Zum 17. Weihnachtssingen des 1.FC Union Berlin im Stadion Alte Försterei kamen 28.500 Zuschauer.

BerlinUm 19.15 Uhr läuten die Kirchenglocken im Stadion An der Alten Försterei. Die Lichter gehen aus, stattdessen leuchten Hunderte Kerzen auf den Tribünen. Eigentlich wollen die Union-Fans Weihnachtslieder singen. Doch sie feiern heute auch noch einmal die Erfolge der vergangenen Monate. „Stadtmeister, Stadtmeister“ singen sie erstmal und im Laufe des Abends immer wieder. „Oh Tannenbaum“ muss noch ein bisschen warten. Union-Pressesprecher und Moderator Christian Arbeit ist das ganz recht: „Das ist definitiv das schönste Weihnachtslied“, sagt er und lächelt.

28.500 singende Zuschauer in der Alten Försterei

Alle Jahre wieder verwandelt sich das Union-Stadion am 23. Dezember in Berlins größte Freiluftkathedrale. 28.500 Gäste sind in diesem Jahr nach Köpenick gekommen, um der Weihnachtsgeschichte von Pfarrer Ulrich Kastner zu lauschen, sich vom Weihnachtsmann die Leviten lesen zu lassen und vor allem: um zu singen, singen, singen. 90 Minuten lang, so lang normalerweise ein Fußballspiel auf dem Rasen währt.

Für Union-Pressesprecher Christian Arbeit ist das Weihnachtssingen seines Vereins wie „Weihnachten mit der Familie – nur dass die Familie eben ein bisschen größer ist“. Arbeit tritt an diesem Abend auch als Teil eines dreiköpfigen Bläserensembles auf – gemeinsam mit seinen Eltern. Arbeit spielt die Trompete, sein Vater die Posaune, die Mutter die Klarinette.

Rein zahlenmäßig ist das Weihnachtssingen der kuscheligen Familiengröße allerdings schon seit Jahren entwachsen. Am Eingang bedeutet das Gedrängel, lange Schlangen. Weil der Einlass so lange dauert, startet die Veranstaltung mit einer Viertelstunde Verspätung. „So voll ist es ja nicht mal beim Spiel“, stöhnt ein junger Union-Fan vor dem Eingang.

So geht es hier vielen: „Zu kommerziell, zu viele Leute, zu viel Show“, findet Norbert May. Der 63-Jährige, der Eisern-Mütze trägt, war schon in den vergangenen Jahren dabei, heute ist er mit der ganzen Familie da: Ehefrau, Sohn, Schwiegertochter und der achtjährigen Enkelin Friederike. Leider seien die Unioner nicht mehr unter sich, sagt May.

Karten wurden unter Union-Mitgliedern verlost

Weil die Veranstaltung in den vergangenen Jahren so beliebt und innerhalb kürzester Zeit ausverkauft ist, wurden die Tickets in diesem Jahr erstmals verlost. Jedes Union-Mitglied konnte sich auf ein Los à zwei Karten bewerben, das Glück entschied.

Beim ersten Weihnachtssingen 2003 sah das noch ganz anders aus: Da versammelten sich auf der Mittellinie des Spielfelds nur 89 Union-Fans, „Verrückte“, wie sie der Verein auf seiner Homepage liebevoll nennt. Angestiftet von Torsten Eisenbeiser, Mitglied beim Fanclub Alt-Union, wollte man sich Frohe Weihnachten wünschen – weil das über eine traurige Saison mit vielen Tiefschlägen und verlorenen Spielen irgendwie zu kurz gekommen war. Glühwein, Gebäck und Gesang sollten den Seelenschmerz lindern, die Gemeinschaft Trost spenden. Kein Vergleich zu 2019, wo es zwar auch Glühwein und Gebäck gibt, aber man gemeinsam den Aufstieg in die Erste Bundesliga feiert.

Inzwischen ist das Weihnachtssingen zur Tradition geworden – und zu einem echten Exportschlager. Immer mehr Fußballklubs in ganz Deutschland füllen zur Weihnachtszeit ihre Stadien mit Fans und singen mit ihnen gemeinsam. 2018 sollen deutschlandweit mehr als 250.000 Menschen an solchen Veranstaltungen teilgenommen haben.

In diesem Jahr ganz neu dabei: Nordlicht Rostock mit rund 10.000 Sängern – aus dem Stand. Im karnevalsfreudigen Nordrhein-Westfalen hat man das Kollektiv-Singen schon seit Jahren adaptiert: Beim 1. FC Köln und Bayer Leverkusen heißt das Fansingen „Loss mehr Weihnachtsleeder singe“, auch in Düsseldorf, Dortmund und Aachen findet es statt. Dabei verfolgt jeder Klub eine eigene Ausrichtung. Manche Vereine – wie Düsseldorf und Dortmund – laden sich auch große Stars auf die Bühne, zum Beispiel den Startenor Paul Potts oder die Sänger Max Herre und Joy Denalane.

Christian Arbeit freut sich, dass das Weihnachtssingen weiter verbreitet wird. „Es ist total schön, wenn eine gute Idee größere Kreise zieht und man andere inspiriert“, sagt er. Stars, Sternchen und Popkonzert soll es bei Union auf der Bühne aber auch in Zukunft nicht geben. Auf dass das Weihnachtssingen ein Familienfest bleibt. So gut es mit Tausenden Fans eben geht.

Auch Norbert May wird, trotz aller Kritik, bestimmt wieder kommen. Denn das Weihnachtssingen, sagt er, das sei „schon eine geile Sache, einfach mal was für’s Herz“.