Berlin - Es ist der 8. Juni 1840, der zweite Pfingstfeiertag. Am Tag zuvor ist Friedrich Wilhelm III. verstorben. Berliner Juden versammeln sich in der privaten Wolffschen Synagoge nahe der heutigen Schillingstraße. Tiefe Betroffenheit spricht aus  der Predigt von Rabbiner Isaak S. Borchardt. Und Unsicherheit. Wie es wohl unter dem Nachfolger weitergehen werde? Dem Verstorbenen verdanken sie bislang nicht Dagewesenes: Mit dem Preußischen Judenedikt hatte er sie 1812 von „Schutzjuden“ zu Staatsbürgern gemacht, ihnen weitgehende Niederlassungs-, Handels- und Gewerbefreiheit gewährt. Erstmals konnten sich Juden fast im gesamten Preußen frei bewegen, beinahe jedes Gewerbe wählen und ohne obrigkeitliche Kontrolle Grundbesitz erwerben. Fast alle Sonderabgaben waren weggefallen. Beschränkt blieb die Zulassung zu Staatsämtern und zum Offizierskorps.

„Wenn wir jüdische Nation die erlangten Gnaden behalten wollen“, predigte Rabbiner Borchardt, „und auf noch andere Gnaden hoffnungsvoll  harren, um das Werk der Gnade im weitesten Sinne zu erlangen, so sind wir dem Allerdurchlauchtigsten Thronfolger in gleichem Verhältnisse wie dem verklärten Monarchen  Hochachtung, Ehrfurcht und Liebe, Gehorsam und Treue zu leisten verpflichtet.“ Ihre Hoffnungen sollten erfüllt werden. Gesetz um Gesetz festigte sich in den kommenden Jahren ihr Bürgerstatus, wuchsen die Freiheiten. 1869 hob schließlich das Emanzipationsgesetz „alle noch bestehenden Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte“ auf, die aus der Verschiedenheit der religiösen Bekenntnisse hergeleitet wurden. Die preußischen Juden ergriffen die Chancen. Ihr wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Aufstieg verlief rasant.

Neu gewonnenes Selbstbewusstsein und schwindende Angst vor Willkür sprach dann am 26. März 1846 aus  dem Schreiben der „Ältesten und Vorsteher der Judenschaft an die verehrlichen Mitglieder unserer Gemeinde“. Es war ein Spendenaufruf. Vier Wochen zuvor hatte man bei der Staatsbehörde um Erlaubnis zum Neubau einer Synagoge nachgesucht – zusätzlich zu der bis dahin einzigen offiziellen, 1714 eingeweihten in der Heidereutergasse. Jetzt sollte Geberfreude beweisen, dass „ein tief empfundenes Verlangen“ danach vorhanden sei.

Die Gemeinde war Jahr für Jahr gewachsen, um 1860 lebten 28.000 Juden in Berlin, knapp vier Prozent der Gesamtbevölkerung. An hohen Festtagen mussten Mitglieder wegen Überfüllung in der Heidereutergasse abgewiesen werden. Für einen Neubau bot König Friedrich Wilhelm IV. der Gemeinde ein Grundstück im heutigen Kreuzberg zum Erwerb an – damals abgelegen, aber mit der Aussicht, großzügig einen frei stehenden Tempel zu bauen. Als Verweis vor die Stadt verstand man das nicht. Die Gemeinde erwarb schließlich am 26. Juni 1856 ein Grundstück in der Oranienburger Straße 30, wo es  jüdische Einrichtungen gab und viele jüdische Familien lebten. Sie  brachte dafür aus eigenen Mitteln 60.000 Taler auf. Wenig später kaufte man drei Nachbargrundstücke hinzu. Im Dezember lag die  Baugenehmigung vor.

Am 20. Mai 1859 begann der Bau nach Entwürfen des Berliner Architekten Eduard Knoblauch (siehe Info-Box). 125.000 Taler waren vorgesehen; am Ende lagen die Kosten bei 750.000. Spektakulär für das  provinzielle Berlin machte sich die Architektur aus: Von orientalischen Vorbildern ausgehend nahm sie Bezug auf die auch im deutschen Judentum als Goldene Zeit erinnerten Jahrhunderte im islamisch regierten  Al-Andalus auf der iberischen Halbinsel. Groß, prächtig und weithin sichtbar erhob sich die maurische Kuppel.

