Berlin - Was für ein Tag an der Berliner Mauer! Am frühen Morgen des 13. September 1964, einem Sonnabend, kommt es zwischen Heinrich-Heine- und Alte Jakobstraße in Mitte nach einem Fluchtversuch zu einem Feuergefecht zwischen DDR-Grenzsoldaten, US-Militär und West-Berliner Polizeibeamten.

Und 14 Stunden später fährt der amerikanische Bürgerrechtler und Baptistenprediger Martin Luther King ohne Ausweispapiere am Checkpoint Charlie vor, um in den Ostteil der Stadt einzureisen. Generalsuperintendent Gerhard Schmitt, Patenonkel des heutigen Bundespräsidenten Joachim Gauck, hatte den in West-Berlin weilenden King zu einem ökumenischen Gottesdienst in die Ost-Berliner Marienkirche eingeladen.

„Es gibt solche Tage, da bündelt sich Geschichte an einem Ort wie unter einem Brennglas“, sagt der Berliner Filmemacher Andreas Kuno Richter. Jener Septembertag 1964 sei ein solches Datum: Am Morgen die ganze Brutalität und Gefährlichkeit des Kalten Krieges, am Abend die Hoffnung der Menschen auf ein friedliches Miteinander in Freiheit. „Die Wirklichkeit liefert eben immer noch den besten Filmstoff“, sagt Richter. Und daher will er jetzt einen Dokumentarfilm machen über den 13. September 1964, über die Schüsse am Morgen und die Predigt am Abend.

Sätze, die den Nerv der Zuhörer trafen

Es war 5.20 Uhr an diesem Septembermorgen, als der damals 21 Jahre alte Michael Meyer aus Fredersdorf in der Nähe des Grenzübergangs Heinrich-Heine-Straße über die Mauer zu fliehen versuchte. DDR-Grenzsoldaten eröffneten sofort das Feuer, Meyer wurde von fünf Kugeln getroffen und blieb auf dem Todesstreifen liegen. Nach einem minutenlangen Feuergefecht zwischen Ost und West gelang es einem US-Sergeant, Michael Meyer mit einem Seil über die Mauer auf West-Berliner Gebiet zu ziehen.

Am Tag zuvor war Martin Luther King auf dem Flughafen Tempelhof gelandet. Er kam auf Einladung des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt und der Evangelischen Kirche nach West-Berlin, um die Berliner Festwochen zu eröffnen. Nach dem Grenzzwischenfall am Morgen besuchte er demonstrativ ein Wohnhaus in der Kreuzberger Stallschreiberstraße, das von den Kugeln getroffen worden war.

Am Abend sollte der Bürgerrechtler in Ost-Berlin predigen. Allerdings hatten ihm die US-Besatzungsbehörden den Pass abgenommen, weil sie um Kings Sicherheit in Ost-Berlin fürchteten. Doch der ließ sich nicht abhalten: Gegen 19 Uhr am Sonnabend fuhr King am Checkpoint Charlie vor und bat um Einreise. Den DDR-Grenzern legte er seine American-Express-Kreditkarte vor. Nach einer halben Stunde durfte der Gast aus Amerika passieren.

Es wurde ein triumphaler Auftritt des schwarzen Bürgerrechtlers in Ost-Berlin. Die Marienkirche war hoffnungslos überfüllt, so dass Generalsuperintendent Gerhard Schmitt spontan einen zweiten Gottesdienst in der Sophienkirche organisierte. Tausende Ost-Berliner waren gekommen, drängelten sich in und vor den beiden Kirchen. King hielt dieselbe Predigt, die er schon Stunden zuvor vor 20.000 Besuchern in der West-Berliner Waldbühne gehalten hatte.

Er sprach über die Rassentrennung in den USA und den mühsamen Weg zu ihrer Überwindung. Und dann sagte er Sätze, die den Nerv der Zuhörer trafen. „Es ist wahrhaftig eine Ehre, in der Stadt zu sein, die Symbol der Teilung durch Menschen auf dieser Erde ist“, sagte King. „Hier sind auf beiden Seiten der Mauer Gottes Kinder, und keine durch Menschenhand gemachte Grenze kann diese Tatsache auslöschen.“

Die Geschichte noch einmal auferstehen lassen

In den DDR-Zeitungen wurde an den kommenden Tagen nur mit ein paar Zeilen über den Auftritt des Amerikaners in Ost-Berlin berichtet. Die Berliner Zeitung schrieb über die Predigt lediglich, der „bekannte Negergeistliche Dr. Martin Luther King … bezeichnete den Kampf um die Befreiung von rund 20 Millionen amerikanischen Negern aus der Finsternis der Rassentrennung als eine große soziale Revolution“. Kings Sätze über die Mauer blieben unerwähnt.

Filmemacher Andreas Kuno Richter will in seiner Dokumentation die Geschichte dieses Tages noch einmal auferstehen lassen. „Für meinen Film brauche ich Zeitzeugen, die vor der Kamera von jenem Tag erzählen“, sagt Richter. Vor allem aber sucht er private Filmschnipsel und Fotos, die an diesem 13. September 1964 entstanden sind. „Das können Aufnahmen von Kings Besuch in den Ost-Berliner Kirchen sein, aber auch ganz normale Alltagseindrücke von diesem Tag“, sagt er.

Zeitzeugen gesucht: Wer helfen will, Material hat oder erzählen möchte, kann sich bei Richter melden.

Kontakt über die Internetseite www.kunorichter.de