Seit Jahrzehnten trafen Passanten an der Potsdamer Straße in Schöneberg direkt vor der Commerzbank-Filiale auf einen schmucklosen Gedenkstein im Boden. Nur ein Name und ein Todesdatum standen dort drauf: Klaus-Jürgen Rattay. Er starb am 22. September 1981. Verstörende Bilder aus West-Berlin waren damals in den Fernsehnachrichten zu sehen: Ein dunkelgelber BVG-Doppeldeckerbus überfährt den jungen, blonden Mann und schleift den regungslosen Körper über die Potsdamer Straße bis auf Höhe der Bank mit. Der Tod des 18-jährigen Hausbesetzers war und ist bis heute der einzige Todesfall am Rande einer Hausbesetzung in Berlin – und löste damals Straßenschlachten aus.

Seit ein paar Monaten nun ist die Gedenkplatte verschwunden, stattdessen sind dort hinter dem Stromkasten frische Pflastersteine verlegt worden. Das alles geschah bei Tiefbauarbeiten im Auftrag der Stromnetz Berlin, wie Sprecher Olaf Weidner der Berliner Zeitung bestätigte. „Der Stein ist bei den Bauarbeiten, als das Pflaster aufgenommen wurde, in viele einzelne Betonteile zersprungen und deshalb entsorgt worden.“

Offenbar wussten die Bauarbeiter der Firma HP Schmidt nicht wirklich, womit sie es zu tun hatten. Ein Anwohner habe die Bauarbeiter dann noch auf den Gedenkstein angesprochen, teilte Weidner weiter mit. Gemeinsam habe man vereinbart, die Gedenkplatte zum Ende der Bauarbeiten wiederherzustellen. Doch dazu kam es nicht, der Anwohner habe sich nicht mehr gemeldet. Die Baufirma sei aber weiter bereit, tätig zu werden, betonte Weidner.

Der Tod von Klaus-Jürgen Rattay ereignete sich zur Hochzeit der Hausbesetzungen im Westen der damals noch geteilten Stadt. Der damalige Innensenator, der hemdsärmelige Heinrich Lummer (CDU), hatte an diesem Tag gleich acht solcher besetzter Häuser in der Bülowstraße mit großem Polizeiaufgebot auf einen Schlag räumen lassen. In einem der Häuser war Rattay, der aus dem niederrheinischen Kleve stammte, erst kurz zuvor untergekommen.

Brachiale Härte und Provokation

Einen Tag vor seinem Tod hatte er zufällig einem SFB-Reporter noch ein kurzes Fernsehinterview gegeben. Angesprochen auf die bevorstehende Räumung sagte der junge Mann mit Strubbelfrisur und Bärtchen, er habe gleichzeitig Angst und Mut zu kämpfen. Er sei aus der Gesellschaft ausgestiegen, finde die Hausbesetzerszene toll, auch das viele Kiffen. Alles sei so frei hier. Er wirkte etwas unbeholfen. Einer von vielen, die damals nach West-Berlin gekommen waren, um alternative Lebensformen auszuprobieren.

Während die polizeilich Verantwortlichen heutzutage zum Beispiel mit Blick auf den 1. Mai viel von Deeskalationsstrategie und einer „Politik der ausgestreckten Hand“ sprechen, setzte Lummer damals auf brachiale Härte und Provokation. Spontan gab er in einem der gerade geräumten Häuser eine Pressekonferenz und posierte dann noch vor Demonstranten auf dem Balkon. „Wie ein kleiner Napoleon nach der Schlacht“, kommentierte ein Zeitzeuge. Das empörte die anwesenden Aktivisten noch mehr. Plötzlich drängte die Polizei die Demonstranten unter massivem Schlagstockeinsatz in Richtung Potsdamer Straße ab. Allerdings hatte die Einsatzleitung vergessen, die Potsdamer Straße zu sperren. Rattay geriet unter den fahrenden BVG-Bus und starb.

Inzwischen hat die rot-grüne Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung dafür gestimmt, eine Gedenkplatte am selben Ort und in gleicher Form wiederherzustellen. Rattays Todestag markiere einen Wendepunkt in der Geschichte der Hausbesetzungen, sagte der Bezirksverordnete Bertram von Boxberg (Grüne). Man habe gesehen, dass Gewalt kein Weg sei; der Senat habe einen anderen Weg eingeschlagen und mit vielen Hausbesetzern Mietverträge ausgehandelt. In der Folge seien Altbauquartiere, die sonst zugunsten lukrativerer Neubauten abgerissen worden wären, erhalten geblieben.

AfD und FDP enthielten sich bei der Abstimmung, die CDU stimmte dagegen. Dazu muss man wissen, dass der Gedenkstein seinerzeit von linken Aktivisten mit Beton hergestellt wurde, in den man mit der Hand Namen und Todesdatum einschrieb. Es war kein offizieller Gedenkstein, stand auch nicht unter Denkmalschutz. „Es kann nicht sein, dass Private im öffentlichen Raum einfach eine Gedenkplatte installieren“, sagt Matthias Steuckardt, Fraktionschef der CDU. „Und wenn dann eine Baufirma so etwas entsorgt, weil sie darin keinen Wert erkennt, dann finde ich nicht, dass es Aufgabe des Staates ist, diese Platte wiederherzustellen.“