Mülltrennung, Kompost. Ein einziges Mal in meinem Leben bin ich vor gut 15 Jahren Ski gefahren und fand es sensationell schön. Trotzdem verzichte ich.

Worauf wollen Sie trotz Klimawandel nicht verzichten?

Auf die Waschmaschine und den Geschirrspüler, zumal beide wasser- und energiesparend sind. Ich habe sehr enge Freunde in Frankreich und Italien, die möchte ich mindestens alle zwei Jahre besuchen, lieber jedes Jahr. Überhaupt Reisen: von Zeit zu Zeit in eine andere Region und vielleicht noch einmal auf einen anderen Kontinent zu reisen. Ich muss gestehen, dass ich fast zwanzig Jahre sehr gern Auto gefahren bin, solange ich selbst am Steuer bin. Noch immer miete ich selten ein Auto (alle zwei, drei Jahre) und nutze mehrmals im Jahr Carsharing, wenn es einen Notfall gibt, in Strömen regnet oder ein Ausflug an einen Ort ohne Bahnhof ansteht.

Auf meine elektronischen Arbeitsgeräte wie Notebook und Handy möchte ich nicht verzichten. Obwohl sie in Teilen aus Kunststoffen sind, in ihnen Lithium und andere giftige Stoffe verbaut sind, ihre Herstellung, Verwendung und Entsorgung die Umwelt belastet, benötige ich beides zum Arbeiten. Ich möchte auf Bahnfahrten nicht verzichten. Ich liebe manche Nahrungsmittel aus anderen Ländern. Auf Zitronen, Orangen und Granatäpfel möchte ich nicht verzichten, ab und zu eine Avocado, Passionsfrucht oder Seefisch. Für einen Genussmenschen ist es manchmal schwer, radikal zu verzichten.

Was muss sich in Ihrer Branche am dringendsten ändern?

Die Herstellung von Büchern wird seit Jahren umgestellt. Auch wenn ich Papier ein wunderschönes Material finde und am liebsten im Buch lese, so ist das Lesen selbst seit Jahren nicht mehr auf das gedruckte Buch angewiesen. Selbstverständlich kann man auf einem elektronischen Lesegerät über die Jahre Hunderte Bücher lesen, die entsprechend nicht gedruckt und in Lastwagen, Zügen, Schiffen usw. auf Reisen geschickt werden müssen. Über Audible und ähnliche Anbieter können wir heute Hörbücher hören, ohne eine Schallplatte, CD oder Ähnliches pressen zu müssen. Keine Musikaufnahme ersetzt mir ein Konzert, keine digitale Abbildung im Netz den Besuch im Museum. Literatur aber entsteht im Kopf, sie lässt uns Reisen in andere Welten machen, ohne ein Flugzeug oder eine Zeitmaschine zu besteigen.

Klimaaktivisten blockieren regelmäßig Straßen in Berlin. Hilft das der Sache oder schadet es mehr?

Dass Menschen ihrer Angst, Wut und Empörung angesichts der menschengemachten Katastrophe Ausdruck verleihen, ist gut. Nur erzeugen die Sitzstreiks vermutlich das Gegenteil dessen, was sie wollen: Die Autos stehen länger bei laufenden Motoren auf den Straßen, Rettungswagen, Handwerker und Lieferwagen kommen zu spät, sie alle verbrauchen mehr Sprit im Stau. Die Wut auf allen Seiten wächst.

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Berliner Zeitung/Mike Fröhling
Zur Person
Julia Franck, geboren 1970 in Ost-Berlin, ist Schriftstellerin und ab Sommer 2023 gemeinsam mit Rainer Wieland neue Herausgeberin der Anderen Bibliothek. Im letzten Jahr erschien ihr jüngstes Werk „Welten auseinander“ (S. Fischer Verlag), im November erhielt sie den Schiller-Gedächtnispreis. Die Verfilmung ihres internationalen Erfolgs „Die Mittagsfrau“ kommt mit Mala Emde in der Hauptrolle 2023 ins Kino. 

Können Sie sich Berlin ganz ohne Autos vorstellen?

Natürlich. Es wird sehr schön sein. Endlich können wir wieder auf den Straßen gehen und gefahrloser Rad fahren. Selbst Städte wie Paris haben ihren Autoverkehr stark eingeschränkt, immer mehr Städte in Italien, der Schweiz und Frankreich haben autofreie Zonen.

Haben Sie vor, Ihr Auto abzuschaffen?

