Ein Lotto-Berater sagt: „Die große Kunst ist es, langfristig zufrieden zu sein“

Erstmals ging der Hauptgewinn im Eurojackpot von 120 Millionen Euro nach Berlin. Lutz Trabalski berät frische Lotto-Millionäre und kennt ihre Träume.

Das Eurojackpot-Ziehungsstudio im finnischen Helsinki.
Das Eurojackpot-Ziehungsstudio im finnischen Helsinki.Lotto Hessen

Bei der Lotterie Eurojackpot gibt es einen neuen Maximal-Jackpot, der nun erstmals nach Deutschland ging. Nach Berlin. Am Dienstagabend tippte jemand richtig, in diesem Falle goldrichtig und ist nun 120-facher Millionär. Der Einsatz: 20,50 Euro. So viel ist bekannt: Der Lottoschein wurde am Dienstag kurz vor Annahmeschluss anonym in einer Annahmestelle in Charlottenburg-Wilmersdorf abgegeben. Am Dienstag kamen in Berlin noch zwei Millionengewinne dazu, die beiden gewannen jeweils 1.209.751,50 Euro. Ein Gespräch mit dem Gewinnberater Lutz Trabalski von der Berliner Lottogesellschaft über die Lebensträume der Gewinner.

Herr Trabalski, haben sich die drei frischen Berliner Lotto-Millionäre schon bei Ihnen gemeldet?

Nein. Seit dem Gewinn ist ja erst ein Tag vorbei. Die meisten melden sich innerhalb von drei Tagen.

120 Millionen Euro sind eine riesige Menge Geld. Wie groß ist der größte Batzen, den Sie mal gesehen haben?

Physisch habe ich vielleicht mal 20.000 Euro bei einem Autoverkauf gesehen. Aber 120 Millionen? Solch einen Batzen kann ich mir nicht mal vorstellen.

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Zur Person
Lutz Trabalski
ist 61 Jahre alt. Er ist Gewinnberater, aber eigentlich Leiter beim Kundenservice, und die Beratung ist nur ein kleiner Teil seiner Aufgaben. Er hat Umwelttechnik studiert und arbeitete schon als Student bei der Lotto-Gesellschaft. Dann ist er dort geblieben.

Ab welcher Gewinnsumme ist es sinnvoll, mit einem Berater wie Ihnen zu reden, statt alles allein organisieren zu wollen?

Das hängt von den Menschen selbst ab. Niemand muss unser Beratungsangebot annehmen. Ab ein oder zwei Millionen Euro sollten die Gewinner das Gespräch mit uns suchen. Manche wollen auch erst mal gar nicht mit ihren Steuerberatern oder der Bank reden.

Wie viele Lottogewinner haben Sie bereits beraten?

Millionäre bestimmt mehr als 100, ich mache das ja schon seit mehr als 20 Jahren.

Hat Ihnen ein Gewinner schon mal einen Anteil vom Gewinn angeboten?

Noch nie. Wirklich nicht. Ich dürfte ja auch gar nichts annehmen. Ich bin auch froh darüber, dass ich keine unmoralischen Angebote bekomme. Ich werde quasi wie eine Amtsperson wahrgenommen oder wie ein Busfahrer. Dem sagen die Passagiere ja auch nicht nach der Fahrt: „Tolle Tour, hier haben Sie noch mal zwei Euro extra.“

Was ist die größte Summe, bei der Sie die Gewinner beraten haben?

48 Millionen Euro. Die 120 Millionen jetzt würde ich auch gern beraten.

Wie sind die klassischen Reaktionen der Gewinner?

Die sind sehr unterschiedlich, aber alle sind total aufgeregt und meist auch euphorisch.

Welche Reaktion hat sie bisher am meisten überrascht?

Dass mal jemand total emotionslos blieb. Der Mann hat neun Millionen Euro gewonnen und hatte einen ganz klaren Plan. Er kam aus der Immobilienbranche und kannte große Summen immerhin schon vom Papier. Aber wie cool, klar und ruhig dieser Mann zur Tagesordnung übergegangen ist, hat mich sprachlos gemacht.

Sicher sollen die Gewinner erst mal schweigen. Was raten Sie sonst noch so?

Schweigen und Ruhe bewahren. Sie sollen sich Gedanken machen: Was möchte ich eigentlich. Da sind die Lebensplanungen und Ideen bei einer jungen Gewinnerin ganz anders als bei mir mit 61 Jahren. Die Frage ist immer: Will ich mit dem Geld weiter Gewinn erzielen oder will ich meine Träume erfüllen.

