Brandenburg/Havel - „Befehl“ steht auf dem leicht angegilbten DIN-A4-Blatt, das Manfred Lutzens aus einer dicken Mappe zieht. Es ist die Anordnung, die der „Militärkommandant für den Stadt- und Landkreis Brandenburg“, am 17. Juni 1953 erlassen hat. Er bedeutete, wie überall in der DDR, Ausnahmezustand. Die Mappe enthält Zeitungsartikel, die den Volksaufstand dokumentieren. „Der 17. Juni hat mich geprägt wie kein anderes Ereignis“, sagt der 73-jährige.

Manfred Lutzens ist Brandenburger, er hat immer in der Havelstadt gelebt und lange Zeit als Lokalredakteur einer Zeitung der NDPD, einer DDR-Blockpartei, gearbeitet. Er sei bürgerlich aufgewachsen, sagt er. Die Mutter war Hausfrau, der Vater arbeitete in einer Bank. Er war 13, als in Berlin tausende Bauarbeiter gegen die Erhöhung der Industrienormen protestierten. Lutzens ging zu dieser Zeit in Brandenburg/Havel zur Oberschule. Vom Generalstreik in Berlin erfuhr er am Morgen des 17. Juni durch den Rias, den die Familie trotz Störsender hörte.

Arzt verhindert Lynchjustiz

„Den Tag habe ich noch gut im Gedächtnis“, sagt Lutzens. Wohl auch, weil in seiner Heimatstadt die Unruhen früher begannen, als in anderen Regionen der DDR. Schon am 12. Juni 1953 waren 2 000 Menschen vor das Gericht in der Steinstraße gezogen und hatten die Freilassung des Fuhrunternehmers Kurt Taege gefordert. „Man hatte ihm vorgeworfen, ohne Genehmigung ein Pferd für seine Spedition gekauft zu haben.“ Am 17. Juni 1953 ist Lutzens in der Schule. Nach der zweiten Stunde tritt der Klassenlehrer vor die Schüler.

Ein, wie Lutzens sagt, strammer Genosse, der Gegenwartskunde unterrichtet. Er fordert die Mädchen und Jungen auf, nach Hause zu gehen. Doch als Lutzens und sein Freund aus dem Schulgebäude treten, sehen sie eine unüberschaubare Menge wütender Arbeiter. 15.000 strömen aus allen Straßen zusammen. „Brandenburg war damals ein Industriezentrum ersten Ranges“, sagt Lutzens. Es gibt das Schlepperwerk, die Volkswerft „Ernst Thälmann“ und das Stahlwerk, das sich noch im Aufbau befindet. „Ich hatte das Gefühl, es geschieht etwas Großes. Das war was anderes als die Propagandademonstrationen, die es ständig gab“, erzählt er.

Lutzens und sein Freund laufen mit. Voller Euphorie. In der Steinstraße werden das Gericht und das Gefängnis gestürmt. Am Neustädtischen Markt wird es laut. Lutzens hört Rufe wie „Schlagt den Hund tot!“ Harry Benkendorff wird auf eine Tribüne gezerrt. Er blutet. Benkendorff ist Richter und wegen seiner berüchtigten Urteile verhasst. „Wenn damals nicht ein Arzt dazwischen gegangen wäre, dann wäre der Richter gelyncht worden“, sagt Lutzens.

Er weiß noch, dass Akten aus den Fenstern des Gerichts geworfen wurden. Urteile über Leute, die ins Gefängnis kamen, weil sie Wirtschaftsverbrechen begangen haben sollen. Menschen wie der Fuhrunternehmer Taege. „Ich habe eine Akte aufgehoben. Es war ein Urteil gegen einen Bauern. Er hatte sein Abgabesoll nicht erfüllt, musste deswegen ins Gefängnis. Dass es so etwas gab, wurde gemunkelt. Jetzt hatte ich es schwarz auf weiß. Ich war erschüttert.“

Lutzens erzählt, dass die Arbeiter in Richtung Stadthaus marschiert seien. Noch hat die Situation nichts Bedrohliches für den Schüler. Es ist einfach nur spannend. „Wir Kinder sind wie bei einer Musikkapelle vorneweg gelaufen“, erzählt er. Im Stadthaus residiert die Stadtspitze. Sprechchöre fordern: „Kühne raus!“ Der Oberbürgermeister soll vor die Arbeiter treten. „Es war alles verrammelt, keiner war zu sehen“, sagt Lutzens.

Dann fallen Schüsse. Aus dem Stadthaus wird auf die Demonstranten gezielt. Panik macht sich breit. Ein Mann wird von einer Kugel am Kopf schwer verletzt. Die Leute rennen auseinander. Dann ist auch schon ein bedrohliches Rasseln zu hören. Panzer. „Sie kamen von zwei Seiten“, sagt Lutzens. Schlagartig sei die Hoffnung der Angst gewichen. „Wir sind nur noch gerannt, nur nicht erwischt werden.“ Auf Umwegen kommt Lutzens nach Hause.

Schmöker im Ofen verbrannt

Lutzens weiß noch, dass seine Großmutter voller Angst auf ihn gewartet hat. „Ich habe als erstes alle Schmöker im Ofen verbrannt“, sagt er. Romanhefte um den Detektiv Jack Morlan, die zerschlissen waren, weil sie von Hand zu Hand gingen. „Ich dachte, wenn sie kommen, dann dürfen sie die ,Schundliteratur vom Feind’ nicht finden.“

Nach dem 17. Juni macht sich depressive Stimmung breit. „Auch Wut und Enttäuschung darüber, dass der Westen nicht eingegriffen hat“, so Lutzens. Es sei auch viel getuschelt worden, wer alles abgeholt worden sei. „Für ein paar Stunden haben die Menschen offen gezeigt, was sie denken, was sie wollen. Das war Geschichte“, sagt Lutzens. Er war dabei.