Das habe ich bereits 2007, obwohl es mir nicht leichtfiel. Das Autofahren selbst machte mir riesigen Spaß, mein erster Berufswunsch war Kosmonautin, später Pilotin. Die Faszination für Technik, das Steuern, Lenken, die Geschwindigkeit – gehören vielleicht zum männlichen Anteil in mir. Auf der Rückbank werde ich reisekrank, wie auch auf Schiffen und in Flugzeugen öfter, selbst in Zügen manchmal. Meine Kinder waren damals noch klein, und alle Welt glaubt, man bräuchte ein Auto, um Kinder zu chauffieren und einzukaufen. Ein Irrtum. Mein Sohn fragte mich als kleiner Junge: Aber wo kann der Eisbär wohnen, wenn das Eis schmilzt? Beiden Kindern wurde auf dem Rücksitz des Autos immer schlecht, sie konnten jetzt laufen und eins schon Rad fahren, warum also noch ein Auto?

Was erwarten Sie von der Politik – was sollte sie als dringendste Klimaschutzmaßnahme durchsetzen?

Die erneuerbaren Energien weiter ausbauen. Die Bahnnetze, Fernverkehr und öffentlichen Nahverkehr besser ausbauen, subventionieren und aus dem Privatverkehr querfinanzieren. Warum werden die Grundsteuern für das private Halten eines Autos sowie Park- und Spritkosten nicht drastisch erhöht? Wie in Singapur, dort kann und möchte sich so gut wie niemand ein Auto leisten. Das Auto muss seinen Nimbus als Status- und Freiheitssymbol verlieren. Wie kommt es, dass hier in Deutschland immer größere Autos den Stadtverkehr bestimmen, immer mehr SUV und Geländewagen zwängen sich durch Wohnstraßen, zugeparkte Radwege, suchen Parkplätze, ein Wahnsinn.

Warum kosten Milch und Fleisch nur Pfennige? Der Druck auf die Landwirtschaft war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts enorm, viele Bauern mussten ihre Höfe aufgeben, wenn sie nicht für die Massentierhaltung geeignet waren, der Bedarf an viel billigem Fleisch und Milchprodukten (in Plastikverpackung) wuchs in der Zeit des Wirtschaftswunders rasant an – während das Bewusstsein für die Auswirkung auf das Klima sich nur äußerst langsam entwickelte. Wer es gut mit der Welt meinte, kaufte sich noch um die Jahrtausendwende billiges Grillfleisch und lud zehn Liter Milch beim Familien-Wochenendeinkauf ins Auto, ging in den Zoo und spendete jährlich an Greenpeace oder Brot für die Welt. Ich glaube, das hat sich heute geändert. Unsere Kinder lernen inzwischen schon in der Grundschule, was der Klimawandel bedeutet, was Nachhaltigkeit ist und wo die Eigenverantwortung des Menschen beginnt.

Klimaschutzminister Habeck duscht nur noch zwei Minuten. Wie lange stehen Sie noch unter der Dusche?

Leider ist der Wasserdruck in unserem Mietshaus äußerst gering, daher nutze ich jeden zweiten Tag den Waschlappen. Es dauert oft vier bis fünf Minuten, ehe die Gastherme das Wasser so erwärmt hat, dass man sich unter fließend warmem Wasser duschen kann. Die Zwei-Minuten-Dusche habe ich schon vor 20 Jahren entdeckt, als meine Kinder geboren wurden und fortan die Zeit fehlte.

Was ist Ihr bester klimaschonender Alltagstipp?

Das Auto wegdenken und aufgeben, auch wenn es Spaß macht und unentbehrlich scheint. Insgesamt weniger konsumieren. Mülltrennung schafft Bewusstsein: wo möglich auf Plastik verzichten und statt Heizen öfter warme Kleidung anziehen, wenn es kälter wird. Statt Sportstudio sich einfach zu Fuß und mit dem Rad fortbewegen, Einkäufe schleppen statt Gewichte stemmen.

Berlin im Jahr 2030: Was muss geschehen, damit wir es in der Stadt auch dann noch aushalten?

Der private Kraftverkehr gehört nicht in die Stadt, das Auto muss hier wie in anderen westlichen Großstädten weitgehend aus den Innenstädten verschwinden. Radwege noch weiter ausbauen. Die Straßen zunehmend völlig autofrei gestalten. Das Bahnnetz in die Umgebung könnte besser ausgebaut werden, vielleicht wieder mehr Straßenbahnen und Regionalbahnlinien öffnen. Modell Schweiz, der Berliner will ja an die Seen und in Sommerhäuser fahren, das muss ihm ohne Auto möglich sein. Förderung der Solarenergie auf den Dächern. Die Oberfläche der Stadt wird erstaunlich wenig für erneuerbare Energien genutzt. Wärmepumpen könnten an geeigneten Stellen der Stadt gebaut werden. Unterirdische Zisternen für die Bewässerung der wunderbaren Berliner Parkanlagen. Der Botanische Garten hat schon seit fast hundert Jahren solche unterirdischen Zisternen und sich gerade in diesem Jahr erst eine weitere gebaut.