Der rote Monumentalbau wurde nach den Plänen von Hermann Friedrich Waesemann errichtet.
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Berlin-MitteDer Tag der Heiligen drei Könige, also der 6. Januar, markierte auch in früheren Jahrhunderten den Beginn des neuen politischen Jahrs. Die Weihnachtsfeiertage sind vorbei, Silvester überstanden, aber die feierliche Stimmung schwebt noch. Und so tagte vor 150 Jahren erstmals auch die Berliner Stadtverordnetenversammlung in seinem neuen, dem damals schon so genannten „Roten“ Rathaus.

Der nach den Plänen von Hermann Friedrich Waesemann errichtete Monumentalbau war allerdings bei weitem nicht fertig, obwohl schon seit 1860 gearbeitet wurde. Doch es war eine Umbruchszeit: Der Krieg Preußens und des Deutschen Bundes 1864 gegen Dänemark, dann 1865 der Preußen gegen den Deutschen Bund hatten Gelder und Arbeitskräfte abgezogen. Immerhin konnte seither der Stadtrat im Rathaus arbeiten – mitten auf einer Baustelle.

1870 stiegen dann die Spannungen mit Frankreich. Die größte deutschsprachige Stadt musste nun endlich, darin waren sich die Stadtverordneten einig, ein repräsentatives Zentrum vorweisen können, zumal die Hohenzollern-Monarchie sich mit dem Bau der Kuppel auf dem Schloss in den 1850er-Jahren ein weithin strahlendes Machtsymbol gegeben hatte.

Machtspiele

Genau darum ging es bei dem Bau des Roten Rathauses nämlich auch: Um die Frage, wer in Berlin die Symbole regiert, der preußische Staat und die Monarchie oder die Bürger und deren gewählten Vertreter – oder jedenfalls ihre finanzielle Oberschicht. Das preußische Dreiklassenwahlrecht verhinderte bis 1918 eine auch nur halbwegs gleichberechtigte Teilhabe aller Gesellschaftsschichten an der Macht. Darüber hinaus war das alte Rathaus funktional für die vielen neuen Planungs-, Kontroll- und Sozialverwaltungen der beginnenden Moderne viel zu eng geworden, teilweise sogar regelrecht baufällig. Einige Bauteile reichten bis ins hohe Mittelalter zurück, andere stammten noch aus dem Barock.

Karl Friedrich Schinkel hatte deswegen schon um 1817 erste Umbaupläne vorgelegt. Doch in den 1850ern entschloss sich Berlin, nicht zuletzt der Konkurrenz mit Paris, München, Wien, Köln, Leipzig oder Hamburg wegen zum radikalen Neuanfang. Denn auch alle diese Städte planten oder bauten in diesen Jahrzehnten neue, große Rathäuser.

Das alte Rathaus musste fallen, darüber war man sich einig, auch die heutige Rathaus- und damalige Königstraße davor sollte nach und nach aufgeweitet werden – ein Projekt, das sich bis in die Anlage des breiten Forums vor dem Roten Rathaus zu DDR-Zeiten ziehen sollte. Sogar die Rats- und Gerichtslaube, Symbol einstiger Eigenständigkeit, sollte fallen. Kaiser Wilhelm I. rettete den Bau, er steht, stark überarbeitet, als Gartenpavillon im Park von Schloss Babelsberg. Im 1908 eröffneten Märkischen Museum entstand eine Replik des Innenraums, die DDR ließ 1987 eine vage Kopie als Restaurant im heutigen Nikolaiviertel errichten, etliche hundert Meter entfernt vom originalen Standort.

Immerhin, die Stadtverordnetenversammlung bestimmte in den 1850ern, dass die Reste der großen Kaufhallen des gotischen Rathauses – des wichtigsten Symbols der einstigen Kaufmanns-Macht! – nicht einfach mit abgerissen wurden. Sie wurden wortwörtlich unter dem Straßenpflaster erhalten. Die Sitzungsberichte zeigen: Man wollte damals künftigen Generationen die Chance zu geben, dieses bedeutende Zeugnis der Berliner bürgerlichen Stadtgeschichte ausgraben zu können. Man ahnte damals, im 19. Jahrhundert, nicht die Macht der U-Bahnbauer, die auch diese kostbaren Mauern und Gewölbeansätze vor einigen Jahren unbarmherzig weitgehend beseitigt haben. Nur einige Reste werden als „archäologische Fenster“ in den neuen U-Bahnhof integriert.

So präsentierte sich das Rote Rathaus 1902 vom Molkenmarkt aus betrachtet. 
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Der Wettbewerb von 1858 verlief dann allerdings so wie viele Architekturwettbewerbe: Zwar wurden Preise vergeben – aber den Auftrag erhielt der den Stadtverordneten, der preußischen Provizinalregierung, den Behörden und dem Kaiser gut bekannte Königliche Baurat Waesemann, mit einem Entwurf, der mit seinen strengen Formen, den harten Ziegelsteinen, den kleinen Eck- und dem großen Mittelturm wenigstens auf den ersten Blick durchaus in der Tradition der romantischen Berliner Schinkel-Schule zu stehen scheint.

Architekturwettbewerb

Zwanzig Jahre nach dem Tod Schinkels und angesichts des Aufblühens der Neurenaissance in Dresden, Wien oder Paris war zwar die Zeit für eine neue Architektur in Berlin überreif. Das hatten die eingereichten Arbeiten, soweit sie heute erhalten oder zu rekonstruieren sind, überdeutlich gezeigt: Einer der Preise ging etwa an Friedrich Schmidt, der mit seinem Wiener Rathaus zeigte, welche monumentalen Möglichkeiten die Neugotik zu dieser Zeit des Hoch-Historismus entfalten konnte.

Und der noch sehr junge Robert Cremer gab Berlin später einige seiner besten Bauten des Neubarock. Doch überwogen Arbeiten der konservativen Berliner Schinkel-Schule – erst unter Kaiser Wilhelm II., dreißig Jahre später, sollte sich um 1890 der Generationsumbruch auch in der preußischen Staatsarchitektur durchsetzen.

Allerdings gelang es Waesemann, seinen Entwurf derart vieldeutig zu gestalten, dass spätestens beim zweiten Blick die einfache Einordung in die Schinkel-Schule nicht mehr gelingen will. Der Turm etwa weist mit seinen kleinen Treppentürmchen und Säulen auf die französische Königskathedrale von Laon. Waesemann kannte wie alle Architekten seiner Zeit die Kunstgeschichte genau.

Die Verwendung von Ziegeln sicher auch auf die Ziegelbauten aus dem Bereich des Deutschen Ordens – immer wieder genannt wurde das Rathaus von Thorn / Torun als Vorbild. Ziegel sind aber auch das Material der Lombardei und der stolzen norditalienischen Stadtrepubliken des Mittelalters. Der rational organisierte Grundriss des Rathauses spiegelt modernste französische Vorbilder der Ecole des Beaux Arts, das prachtvolle Treppenhaus und die großen Säle die Erinnerung an Renaissance- und Barockpaläste etwa der Kaufmannsrepublik Genua. Waesemanns Bau galt gerade wegen dieser Vieldeutigkeit schon den Zeitgenossen als Sensation – auch wenn die Stadt ihn erst 1871 endlich mit dem Empfang für die Abgeordneten des ersten deutschen Reichstags wirklich einweihen konnte.