Die Rotstiftpläne von Bahnchef Rüdiger Grube gefährden in Berlin und Brandenburg viele Frachtbahnhöfe und Arbeitsplätze bei DB Cargo. Eine bisher vertrauliche Streichliste des Staatskonzerns sieht vor, dass sechs Güterverkehrsstellen in Berlin und 27 kleinere Verladestellen in Brandenburg bereits zum Jahresende komplett geschlossen werden sollen. Weitere vier Logistikstandorte will die Deutsche Bahn nur noch bei Bedarf bedienen, an sechs weiteren soll die Bedienung eingeschränkt werden.

Die harten Einschnitte bei der Bahntochter DB Cargo sorgen seit Monaten für große Unruhe im größten deutschen Staatskonzern und Proteste bei Betriebsräten und Gewerkschaften. Europas größte Güterbahn fährt seit fünf Jahren Verluste ein. Deshalb sollen bundesweit mindestens 215 der noch 1 500 Verladestationen geschlossen und wenigstens 2 100 Arbeitsplätze gestrichen werden. Weitere 53 Logistikstandorte sollen nur noch bei Bedarf bedient und an 101 Frachtbahnhöfen die Bedienung reduziert werden. Zunächst war sogar die Schließung jedes dritten Standorts geplant.

Straße statt Schiene

Die Kürzungspläne betreffen besonders Ostdeutschland, wie die Streichliste und weitere interne Strategiepapiere beweisen. Allein in Berlin und Brandenburg sollen insgesamt 33 Frachtbahnhöfe geschlossen werden (siehe Infokasten), das wäre mehr als ein Siebtel aller Stationen, die vor dem Aus stehen. In Mecklenburg-Vorpommern sollen elf Verladestellen dichtgemacht werden, in Sachsen 18, in Sachsen-Anhalt 13 und in Thüringen fünf.

Allein in Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern beschäftigt DB Cargo rund 1 400 Mitarbeiter. Betriebsrat Thomas Pfarr hat die Kürzungspläne bereits scharf als Irrweg kritisiert, da künftig noch mehr Güter klimaschädlich über die Straße rollen würden. Die DB-Spitze räumt in einem internen Strategiepapier sogar ausdrücklich ein, dass die „Verlagerung auf Lkw“ zu den „alternativen Bedienkonzepten“ gehören soll. Unter dem Dach des Staatskonzerns fährt mit der DB Schenker auch die größte Lkw-Spedition Europas.

Die Deutsche Bahn betont, es seien noch keine Entscheidungen gefallen und die 215 von der Schließung bedrohten Standorte lieferten nur 0,4 Prozent des Umsatzes von DB Cargo. Die Verladestellen würden „nicht geschlossen“, sondern lediglich „nicht mehr angefahren“. Bei besserer Auftragslage könne man die Bedienung wieder aufnehmen. Ziel sei, Anfang 2017 mit der Umsetzung der Pläne zu beginnen.

Am 8. Juni berät der Aufsichtsrat erneut über die Rotstiftpläne, die zum Konzept „Zukunft Bahn“ gehören, mit dem Konzernchef Grube den Transportriesen aus den tiefroten Zahlen bringen will. Das ursprüngliche Konzept sieht sogar die Aufgabe von 18 der bundesweit 39 zentralen Standorte von DB Schenker Rail vor und die Schließung von 400 Frachtbahnhöfen. Die Eisenbahnverkehrsgewerkschaft (EVG) hat dafür aber die Zustimmung verweigert und verlangt eine „Langfriststrategie“. Bisher sei nicht erkennbar, wie DB Cargo mehr Verkehr auf die Schiene bringen wolle, kritisierte EVG-Vorstand Martin Burkert Ende März. Die bisherigen Pläne seien „nicht zustimmungsfähig“.

Die EVG und der Betriebsrat besetzen die Hälfte der 20 Sitze im DB-Aufsichtsrat und können so entscheidend mitbestimmen. In Arbeitnehmerkreisen wird befürchtet, dass bei DB Schenker Rail mittelfristig bis zu 5 000 der noch knapp 31 000 Stellen wegfallen könnten. Auch die Verlagerung der Zentrale von Mainz nach Frankfurt wurde bereits erwogen. In der Gütersparte hat die DB bereits voriges Jahr überraschend 1,3 Milliarden Euro außerordentliche Abschreibungen vorgenommen, die lapidar mit „Neubewertungen“ begründet werden.

183 Millionen Verlust

DB Cargo hat allein 2015 rund 183 Millionen Euro Verlust eingefahren. „Qualität, Produktivität und Markterfolg unbefriedigend – Wirtschaftlichkeit kritisch“, so fassen DB-Manager und McKinsey-Berater die kritische Situation von Europas größter Güterbahn in internen Analysen zusammen. Seit 2011 habe die vormalige DB Schenker Rail acht Prozentpunkte Marktanteil verloren, bei Transporten der Autobranche sogar elf Prozent.

An erster Stelle der Ursachen wird dabei die mangelnde Qualität des eigenen Angebots genannt, also hausgemachte Fehler. So würden Zusagen an die Kunden „vielfach nicht eingehalten“, nur 67 Prozent der Komplettzüge seien pünktlich und nur 72 Prozent der Einzelwagen. Bei Autotransporten auf der Schiene liegt die Quote demnach nur bei 72 Prozent, bei der Zulieferung von Fahrzeugteilen sogar bei nur 60 Prozent. Sogar zugesagte Regelzüge würden abgesagt. Auch beim Containertransport profitiere man wenig vom Wachstum im Güterverkehr.