Die 13-jährige Ronja wurde vor zwei Jahren von einer Straßenbahn erfasst.
Foto: Morris Pudwell

BerlinDie Jugendliche, die an diesem Mittwoch als Zeugin aussagt, betritt fast ängstlich den Gerichtssaal. Ihre Mutter darf an ihrer Seite Platz nehmen. Die 16-jährige Schülerin war die beste Freundin der vor mehr als zwei Jahren tödlich verunglückten Ronja. Das tragische Geschehen, das sie miterlebte, hat Spuren bei ihr hinterlassen.

Die junge Zeugin erzählt, wie sie am 12. Juni 2018 den Blockdammweg in Rummelsburg entlang geradelt seien. Ronja sei etwas hinter ihr gefahren. Ob sie sich an die letzten Worte der Freundin erinnern könne, will der Vorsitzende Richter wissen. Die Zeugin schluckt. Unter Tränen presst sie schließlich die Antwort hervor: Das Letzte, was sie von Ronja gehört habe, sei ein kurzer Satz gewesen. „Hier entlang!“, habe die Freundin gerufen. Sie habe sich umgedreht und gesehen, wie Ronja von einer Straßenbahn erfasst worden sei.

Es ist der zweite Verhandlungstag, in dem der tragische Tod der 13-jährigen Ronja vor dem Amtsgericht Tiergarten verhandelt wird und sich ein Einsatzleiter und ein Staffelführer der Feuerwehr wegen fahrlässiger Tötung verantworten müssen. Bei dem Unfall vor mehr als zwei Jahren war Ronja von der Straßenbahn überrollt worden. Sie überlebte zunächst, war unter der Tram eingeklemmt.

Beim Versuch der Feuerwehr, die Bahn anzuheben, um das Kind zu bergen, geriet die Tram ins Schlingern und stürzte schließlich von den Schienen ins Gleisbett. Sie begrub Ronja und zwei Feuerwehrmänner unter sich, die das Kind hervorziehen wollten. Während die beiden Helfer mit schweren Verletzungen überlebten, kam für das Mädchen jede Hilfe zu spät. Ronja starb an einem massiven Schädel-Hirn-Trauma.

Doch sind die Angeklagten wirklich schuld an diesem furchtbaren Ende einer Rettungsaktion? Selbst das Gericht hatte gezögert, die Anklage zuzulassen. Torsten B., der damalige Einsatzleiter, erklärt an diesem Tag, dass man nur mit dem Anheben der Bahn das Mädchen habe retten können. Er musste – auch nach Rücksprache mit der Notärztin – davon ausgehen, dass Ronja schwerste Verletzungen davongetragen hatte und schleunigst ins Krankenhaus gebracht werden musste. Auch wenn das Kind noch ansprechbar war.

Torsten B. erzählt, dass er den Verkehrsmeister der BVG immer wieder gefragt habe, wo der Hebekran bleibe. Als immer mehr Zeit vergangen sei, habe er dem technischen Dienst der Feuerwehr den Auftrag erteilt, die Bahn mit eigener hydraulischer Technik anzuheben.

„Der Verkehrsmeister gab grünes Licht“, erinnert sich Torsten B. Und alles schien zunächst auch gut zu gehen. Fünf Zentimeter schon schwebte die 34 Tonnen schwere Tram über den Schienen. Da geriet sie plötzlich ins Schlingern und krachte in das Gleisbett. „Das, was an diesem Tag passiert ist, hat uns alle betroffen gemacht“, sagt Torsten B. den gegenüber sitzenden Eltern von Ronja, die Nebenkläger sind.

Erst lange nach dem Unglück traf der Kranwagen der BVG ein. Er hatte wohl Probleme mit den Bremsen. Die BVG, so kommt vor Gericht zur Sprache, besitzt nur einen einzigen Kran zum Heben einer Straßenbahn. Er ist 30 Jahre alt. Feuerwehrleute berichten als Zeugen, dass das Heben von Straßenbahnen auch vor dem Unglück auf dem Betriebshof der BVG in Lichtenberg geübt worden sei. Von 2010 bis zu Ronjas Tod habe es neun solcher Übungen gegeben, sagt ein Zeuge. Immer wieder seien die Veranstaltungen aber auch abgesagt worden. Offenbar auch nach dem schweren Unglück. So soll die BVG im Jahr 2019 vier der fünf geplanten Übungen gestrichen haben.

Offenbar erst nach dem tragischen Tod des Kindes erfuhren die Retter von der BVG, dass sie die Bahn vor dem Anheben im Inneren durch sogenannte Spannschlösser noch mehr hätten versteifen müssen. Und der Verkehrsmeister der BVG war wohl gar nicht kompetent, sein Okay für das Anheben der Tram zu geben. Ein Verkehrsmeister habe keine Ahnung davon, wie eine Straßenbahn sicher angehoben werden könne, sagt Manfred M., der technische Hauptsachbearbeiter der BVG, vor Gericht. Ein Verkehrsmeister sei dafür zuständig, dass der Verkehr nach einem Unfall weiter aufrechterhalten werde.