Rathenow - Menschen, ich hatte euch lieb. Seid wachsam!“ Diese letzten Zeilen seiner Reportage schrieb Julius Fucík im Juni 1943 im Gestapogefängnis in Prag. Wenig später wurde der tschechische Schriftsteller und Kommunist von den Nazis hingerichtet. Fucíks Mahnung prangte auch auf dem Grabstein von Wilhelm Hagedorn auf dem Friedhof des havelländischen Kleinstädtchens Rathenow. Seit Hagedorns Beerdigung 1953. 44 Jahre später ließ die Stadt den Stein entfernen und das Grab einebnen. Rathenow wollte nicht unbedingt an das Schicksal des SED-Manns erinnert werden. An den Lynchmord an Wilhelm Hagedorn am Tag des Volksaufstands am 17. Juni 1953. Hagedorn war der einzige Tote des Aufstands auf dem Gebiet des heutigen Landes Brandenburg – totgeschlagen von einer aufgebrachten Menge. 60 Jahre später beginnt die Stadt, sich langsam mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen.

„Es gibt eine Mauer des Schweigens. Weil viele Angst haben, zuzugeben, dabei gewesen zu sein oder geholfen zu haben“, sagt der Rathenower Klaus Müller. Hagedorns Tod sei noch immer ein Tabu-Thema. Müller, 76, war viele Jahre Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung. Er war damals 16 Jahre alt, ein Jugendlicher, der mit seinem Schulfreund neugierig mitlief mit der Menge. Er sagt, er habe gesehen, wie Hagedorn mit Faustschlägen vor der Menge hergetrieben und in den Havelkanal gestoßen wurde. „Hagedorn war bekannt und berüchtigt als Spitzel.“ Aber einen Lynchmord habe das nie gerechtfertigt.

Unbeliebt und verhasst

Rathenow gehörte zu den Schwerpunkten des Arbeiteraufstands in der Mark. Schon in den frühen Morgenstunden des 17. Juni 1953 legten die Frauen und Männer in den Optischen Werken die Arbeit nieder. Andere Arbeiter schlossen sich dem Streik an. Bis zu 20 000 Menschen zogen schließlich durch Rathenow, forderten die Senkung der Arbeitsnormen, freie Wahlen, niedrigere Preise in der Handelsorganisation (HO) und die Freilassung des in der Stadt noch immer beliebten einstigen sozialdemokratischen Bürgermeisters Paul Szillat. Dann war die Kundgebung vorbei, endete der bis dahin friedliche Teil.

Was nun folgte, wird anhand von Stasiunterlagen deutlich. Die Stimmung kippte, als ein Demonstrant den Namen Hagedorn rief und die Forderung laut wurde, den 58-jährigen Betriebsschutzleiter der HO und einstigen Volkspolizisten „herauszuholen“. Hagedorn, so hieß es in einer Meldung des Volkspolizeikreisamtes, habe bis 1947 als Mitarbeiter der politischen Abteilung gearbeitet. „Durch seine Tätigkeit war er bei der Bevölkerung unbeliebt und zum Teil verhasst.“ Hagedorn soll sich 1951 in einer Kneipe gerühmt haben, 300 Menschen denunziert zu haben. Kurz danach warnte der Rias vor dem Spitzel.

Als sich die aufgebrachte Menge zur HO aufmachte, soll Hagedorn gewarnt worden sein. Doch die Flucht aus einem Hinterausgang des Gebäudes misslang. Hagedorn wurde von den Leuten ergriffen, beschimpft, zu Boden gerissen und verprügelt. Rufe wie „Hängt ihn auf, den Hund!“ wurden laut. Für die aufgebrachten Männer und Frauen war Hagedorn das Sinnbild des verhassten SED-Regimes. Selbst als er sich in der Molkerei in Sicherheit bringen konnte und in einem Krankenwagen gerettete werden sollte, war der Spuk nicht vorbei. Die wütende Menge zerrte den Mann wieder aus dem Wagen heraus.

