Berlin - Am Ende gibt es fast nur lobende Worte. Als Senatsbaudirektorin Regula Lüscher am Donnerstagabend im Amerika Haus in Berlin den überarbeiteten Siegerentwurf für das Charité-Hochhaus präsentiert, wirkt sie erleichtert und froh. Nach jahrelanger Debatte steht fest, wie der 72 Meter hohe Riese künftig einmal aussehen wird. Zufrieden ist auch der künftige Nutzer: "Ich glaube, dass wir die beste Lösung gefunden haben", sagt Charité-Chef Karl Max Einhäupl. Nun erhält Berlins Mitte einen umstrittenen Weißen Riesen.

Gebaut wird nach einem Entwurf des Hamburger Büros Schweger & Partner. Die Architekten gingen aus einem Wettbewerb hervor, bei dem zwei 1. Preise gegeneinander antraten, die im April vergeben worden waren. Die Sieger-Idee mit einem schneeweißen Oberteil und einem dunklen, fünf Etagen hohen Sockel in Klinkeroptik habe eine "sympathische Ausstrahlung" und "eine große Eleganz", sagte die aus der Schweiz stammende Lüscher. Sofort sei klar, "dort steht ein Spital". Das Weiß vermittle "Sauberkeit" und "Vertrauen".

Gedeckelt mit 185 Millionen Euro

Neben einer Idee für die Fassade des Hochhauses war zugleich der Entwurf eines fünfstöckigen Neubaus gefordert. Das Gebäude wird sich östlich in elf Metern Abstand vom Hochhaus befinden. Es misst 48 mal 63 mal 22 Meter. Alles zusammen darf höchstens 185 Millionen Euro kosten. Die Sanierungsarbeiten sollen von 2013 bis 2016 dauern.

Auch ein Blick auf die Unterlegenen lohnt: Das Büro Thomas Müller Ivan Reimann Gesellschaft von Architekten mbH habe den schöneren Entwurf geliefert, war auf der Ausstellungseröffnung zu hören. Das Team um Reimann sah für das Bettenhochhaus schlicht-elegante Patientenzimmer vor. Der Clou war eine "gefaltete" Fassade. Damit sollte die Wucht des Klotzes gemildert werden. Sogenannte Linsen hätten den Falteffekt bewirkt.

Diese Aluminiumprofile haben aus der Nähe betrachtet die Form einer Niere. Sie sollten die Fassade vom Dach bis zum Boden zieren, ohne die Sicht aus den Fenstern zu stören. "Ich habe mich von diesem Entwurf schweren Herzens verabschiedet", räumte Lüscher ein. Er sei "außerordentlich schön".

Beide Entwürfe hatten im Stechen nochmals ihre geplanten Baukosten reduzieren müssen, da sie zunächst die vorgegebene Marke von 22 Millionen Euro für die Fassade überschritten. Und den Hamburgern sei dies eben deutlicher gelungen, sagte Lüscher pragmatisch.

Zugleich weiß sie um die Kritik am Siegerentwurf. Fachleute bezeichnen die kleinteilige weiße Rasterfassade als "einfallslos". Immer wieder ist von Architekten an diesem Abend zu hören, dass damit Berlin nichts wirklich Neues erhalte und sich allein in die heutzutage modische "Schießscharten-Architektur" einreihe.

Entscheidung für das Bezahlbare

Der Entscheid der Jury, aber auch Lüschers und Einhäupls Kompromissbereitschaft als Beteiligte, haben wohl viel mit dem langen Kampf um das 1982 eröffnete Haus zu tun, das stark sanierungsbedürftig ist. Weil es aber an der Charité einen Sanierungsstau von Hunderten Millionen Euro gibt, schien eine Modernisierung lange Zeit unmöglich. Auch, weil Berlins Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) als Geldgeber und selbst der neue Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) große Skepsis zeigten. Aber auch, weil grundsätzlich lange unklar war, ob das markante Haus abgerissen, neu gebaut, teilsaniert oder aufgestockt wird.

Als es grünes Licht gab, musste das Projekt durch die "sehr, sehr, sehr engen Kostenvorgaben" (Lüscher) in Richtung Bauvorbereitung getrieben werden. Von einer "auf Kante genähten Summe" spricht Einhäupl sogar. Die Alternative wäre das Große Nichts gewesen, Stillstand. Stattdessen wird es einen Weißen Riesen geben, der nicht allen gefällt, aber der "Marke Charité" (Einhäupl) endlich ein modernes Gesicht gibt.

Was genau auf die Stadt optisch zukommt, ist bis zum 26. Juli im Amerika Haus an der Hardenbergstraße am Bahnhof Zoo zu sehen. Auch alle anderen Arbeiten sind ausgestellt. Insgesamt waren 20 Architekten zur Teilnahme an dem Wettbewerb aufgefordert worden. Diese wiederum wurden zuvor in einem europaweiten Verfahren aus 85 Bewerbern ausgewählt. Abgegeben hatten am Ende nur 18 Büros. (dapd)