Die Geschichte klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Bislang hat die Polizei aber keine Zweifel, dass sie sich genau so zugetragen hat: Eine 78-jährige Frau vergisst in der U-Bahn-Linie 6 eine Tasche mit Goldschmuck und Bargeld im Wert von insgesamt 14.000 Euro. Ein 16-jähriges Flüchtlingsmädchen bringt es ihr zurück – und verzichtet dann auf den Finderlohn.

„Meine Religion verbietet mir, Geld, das mir nicht gehört, zu behalten“, sagt Laila A. Sie lebt mit ihrer 43-jährigen Mutter Pravda A. und ihren drei Geschwistern in der Flüchtlingsunterkunft an der Daimlerstraße in Marienfelde, zusammen mit mehreren Hundert anderen Bewohnern, die meisten aus Afghanistan, Syrien und dem Irak. Lailas Familie war vor zwei Jahren aus der irakischen Hauptstadt Bagdad gekommen.

Mit ihrer Mutter suchte Laila nach dem Besitzer 

Die Familie hat in Deutschland eine Duldung. Laila macht eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin. Als sie am vergangenen Freitag in der U-Bahn zur Berufsschule fuhr, sah sie eine alte Frau, die mehrere Taschen dabei hatte. Als sie wenig später wieder von ihrem Handy aufsah, war die Frau ausgestiegen, sagt Laila. Eine der Taschen lag noch da. Also habe sie die Tasche mitgenommen.

In der Unterkunft zeigte sie ihrer Mutter den Fund. In der Tasche war ein Handy, auf dem Telefonnummern gespeichert waren. Diese hätten sie angerufen, erzählen beide. Einem Nachbarn der 78-Jährigen, den sie anriefen, schilderte Laila, was sie gefunden hatte. Als zwei Tage lang nichts passierte, gab die Mutter das Fundstück im Polizeiabschnitt 47 in Lichtenrade ab.

Finderlohn wollte die 16-Jährige nicht annehmen

Inzwischen hatte die 78-Jährige den Verlust der Polizei gemeldet. Sie gab an, die Tasche mit dem Geld im Zug vergessen zu haben. Weil auch ein Diebstahl nicht ausgeschlossen war, wurde eine Diebstahl-Anzeige geschrieben.

Auf den gesetzlichen Finderlohn verzichteten Laila und Pravda A. Ihnen hätten 210 Euro zugestanden. Also 1,5 Prozent vom Wert des gefundenen Gegenstandes. Den Finderlohn wollte die Familie allerdings nicht annehmen. „Geld ist in unserer Situation egal. Wir brauchen dringend eine Wohnung, damit wir endlich zur Ruhe kommen“, erklärt Lailas Mutter.