Was waren die schönsten Lebensträume, die sich die Gewinner erfüllen wollten?

Niemand hat gesagt: „Ich kaufe mir einen Zirkus oder eine Insel.“ Ich hatte mal einen Mann, der war querschnittsgelähmt und wollte in den Amazonas. Mit dem Geld konnte er sich teure Boote leisten. Ich war froh, dass er nicht auf den Mount Everest wollte, das wäre kaum zu erfüllen gewesen. Auch nicht mit sehr viel Geld.

Haben Sie eine Standartfrage an die Gewinner?

„Was kaufen Sie als Erstes?“ Männer wollen Autos oder edle Uhren, Frauen wollen tatsächlich Schuhe oder Mode. Eine Frau sagte mir aber mal: „Ich kaufe jetzt unverpackte Wurst von der Theke, nicht mehr dieses eingeschweißte Zeug. Das kaufe ich nie wieder.“ Sie wollte keine Gänseleber oder Trüffel, sondern einfach nur Serrano-Schinken. Die Frau war echt geerdet. Manchmal sind die Wünsche wunderbar bodenständig.

Wem sollten die Gewinner etwas erzählen, dem Ehepartner?

Das lässt sich schwer verhindern. Aber sonst den Kreis möglichst klein halten. Vorsicht auch erst mal bei den Kindern oder Geschwistern. Idealerweise nur ein bis drei Leute, sonst kommen alle mit Wünschen und sagen: „Du hast es ja.“ Aber die Entscheidung, was mit dem Gewinn passiert, steht nur dem Gewinner zu.

Was würden Sie mit einem Millionen-Gewinn machen?

Ich persönlich? Ich hab ein paar Träume, bin ein Berliner Mietskasernenkind. Ich hab immer noch den klassischen Traum eines Hauses, idealerweise in Berlin am See mit einem Garten. Und wenn Sie mich richtig viel gewinnen lassen, würde ich auch viel dem Verein Die Arche spenden, die hier in Berlin Kinder unterstützt.

Melden sich auch mal Gewinner von großen Summen gar nicht, weil sie den Lottoschein verbummelt haben?

Kam auch schon vor. Manche behaupten auch einfach, dass sie gewonnen haben. Es gibt einen Mann, der will noch immer einen Gewinn von 1991. Er behauptet, der Schein wurde ihm angeblich aus der Jacke gestohlen. Einmal wurde einem Mann die Geldbörse tatsächlich gestohlen, als er auf dem Weg zu unserer Lottozentrale war. Aber wir konnten ihn eindeutig identifizieren. Er hatte mit Kundenkarte gespielt. Das war sein Glück.

Hat schon mal jemand einen Lottogewinn abgelehnt?

Nee (lacht).

Eine klassische Frage: Macht Geld glücklich? Kennen Sie viele Lottomillionäre, die wieder pleitegegangen sind?

Ich persönlich kenne niemanden. Aber ein Dortmunder ist gerade auf dem Weg, sich nach einem Lottogewinn unglücklich zu machen. Er präsentiert sich ganz breit in der Boulevardpresse. Die Lottokollegen dort haben zwar versucht, ihn wieder „einzufangen“, aber das hat nicht geklappt. Es gab mal den berühmten „Lotto-Lothar“, der vor Jahrzehnten wieder pleiteging. Ich sage immer: Wer im Lotto gewinnt, hat einfach nur Glück gehabt. Die ganz große Kunst ist es, aus diesem singulären Ereignis einen Dauerzustand zu machen und langfristig zufrieden zu sein.

Ich finde, 120 Millionen Euro sind viel zu viel Geld. Sind solche Summen nicht auch gefährlich und viel zu stressig für Normalbürger, weil die nun einen Beraterstab benötigen?

Das stimmt schon. Aus meiner persönlichen Sicht sind 120 Millionen Euro viel zu viel. Aber in den USA gibt es jetzt auch Milliardengewinne. Wir müssen so etwas anbieten, sonst wandern die Leute ins Internet ab, und dort wird es dann komplett illegal, von Spielsucht ganz zu schweigen.

Spielen Sie selbst Lotto?

Selbstverständlich. Ich hatte sogar bei der gestrigen Ziehung die Hoffnung, dass ich gewinne. Andererseits – was wäre das für eine Schlagzeile: „Gewinnberater knackt Jackpot.“

Schon mal gewonnen?

Ja, mit drei Kollegen. 1000 Euro.

Das Gespräch führte Jens Blankennagel.