Helmut Eschwege weist in seinem Buch „Die Synagoge in der deutschen Geschichte“ darauf hin, dass das Exotische auch ein Anderssein signalisierte und damit als Mangel an Anpassungswillen interpretierbar war. Andererseits kam christlichen Baubehörden das Orientalische für ein jüdisches Gotteshaus durchaus passend vor. Zeitgenössische Quellen künden jedenfalls nicht von Vorbehalten. Im Gegenteil: Die Öffentlichkeit beobachtete den Neubau begeistert. Die Illustrirte Berliner Morgenzeitung schrieb im Jahr vor der Einweihung angesichts der Fassade: „Es ist ein Gebäude, welches mitten in die moderne prosaische Welt die Wunder des Orients uns vor das Auge zaubert, das Bethaus unserer Berliner Mitbürger mosaischer Religion.“

Die konservative Kreuz-Zeitung pries das Moderne: „Wer sich für architektonische Dinge interessiert, für die Lösung neuer, schwieriger Aufgaben in der Baukunst, dem empfehlen wir einen Besuch dieses reichen jüdischen Gotteshauses. Bei der Ausführung sind die besonderen technischen Mittel, die unsere Zeit der Erfindungen in so reichem Maße geboten hat, in zum Teil überraschender Weise benutzt worden; dabei ohne alle Ostentation. Die Benutzung des Eisens als des charakteristischen Baumaterials unserer Epoche hat zu höchst originellen Decken-Constructionen geführt, die vor Einführung des Eisens in die Baukunst unmöglich gewesen wären.“

Der Autor blieb anonym, doch weiß man aus der Gesamtausgabe der Werke Theodor Fontanes, dass er der Lobsänger war. Die Innenausstattung brachte ihn und bald das Berliner Publikum  vollends zum Staunen: „Die Gasbeleuchtung war in den Doppelfenstern angebracht, wobei durch ein neues System ständig für frische Luft gesorgt war. In den Fensterleibungen waren Kanäle, durch die die verbrauchte Luft abzog. Alle Fenster der Synagoge beleuchtet …“ Und über der technischen Raffinesse schwebte der feenhafte Stil der sagenhaften Alhambra in Granada, des Sitzes des letzten Mauren-Kalifen, den die siegreichen christlichen Könige davonjagten – und bald auch die Juden.

Man war neugierig in Berlin, und so kam es, dass am  28. Dezember 1865 Preußens Königspaar, Wilhelm I. und  Augusta, die Baustelle besuchte, um  Wohlwollen zu bekunden. Zur Eröffnungszeremonie am 5. September 1866 – dem 25. Elul 5626 nach  Jüdischem Kalender – erschien die gute Gesellschaft: Polizeipräsident von Bernuth, Oberbürgermeister Seydel,  Magistratsmit-glieder, Stadtverordnete und allen voran der preußische Ministerpräsident und spätere Reichskanzler Otto von Bismarck.

Zu einem festlichen Konzert „zu Gunsten der nothleidenden russischen Juden“ am 22. April 1869 beehrten wiederum König und Königin die Synagoge. Die Jüdische Gemeinde dankte für den freundlichen Umgang in Predigten und Gebeten. Das Volk strömte  herbei. Zeichnungen zeigen regelrechte Massenaufläufe.

Ohne Anzeichen von antisemitischem Gift war die Neue Synagoge, Symbol der Gleichberechtigung der Berliner Juden, entstanden. Das änderte sich, als der Rausch des Nationalismus allmählich die Massen erfasste. Antisemitische Neider meldeten sich mit Gemecker und Feindseligkeit: Der deutsch-nationale Historiker Heinrich von Treitschke ätzte bereits 1871: „Die größte und prächtigste ‚Kirche‘ der deutschen Hauptstadt ist die Synagoge!“ 1879 fügte er dann noch hinzu, dass dies „natürlich nicht den Juden, sondern den Christen zum Vorwurfe gereicht.“