1938: Nationalsozialisten bauen Berlin zur Welthauptstadt Germania um

Abrissorgien und  Straßendurchbrüche hat es in Berlin schon vor der nationalsozialistischen Zeit gegeben – die Stadt wuchs, der Verkehr nahm zu. Auch die Ambitionen der neuen Großstadt hinsichtlich repräsentativer Bauten steigerten sich.

1935 begann eine neue, große Zerstörungswelle im historischen Zentrum. Die Berliner  Mitte sollte grundsätzlich neu gestaltet werden, auch mit Blick auf die bevorstehenden Olympischen Spiele 1936 und auf weitere Sicht den Ausbau Berlins zur Welthauptstadt Germania.

Das  Hauptzentrum war westlich der Friedrichstadt vorgesehen, entlang einer neuen Nord-Süd-Achse. Und die südliche Altstadt sollte rigoros modernisiert werden , dort begann ein flächenhafter Abriss. Die Bilder von den Baustellen vermitteln einen Eindruck von der Dimension.

Zunächst der Blick vom Alten Stadthaus am Molkenmarkt in Berlin auf die Baustelle für den neuen Gebäudekomplex der Münze (li.), den Mühlendamm (Mitte), die Petri-Kirche (links im Hintergrund) und die Türme des Französischen und Deutschen Doms (rechts im Hintergrund) im Februar 1938.

Weg mit Zilles Berlin

Die nationalsozialistische Berichterstattung schreibt am 11. Februar 1938 triumphierend: „Neubauten rings um den Molkenmarkt.“ Gefallen war zuvor der Krögel, ein spezielles Stück Alt-Berlin, in dem zum Beispiel viele Bilder des Milieu-Zeichners Heinrich Zille entstanden waren.

Massiv geriet die Umgestaltung des Mühlendamms an der Mühlendammschleuse in Berlin-Mitte – im Foto der Zustand im März 1938. Im Hintergrund ist das Kaufhaus Rudolph Hertzog an der Brüderstraße/Ecke Scharrenstraße und die Petri-Kirche am Petri-Platz zu erkennen.

Errichtet wurde zunächst eine Behelfsbrücke am Molkenmarkt, damit der Verkehr auch während der Umbauten fließen konnte. Rechts erkennt man die Bogen dieser Brücke. Die Fischerbrücke an der Mühlendamm-Schleuse wurde verbreitert.  

Auch westlich des Brandenburger Tors waren im Juni 1938 Baumaschinen aufgefahren. Am Königsplatz (heute Platz der Republik) sollte nach den Plänen der Nationalsozialisten im Zuge des Ausbaus der Nord-Süd-Achse ein „Aufmarschplatz der Nation“ entstehen. Im Hintergrund die Siegessäule, die kurz darauf an ihren heutigen Standort am Großen Stern versetzt wurde.

Auch für diesen Ort ist die NS-Berichterstattung überliefert: „Die Neugestaltung der Reichshauptstadt beginnt: Reichsminister Dr. Dorpmüller verkündet den Arbeitsbeginn auf dem Königsplatz. Gleich nach der Verkündung zum Arbeitsbeginn wurde ein riesiger Kran auf dem Königsplatz in Tätigkeit gesetzt.“

Speers Plan zur Verdrängung der Juden

Die einzelnen Baumaßnahmen dienten nicht bloß der Stadtmodernisierung, sondern gehörten zugleich zur geplanten Verdrängung der Juden aus der Stadt. Am 30. Januar 1937 hatte Adolf Hitler den Architekten Albert Speer zum Generalbauinspektor Berlins ernannt.

Im September des gleichen Jahres schlug Speer vor, rund 50.000 Wohnungen, in denen Juden lebten, zu konfiszieren, darunter 25.000 Großwohnungen. Deren Bewohner wurden zunächst in „Judenhäusern“ konzentriert, später auch direkt aus ihren Wohnungen in die Vernichtungslager deportiert.

Man brauchte die Wohnungen unter anderem dringend, um jene arischen Volksgenossen mit gutem Wohnraum zu versorgen, deren Häuser den Germania-Megaplänen weichen mussten und verstaalicht wurden:  Aus den Abrisshäusern zogen die Leute in die Wohnungen vertriebener Juden – und waren zufrieden.

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