Berlin - Am Anfang war ein Faxgerät. Es stand im Haus der Demokratie und mit diesem kleinen Kasten wollten ein paar junge Männer die Welt verändern. Seit 20 Jahren gibt es in Berlin nun einen Lesben- und Schwulenverband. Der LSVD ist heute eine feste Größe, wird selbstverständlich angehört, wenn es um neue Gesetze geht oder Bündnisse gegen Homophobie geschmiedet werden. Am Dienstag wurde das Jubiläum mit viel Pomp und über 400 Gästen im Roten Rathaus gefeiert. Der Anfang war eher unspektakulär.

Bodo Mende lacht, wenn er heute über die Anfänge spricht. Er ist 56 Jahre alt, Gründungsmitglied des Landesverbands und längst verheiratet – natürlich mit einem Mann. Dass das heute möglich ist, hätten die jungen Männer im Haus der Demokratie vor 20 Jahren nicht für möglich gehalten. „Davon haben wir nicht mal geträumt“, sagt Mende. Es sind zwar erst 20 Jahre vergangen, aber es fällt ihm heute schwer, sich noch zurückzuversetzen. Schließlich gibt es inzwischen einen Regierenden Bürgermeister, der öffentlich von sich sagt, er sei schwul. Homosexuelle können ihre Partnerschaft heutzutage ordentlich beurkunden lassen, und ein Diskriminierungsverbot ist sogar in der Landesverfassung verankert.

30 Gesetzesänderungen

Vor 20 Jahren gab es nur das Faxgerät und jene jungen Männer, die sich vorgenommen hatten mit diesem Politik zu gestalten. Unablässig fütterten sie die Maschine mit ihren Forderungen und Kommentaren zur Tagespolitik: Post für die Presse. Kaum gegründet, zettelte der LSVD die „Aktion Standesamt“ an. Deutschlandweit bestellten plötzlich homosexuelle und vor allem viele Berliner Paare bei ihren Standesämtern das Aufgebot. „Am 20. August 1992 waren wir damit die erste Meldung in der Tagesschau. Das war toll“, sagt Bodo Mende. Er erinnert sich an Standesbeamte, die den heiratswütigen Schwulen und Lesben zwar recht gaben. „Aber die jammerten, sie dürften das nicht“, sagt Mende.

Bis zum Jahr 2001. Seitdem können gleichgeschlechtliche Paare nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz auf dem Standesamt getraut werden: der größte Erfolg der Verbandsarbeit. Etwa 30 Gesetze bis hin zum Jagdgesetz mussten geändert und Lebenspartner gleichgestellt werden.

Vielleicht war es ihr Pragmatismus, der die Schwulen und später auch die Lesben, die sich dem Verband anschlossen, so weit gebracht hat: Einfach mal das Aufgebot bestellen, einfach machen.

Verrat an der Emanzipation

Und dabei war und ist die Institution der Ehe bei vielen Homosexuellen stark umstritten. „Dass es unseren Verband überhaupt gibt, ist einem Glücksumstand zu verdanken“, sagt Bodo Mende. Im Bundesverband Homosexueller sei die Ehe damals ja eher als Verrat an der Emanzipation betrachtet worden. Aber es gab eben auch solche, die Gleichberechtigung wollten. Es wurde viel gestritten und wenig erreicht. Bis zur Wende. „Die pragmatischen Teile des Verbandes wechselten dann in den Schwulenverband der DDR“, sagt Mende. Und der setzte sich durch, der westdeutsche Bundesverband verfiel und löste sich auf.

Aber auch, wenn die Homo-Ehe eine Erfolgsstory ist, Bodo Mende fällt noch eine Menge ein, was für den Verband zu tun bleibt. Steuerlich sind homosexuelle Paare noch nicht gleichgestellt. Gemeinsam dürfen homosexuelle Paare auch keine Kinder adoptieren. „Und die gesellschaftliche Situation ist selbst in Berlin noch immer nicht perfekt“, sagt Bodo Mende. Anfeindungen von religiösen Fundamentalisten, Hassmusik in Fußballstadien, Schwule-Sau-Rufe auf Schulhöfen – Mende hält massive Aufklärung weiter für notwendig.

Bodo Mende ist auch nach 20 Jahren Verbandsarbeit immer noch im Landesvorstand aktiv. Das Tagesgeschäft für den LSVD mit derzeit 536 Mitgliedern betreut aber die jüngere Generation. Jörg Steinert, 30 Jahre alt, kümmert sich um Plakatkampagnen, Beratungen, Krabbelgruppen für Regenbogenfamilien. Er organisierte die Protestdemo zum Papstbesuch im vergangenen Jahr, klärt Schüler auf und war beim katholischen Erzbischof Rainer Maria Woelki zu Besuch. „Wir sind froh über diesen Anfang des Dialogs“, sagt Steinert. Die katholische Kirche und speziell der derzeitige Papst mit seinen abwertenden Äußerungen über Homosexualität rangiert für den LSVD auf einer Stufe mit muslimischen Gemeinschaften. „Es gibt kleine Gesten, die uns Hoffnung machen“, sagt Steinert. Eine Einladung zum Tag der offenen Moschee zum Beispiel.

Hochherrschaftlich residiert der LSVD auch nach 20 Jahren immer noch nicht. Ein gutes Dutzend Mitarbeiter wuseln durch eine zugestellte Altbauwohnung an der Kleiststraße am Nollendorfplatz. Es gibt dort auch ein Fax.