Am 16. Juni 1953 schließen die in West-Berlin stationierten Beamten der Organisation Gehlen (Org), dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, pünktlich ihr Büro. Um 16 Uhr setzen sie den letzten Funkspruch des Tages nach Pullach ab. Besondere Vorkommnisse werden nicht gemeldet. Dabei wirft nur ein paar Kilometer weiter, hinter der Sektorengrenze, der am kommenden Tag heraufziehende Volksaufstand in der DDR schon seine Schatten voraus: Auf den Baustellen in der Stalin-Allee und am Krankenhaus Friedrichshain wird gestreikt, Demonstranten ziehen zum Sitz der DDR-Regierung, Sprechchöre fordern den Rücktritt der Regierung und freie Wahlen. Für den nächsten Tag rufen die Arbeiter zum Generalstreik auf. Der Rias berichtet den ganzen 16. Juni über von den aufkeimenden Unruhen im Osten der Stadt – die Geheimdienstler von der Org aber machen Feierabend und gehen nach Hause.

Der BND hat jetzt mehrere Dokumente zu dem Volksaufstand in der DDR freigegeben. Die insgesamt 34 Berichte, Quellenmeldungen und Analysen aus den Monaten Juni und Juli 1953 zeichnen ein verheerendes Bild des Versagens und der Fehleinschätzung eines Geheimdienstes, der – wie es selbstkritisch heißt – an „dem allgemeinen Erstaunen über die Lage“ scheiterte.

Vorzeichen völlig verkannt

Die auf der Internetseite des BND einsehbaren Dokumente räumen aber auch mit der von der SED-Propaganda genährten Legende auf, der Gehlen-Dienst habe den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR initiiert und gelenkt. Tatsächlich ist der Dienst – wie die Stasi im Osten – völlig überrascht worden von den Ereignissen. Wie der DDR-Geheimdienst hatte auch die Org schon im Vorfeld des 17. Juni alle Anzeichen der politischen Krise in der DDR verkannt, die schließlich zur Rebellion führte. Die rund 700 Agenten, die der Gehlen-Dienst damals in Ostdeutschland führte, hatten von den zahlreichen Streiks vor dem 17. Juni nur einen einzigen gemeldet. Während des Aufstands fielen die Agentennetze sogar fast völlig aus. Vom Beginn der Unruhen in der Ostzone erfuhr die Pullacher Zentrale des Gehlen-Dienstes daher auch erst aus dem Radio.

Noch peinlicher aber war es, dass die Org in Analysen die sowjetischen Besatzer als Drahtzieher der Proteste sah, weil Moskau damit den in Ungnade gefallenen SED-Chef Walter Ulbricht stürzen und den Weg zu einem vereinigten, politisch neutralen Deutschland ebnen wollte. Noch am 18. Juni heißt es in einer Tagesmeldung der Org, dass es sich bei den Vorgängen in der DDR „im Ansatz um eine von offizieller sowjetischer Seite in Szene gesetzte Aktion handelt mit dem Ziel, die Frage der Wiedervereinigung im innerdeutschen Rahmen ins Rollen zu bringen und hierfür bestimmte Hemmnisse auf östlicher Seite (Ulbricht etc.) zu beseitigen, um auf diese Weise eine für den Osten günstige Ausgangsbasis für evtl. nachfolgende Verhandlungen zu schaffen“. In einer späteren Analyse der Vorgänge taucht diese Fehleinschätzung nicht mehr auf.

Inhaltlich schwach bestückt

In diesen dramatischen Juni-Tagen rächte sich, dass der Gehlen-Dienst im Osten Deutschlands Anfang der 1950er Jahre zwar ein flächendeckendes Agentennetz unterhielt, das aber inhaltlich zu einseitig agierte. Die meisten der Spione lieferten wirtschaftliche und militärische Informationen. Auf dem „Gebiet der Politik“ hingegen, so räumte es der Dienst später ein, sei man nur „schwach bestückt“.