„Hagedorn blutete schon sehr stark, als man ihn am Balkon des Hauses der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft aufhängen wollte“, erinnert sich Jürgen Bleick. Als das nicht gelang, habe man Hagedorn weiter getrieben. Bleick war damals 15 und machte in Rathenow eine Schneiderlehre. Als die Demonstranten lauthals durch Rathenow zogen, war der Unterricht für die Berufsschüler vorbei. „Wir wollten einfach nur schauen, was los ist“, erzählt Bleick. Niemand habe Hagedorn damals beigestanden. „Da war so eine unglaubliche Wut in den Menschen“, sagt der 75-Jährige.

Bleick lief damals mit, sah, wie Hagedorn in den Kanal geworfen wurde. „Ein paar Männer haben sich vom Schleusenwärter die Ruderboote genommen und sind dem Mann hinterhergefahren“, erzählt er. Mit dem Ruder sei Hagedorn dann immer wieder unter Wasser gedrückt worden. „Noch während er versuchte, sich schwimmend an das andere Ufer zu retten, wurde er mit Stangen auf den Kopf geschlagen“, heißt es dazu in der „Spitzenmeldung“ des Volkspolizei-Kreisamtes.

Volkspolizisten zogen Hagedorn schließlich aus dem Wasser und brachten ihn ins Krankenhaus. Hier „erklärte sich bei der Einlieferung des Hagedorn niemand bereit, den Geschädigten zu entkleiden“, geht aus den Protokollen von damals hervor. „Jedoch eine Schwester übernahm nachdem dieses im allgemeinen verweigert wurde diese Aufgabe.“ Hagedorn starb noch am selben Tage an seinen schweren Verletzungen. Bei seiner Beerdigung, laut SED-Propaganda unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, war kaum ein Rathenower dabei. Mehrfach wurde sein Grabstein umgestoßen. Hagedorn war auch nach seinem Tod noch verhasst.

Zunächst zwei Todesurteile

Kurz nach der Tat wurden vier Männer und eine Frau vom Bezirksgericht Potsdam verurteilt. Die Richter sprachen zwei 18-Jährige des Mordes schuldig und verhängten die Todesstrafe. Die anderen Angeklagten erhielten Haftstrafen von zwei bis acht Jahren. Die Todesurteile wurden wenig später in 15 Jahre Zuchthaus umgewandelt. Das Gericht wertete die Tat als bewusste „Provokation faschistischer Elemente“, als „Boykotthetze gegen Angehörige demokratischer Organisationen“.

Heute dringt die Erinnerung an den Lynchmord langsam wieder ins Bewusstsein der Stadt. „Es ist nicht gut, Zeugen der Geschichte einfach zu vergessen. Ich habe zu denen gehört, die den Grabstein von Hagedorn stehen lassen wollten, mit einer erklärenden Tafel“, sagt Dieter Dombrowski, der Fraktionsvorsitzende der CDU im Brandenburger Landtag. Dombrowski lebt im Havelland und hat sein Wahlkreisbüro in Rathenow. Er sagt, der Tod Hagedorns sei bedauerlich. „Man muss aber auch die andere Seite kennen, wissen, dass sich bei vielen Bürgern damals die Wut aufgestaut hat, weil Menschen denunziert wurden und einfach verschwanden.“ Es sei das Kleinstadtmilieu, das Menschen auch heute noch davon abhalte, sich zu offenbaren. „In Rathenow wird jetzt wieder über Hagedorn gesprochen, auch weil junge Leute Fragen stellen.“

In der Wanderausstellung „Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in Brandenburg“ wird auch auf das Schicksal des SED-Mannes hingewiesen. Die Schau ist bis 4. August im Kulturzentrum Rathenow, Märkischer Platz 3, zu sehen (Di–So, 11–17 Uhr). Am Donnerstag, 20. Juni, gibt es im Kulturzentrum eine öffentliche Diskussionsveranstaltung zum Volksaufstand in Rathenow und Premnitz. Beginn ist 19 Uhr.