Heute vor 25 Jahren starb der Hausbesetzer und Antifa-Aktivist Silvio Meier. Erstochen von einem rechtsextremen Skinhead am Westausgang des U-Bahnhofes Samariterstraße in Friedrichshain. Dort prangt eine Gedenktafel, die schon mehrmals gestohlen oder verunstaltet worden ist. „Hier wurde Silvio Meier am 21. November 1992 von Faschisten ermordet“, steht darauf. Damals war die Gegend eine Hochburg linker Hausbesetzer, ein paar U-Bahn-Stationen weiter rund um den Bahnhof Lichtenberg dominierten Skinheads und Neonazis. Immer wieder kam es zu heftigen Auseinandersetzungen.

An jenem Tage waren Silvio Meier und einige seiner Freunde mit einer Gruppe von rechtsradikalen Jugendlichen im U-Bahnhof aneinander geraten. Dabei wurde einem Skinhead ein Aufnäher mit der Aufschrift „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“ von der Jacke abgerissen. Dann zogen Silvio Meier und seine Freunde weiter, verpassten aber laut der damaligen Ermittlungen die U-Bahn und begegneten auf dem Rückweg erneut den rechten Hooligans. Diese zogen ihre Messer. Ein damals 17-Jähriger stach auf Silvio Meier ein und tötete ihn. Meier wurde nur 27 Jahre alt und hinterließ einen damals einjährigen Sohn.

Ikone der linken Szene

Am Wochenende werden wieder Tausende Menschen aus dem linken Spektrum an der Gedenkdemonstration für Silvio Meier teilnehmen. Meier ist für sie längst zu einer Art Ikone der linken Szene geworden. Das traditionell von den Grünen regierte Bezirksamt von Friedrichshain-Kreuzberg hat den Silvio-Meier-Kult noch verstärkt, als es im Jahr 2012 die auf den U-Bahnhof zulaufende Gabelsbergerstraße in Silvio-Meier-Straße umbenannte. Und seit vergangenem Jahr vergibt das Bezirksamt nun sogar den Silvo-Meier-Preis. Am Dienstag wird er an das Bündnis „Aufstehen gegen Rassismus“ verliehen. Mit dem Preis würdigt der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg alljährlich Personen oder Projekte, die sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus engagieren. Die Preisvergabe an diesem Dienstag wollte die AfD gerichtlich verbieten lassen. Die Klage wurde aber abgewiesen.

Ein hagerer Mann aus dem Ost-Harz

Wer aber war Silvio Meier? Geboren wurde er 1965 in Quedlinburg im Ost-Harz. 1986 kam er nach Ost-Berlin. Ein hagerer junger Mann mit wachem Geist. Vom Outfit her der Punk-Bewegung nahe stehend engagierte er sich in oppositionellen Kreisen, in der „Kirche von unten“ und der SED-kritischen Umweltbibliothek an der Zionskirche in Mitte. Meier gab das konspirativ hergestellte Infoblatt mOAningstar heraus. 

Vor genau 30 Jahren organisierte er auch jenes denkwürdige Konzert in der auch baulich ziemlich abgerockten Zionskirche mit, bei dem auch die West-Berliner Band Element of Crime aufspielte. Neben der Ost-Berliner Band Die Firma. An diesem Abend des 17. Oktober 1987 überfielen Neonazis die Konzertbesucher, ohne dass die in den Seitenstraßen postierte Volkspolizei eingriff. Dadurch wurde erstmals die Existenz jugendlicher Neonazis in der DDR auch in den Westmedien aufgegriffen.

Silvio Meier träumte zu DDR-Zeiten und auch später noch von einem „freien Sozialismus ohne Staatsdoktrin“. Er war sozusagen zeitlebens in einer Minderheitenposition. Von der DDR- Staatssicherheit wurde er beobachtet. „Wir, die bei der Stasi bekannt waren, haben ja nicht einmal mehr ein Visum für Ungarn bekommen“, erinnerte sich seine Lebensgefährtin vor Jahren in der taz.

Teil der großen Hausbesetzer-Szene in Friedrichshain

Nach der Wende wurde Silvio Meier Teil der großen Hausbesetzer-Szene in Friedrichshain. Er wohnte mit Gleichgesinnten in der Schreinerstraße 47 und hoffte darauf, irgendwann einen Mietvertrag angeboten zu bekommen. Seit die besetzten Häuser in der Mainzer Straße im Herbst 1990 nach tagelangen Straßenkämpfen geräumt worden war, rechnete auch er mit der Räumung. Doch tatsächlich erhielten viele Besetzer in der Schreinerstraße irgendwann Mietverträge. Da war Silvio Meier aber schon tot.

Seine engeren Freunde und seine Partnerin waren lange dagegen, eine Straße nach ihm zu benennen, erfahrt man aus zeitgenössischen Interviews. Sie wollten zudem nicht, dass Silvio Meier von dogmatischen Linksradikalen vereinnahmt würde. „Er war ein lockerer Typ, immer unterwegs, aber auch zuverlässig und besonnen“, beschrieb ihn sein Freund Dirk Moldt vor Jahren in der taz, als er ihn mit dem Jenaer DDR-Oppositionellen Matthias Domaschk verglich. Nur sei letzterer 1983 in Stasi-Haft gestorben, während Silvio Meier von einem Rechtsradikalen ums Leben gebracht wurde. Daraus hätten sich dann ganz unterschiedliche Interpretationen der Lebenswege ergeben. Dabei seien beide Biographien sehr ähnlich.