Der Schlag kam massiv – und völlig überraschend. Plötzlich standen am vorigen Freitag 40 Finanzermittler des Landeskriminalamtes vor den Türen verschiedener Clanmitglieder. Zwölf Adressen der Großfamilie R. wurden in Berlin durchsucht, eine in Brandenburg. Insgesamt wurden an diesem Tag 77 Immobilien beschlagnahmt – mit einem Gesamtwert von rund zehn Millionen Euro. Finanziert wurden diese Immobilien zumindest zum Großteil mit Geld aus kriminellen Machenschaften, so der Vorwurf. „Sie ahnten nicht, dass wir ihnen auf den Fersen waren“, sagten am Donnerstag Ermittler, als die Durchsuchung bekannt geworden ist. „Die Konspiration ist aufgegangen.“

Schließfächer aufgebrochen

Mitglieder der Großfamilie R. sind bereits seit Jahren der Polizei wegen besonderer Taten bekannt. So brachen sie im Oktober 2014 in eine Filiale der Sparkasse in Mariendorf ein. Sie ließen sich einschließen und brachen innerhalb von zwei Tagen mehr als 100 Schließfächer auf. Beute: knapp zehn Millionen Euro. Bevor sie flüchteten, zündeten sie Gas. Dabei unterlief ihnen allerdings ein folgenschwerer Fehler und die Filiale explodierte.

Einer der Einbrecher, ein 29-Jähriger aus der Familie R. wurde verletzt und verlor Blut. Durch die DNA, die bei der Polizei bereits gespeichert war, kamen die Ermittler dem Mann auf die Spur. Er wurde ein Vierteljahr später auf dem Flughafen Rom erkannt und verhaftet. Der 29-Jährige war mit einem falschen Pass aus der Türkei nach Italien gereist. Kurz darauf wurde er nach Berlin überstellt.

Die Familie R.: Einer von vielen Clans

Auch der Raub einer 100 Kilogramm schweren Goldmünze aus dem Bodemuseum im März vergangenen Jahres soll auf das Konto der Familie R. gehen. Die Münze im Wert von 3,5 Millionen Euro ist bis heute spurlos verschwunden. Im Juni 2017 waren Haftbefehle gegen vier Verdächtige erlassen worden, inzwischen sind zwei Männer wieder auf freiem Fuß.
Zwei Monate später sollen zwei Angehörige der Familie R. einen Mann getötet haben, weil er von dem Clan 100.000 Euro zurück haben wollte, die er der Großfamilie geliehen hatte.

Die Familie R. ist einer von verschiedenen Clans. In Berlin leben nach Schätzungen der Polizei knapp 20 arabische Großfamilien. Ihnen gehören jeweils bis zu 500 Mitglieder an. Zwölf Clans bereiten der Polizei große Probleme, weil sie immer wieder Straftaten innerhalb der organisierten Kriminalität (OK) begehen. Allerdings, so die Polizei, sind nicht alle Familienmitglieder kriminell.

Straßen sind aufgeteilt

Die OK gehört in den Bezirken seit vielen Jahren zur Tagesordnung. Araber, Türken sowie Afrikaner agieren vorrangig im Westen der Stadt. Sie meiden den Osten, weil er ihrer Meinung nach fremdenfeindlich ist. Das stört Russen, Osteuropäer und Asiaten weniger, sagen Ermittler. Einige arabische Clans wohnen in Neukölln und haben dort bestimmte Straßen unter sich aufgeteilt. Die Familienmitglieder verlassen ihren Kiez nur dann, wenn es sein muss, sagen Fahnder. Das Problem ist aber nicht auf Berlin beschränkt. Auch im Ruhrgebiet, in Niedersachsen und Bremen sind die Clans aktiv.

Am schwierigsten für die Ermittler sind die abgeschotteten Familienstrukturen. So kamen etwa die sogenannten Mhallamiye-Kurden in den 80er Jahren aus dem Südosten der Türkei über den Libanon nach Deutschland, meist nach Berlin, Essen und Bremen. Um zu überleben, mussten die Familien zusammenhalten. „Die Großfamilie ist alles und der Rest ist nichts“, beschrieb einmal ein Forscher das Muster.

Kriminalität durch ungeklärten Aufenthaltsstatus

Viele Mitglieder dieser Großfamilien – auch mit palästinensischer oder libanesischer Herkunft – durften in Deutschland nicht arbeiten, weil sie offiziell staatenlos waren und ihr Aufenthaltsstatus ungeklärt war. Kriminalität wurde zu einer Haupteinnahmequelle mancher Clans und ist es bis heute geblieben. Lediglich die Methoden wurden verfeinert. Anstatt mit Erpressung und Totschlag agieren die Clans heute, zunehmend im Immobilienbereich. So auch die Familie R..

Ein Drittel der Verfahren zur organisierten Kriminalität richten sich gegen Mitglieder arabischer Großfamilien, sagen Ermittler im Landeskriminalamt. Aktuelle Zahlen gibt es nicht. Mehr als die Hälfte der Verdächtigen aus diesen Clans habe inzwischen einen deutschen Pass.

Zeugen werden mundtot gemacht

Drogenhandel, Schutzgelderpressung und illegales Glückspiel werfen hohe Gewinne ab. Dazu kommen Überfälle wie vor Jahren auf ein Pokerturnier mitten in Berlin und auf die Schmuckabteilung im KaDeWe.
Der frühere Bezirksbürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), beschrieb vor Jahren im Fernsehen einmal die Schwierigkeiten der Polizei in ganz Deutschland:

„Sie können da keinen Fremden einschleusen. Zeugen werden ganz schnell mundtot gemacht, mit Gewalt, mit Bedrohungen. Wenn heute acht Leute verhaftet worden sind, heißt das noch lange nicht, dass es auch zu acht Verurteilungen kommt. Geld spielt da überhaupt gar keine Rolle und diese Familien beschäftigen für gewöhnlich die besten Anwaltskanzleien der Stadt.“

Stadtentwicklung gestört

Seine Nachfolgerin Franziska Giffey (SPD), inzwischen Bundesfamilienministerin, sagte damals: „Durch die Machenschaften dieser kriminellen Großfamilien wird (...) die Entwicklung einer Stadt, die Entwicklung eines Bezirks erheblich gestört und dem muss Einhalt geboten werden.“

Ähnlich wie der italienischen Mafia in den 1960er-Jahren in New York wurde inzwischen auch den arabischen Clans in Neukölln ein filmisches Denkmal gesetzt: Die Serie „4 Blocks“ über die Geschäfte und blutigen Machtkämpfe einer Großfamilie lief im Fernsehen und gewann zahlreiche Preise.