Berlin - In Berlin und anderen Großstädten sind Wohnungen knapp. Dennoch werden aus der Immobilienwirtschaft Forderungen nach einem umfangreichen Abriss von Wohngebäuden laut – weil dieser angeblich wirtschaftlicher ist als eine umfangreiche Modernisierung der Häuser.

Und weil damit zugleich altersgerechte und energieeffiziente Wohnungen errichtet werden könnten. Laut einer am Dienstag präsentierten Studie der Bauforschungseinrichtung Arge Kiel und des Pestel-Instituts Hannover gibt es in Berlin rund 175.000 Wohnungen, die für einen Abriss in Betracht kommen. Deutschlandweit sind es sogar 3,5 Millionen Wohnungen.

„Wenn sich nach einer Bewertung der jeweiligen Gebäude eine Modernisierung nicht mehr lohnt, sind der Abriss und der anschließende Neubau die beste Lösung und eine effektive Antwort auf den Wohnungsmangel – insbesondere in Großstädten, Ballungsräumen und Universitätsstädten“, sagte Arge-Studienleiter Dietmar Walberg. „Sind die Gebäude nicht bereits komplett leergezogen, ist ein sozial ausgewogenes Mietermanagement Bestandteil des Konzepts“, betonte Walberg.

Nachkriegsbauten im Visier

Die Wohnungen, die laut der Studie abgerissen werden sollen, stammen überwiegend aus den 1950er-, 60er- und 70er-Jahren. „Der weitaus überwiegende Teil dieser Wohnhäuser ist im Laufe der Jahre nicht modernisiert worden“, sagte Walberg. „Die Wohnungen sind also weder energieeffizient, noch barrierearm – und jetzt abgewohnt.“ Der Abriss und anschließende Neubau von „Bröckel-Bauten“ dürfe deshalb nicht länger ein Tabu sein. Welche Wohnungen in Berlin abgerissen werden können, wollten sie nicht sagen. Nur so viel: „Es geht hier um Bestände, die in keinster Weise kulturell relevant sind“, sagte Walberg.

Förderung für Abriss und Neubau

Initiatoren der Abriss-Neubau-Studie sind sieben Organisationen und Verbände der deutschen Bau- und Immobilienbranche – darunter auch die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau), der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, der Zentralverband Deutsches Baugewerbe sowie der Bundesverband Freier Immobilien und Wohnungsunternehmen (BFW).

Klar ist: Die Mieten in den Neubauten werden über den Mieten in den Altbauten liegen. Bestehende Wohnungen in Berlin kosten laut Mietspiegel im Schnitt 5,84 Euro je Quadratmeter Wohnfläche (kalt). Neu errichtete Wohnungen sind dagegen selten unter 10 Euro je Quadratmeter (kalt) zu haben. Um die Mieten in den Neubauten abzufedern, fordern die Verfasser der Studie eine Förderung durch die bundeseigene KfW-Bank. Abriss und Neubau müssten bei der Förderung der Modernisierung gleich gestellt werden. Vergleiche man die Förderungen, die es für Modernisierungen gebe, mit den Bedingungen, die für einen Neubau heute gelten, müsse man klar von einer Diskriminierung sprechen, sagte der Studienleiter des Pestel-Instituts, Matthias Günther.

Senatsverwaltung lehnt Idee ab

In der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung stoßen die Vorschläge auf Ablehnung. „Wir reißen in Berlin ohne Not keine Wohnhäuser ab“, sagte Behördensprecher Martin Pallgen. „Für uns hat die Bestandssicherung und Erweiterung Priorität. Einen pauschalen Abriss alter Gebäude zu fordern, mag aus Sicht der Bauindustrie nachvollziehbar klingen, ist für uns aber keine Option“, erklärte Pallgen. „Es gibt in Berlin noch freie Flächen für 200.000 neue Wohnungen. Dafür muss man nichts abreißen.“

Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) äußerte sich ebenfalls distanziert. „Wir halten den Ansatz für kaum praktikabel“, sagte BBU-Sprecher David Eberhart. „In bestimmten Fällen ist Ersatzneubau zwar wirtschaftlicher als eine Modernisierung. Abriss und Neubau von so großen Stückzahlen würde aber zu erheblichen sozialen Verwerfungen führen, wäre logistisch nicht zu handhaben und würde die Stadt in eine Dauerbaustelle verwandeln.“

Der Berliner Mieterverein erklärte, er halte die Annahme, dass zehn Prozent der Wohnungen nicht modernisierungsfähig seien, für überzogen. „Anstatt über die Vernichtung von bezahlbarem Wohnraum nachzudenken, sollten lieber Lösungen gefunden werden, günstige Wohnungen zu erhalten und flankierend bezahlbare Wohnungen durch sozialverträglichen Neubau zu schaffen“, sagte Wibke Werner, die stellvertretende Geschäftsführerin.