Was kostet die Berliner Mauer? Absurde Frage? Gar nicht. Die exakte Antwort lautet: pro Stück mindestens 7000 Euro. So viel will der Verleger, Buchhändler und Mauerforscher Wieland Giebel für jedes seiner vier Mauersegmente haben, die er dieser Tage im Internet versteigert. Es sind besprayte Segmente dabei, einige sind aber auch weiß getüncht. Bizarr mutet in diesem Zusammenhang die bei Ebay übliche Kommentierung der Ware an: „der Artikel wurde bereits genutzt“; „gebrauchter Artikel“.

Die Mauerteile, sagt Giebel, waren Teile der Hinterlandmauer entlang des innerberlinischen Grenzverlaufs am Bethanien-, beziehungsweise Engeldamm zwischen Mitte und Kreuzberg. Auf seiner Internetseite berlinstory.de dokumentiert Giebel den Standort und berichtet zum Beispiel auch von mehreren Fluchttunneln, die dort gegraben wurden.

Auf die Mauerteile sei er „vor einiger Zeit“ bei einer Radtour durch die Innenstadt gestoßen, erzählt Giebel. Da habe er in einem Gewerbehof die Betonstücke entdeckt, „und dann bald aber wieder vergessen“. Je näher der 25. Jahrestag des Mauerfalls, der in zwei Monaten begangen wird, rückte, desto mehr dämmerte Giebel: Das könnte ein Geschäft werden.

Letzten Anstoß zu dem spektakulären Verkauf habe, so Giebel, eine Anfrage des International Spy Museum in Washington D.C. gegeben. Die Macher dieses Museums der Spionage hätten für die Wiedereröffnung ihres Hauses gerne ein Original-Teil aus Berlin. Mit dieser Bitte traten sie ans Berliner Alliiertenmuseum heran. Da Giebel mit dem Alliiertenmuseum schon Bücher herausgegeben hatte, kam dann der Kontakt zustande. Aktuell wird über den Verkauf eines Segments verhandelt.

Über den Platz, wo er die Segmente „gefunden“ haben will, mag Giebel nicht all zu viel sagen. Es sei ein Gewerbehof, „so anderthalb Kilometer“ vom ursprünglichen Standort entfernt. Dort hätten die Teile die vergangenen Jahre – oder zweieinhalb Jahrzehnte, da will sich Giebel nicht festlegen – herumgestanden und durchaus ihren Zweck erfüllt: als Trennmauer auf dem Hof einer Autowerkstatt.

Nun will der umtriebige Hobby-Historiker abwarten, wie groß die Nachfrage nach seinen Mauerteilen ist. Sollte sich abzeichnen, dass es sich lohnt, könnte er bei dem Autoschrauber auch noch den Rest besorgen. Rund 20 Segmente stehen dort insgesamt herum, Giebel hat sich eine Kaufoption für alle gesichert.

Axel Klausmeier, Direktor der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße, hat keine moralisch-politischen Bedenken wegen solchen Geschäftssinns. „Ich habe nur über den Preis gestaunt“, sagt er. Er habe immer mal von weit günstigeren Angeboten gehört. Prinzipiell aber befänden sich Einzelteile der Berliner Mauer längst überall auf der Welt und würden auch überall als ein Zeichen der Freiheit verstanden. Hauptabnehmer seien, so Klausmeier, die USA.

Eine erste Auktion dort hatte noch die DDR selbst initiiert. Zum Jahreswechsel 1989/90 wurden Teile auf einem Flugzeugträger im Hafen von New York versteigert. Besonders bizarr waren die Versteigerungen 1990 in Monaco, bei denen Hunderttausende D-Mark erzielt wurden. Nur ein Teil des Erlöses war damals tatsächlich auch bei der Charité angekommen, die davon eigentlich profitieren sollte.

Klausmeier selbst hat auch schon Teile von Grenzanlagen gekauft. So stammt der Wachturm in seiner Gedenkstätte aus einer NVA-Funkerkaserne in Spreenhagen, südöstlich von Berlin. Er sei baugleich mit dem Exemplar, das an der Bernauer Straße stand, jedoch im März 1990 abgerissen wurde. Am 9. November 2009 wurde der Spreenhagener Wachturm an der Bernauer der Öffentlichkeit vorgestellt – und auch er hatte seinen Preis. „Er lag im unteren vierstelligen Bereich“, erinnert sich der Gedenkstättenleiter.