Berlin - Mit neun Aktiven fing er vor 30 Jahren an. Heute hat der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Berlin mehr als 12.500 Mitglieder – und eine Lobby-Macht, die Politiker nicht mehr ignorieren können. Martin Lutz gehört zu den Veteranen des Verbandes, der Sonntag ab 14 Uhr zur Jubiläumsfeier auf das Tempelhofer Flughafengelände einlädt. Der Meteorologe, der in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung das Fachgebiet Luftreinhalteplanung leitet, erinnert sich.

Herr Lutz, Sie sind vor 30 Jahren in den ADFC eingetreten. Warum eigentlich nicht in den ADAC?

Aus dem ADAC war meine Frau gerade ausgetreten, weil der Club eine Kampagne gegen bleifreies Benzin führte. So eine Organisation wollten wir nicht mehr finanzieren. Außerdem war ich damals schon vom Radfahren überzeugt. Es ist nun mal sehr klimafreundlich, effizient und auch schnell. An Staus fahre ich einfach vorbei.

Wie war das Radfahren in Berlin vor 30 Jahren?

Es war wirklich kein Vergnügen. Als Radfahrer fühlte ich mich wie ein Außenseiter. Für die Verkehrspolitiker und die Verwaltung waren wir Parias. Radfahrstreifen auf den Straßen gab es nicht, höchstens schmale, holprige Radwege auf Bürgersteigen. Damals bin ich mit anderen ADFC-Aktiven viele Radwege abgefahren. Das Resultat war niederschmetternd. Kein Wunder, dass vor 30 Jahren lediglich eine Avantgarde Fahrrad fuhr. Kaum zu glauben, was das für eine einsame Angelegenheit war. Der Radverkehrsanteil betrug nur ein paar Prozent.

Hat sich seitdem etwas verbessert?

Und ob. Heute werden rund 15 Prozent aller Wege in Berlin mit Fahrrädern zurückgelegt. Wenn ich jetzt aus meinem Büro auf die Brückenstraße schaue, sehe ich oft genauso viele Fahrräder wie Autos. Heute setzt sich sogar die CDU für Radfahrer ein, bei den meisten Verwaltungsleuten stehen die Türen für uns offen, einer meiner ADFC-Mitstreiter in Steglitz arbeitet jetzt im Senat. Gute Konzepte gibt es reichlich. Das Problem ist nur, dass nicht genug Geld bereit gestellt wird, um sie umzusetzen. Und vieles dauert immer noch zu lange. Schon vor 20 Jahren haben wir vom ADFC gefordert, dass die Birkbuschstraße in Steglitz einen Radfahrstreifen auf der Fahrbahn bekommt – erst jetzt ist absehbar, dass er markiert wird.

Geben Sie es zu: Sie fahren aber sicher auch Auto.

Das kommt vor. Die letzte Fahrt liegt aber Monate zurück. In Berlin braucht man nur selten ein Auto.

Wenn Sie am Steuer sitzen, ärgern Sie sich dann über Radfahrer?

Manchmal. Einige fahren total autistisch, das ist schon ein echtes Problem. Solche Leute verderben uns das Geschäft, weil wir vom ADFC immer erst über ,Rüpelradler’ diskutieren müssen. Besonders ärgere ich mich, wenn ich sehe, wie Radfahrer Fußgänger in Gefahr bringen. Bei Rot über die Ampel und Leuten rücksichtslos über die Zehen fahren, das geht einfach nicht. Da kann man nicht sagen: „Wir armen, benachteiligten Radler.“

Aber Sie haben doch auch schon mal Regeln verletzt.

Kürzlich war ich frühmorgens auf der Schlossstraße in Steglitz unterwegs. Viele Ampeln, aber kein Fußgänger in Sicht, niemand war gefährdet. An einer Ampel bin ich dann bei Rot weitergefahren – und bekam prompt Ärger mit der Polizei. Wo es schlimmes Kopfsteinpflaster gibt, weiche ich schon mal auf den Gehweg aus. Aber da fahre ich dann nicht Höchsttempo, und ich frage die Fußgänger: „Darf ich bitte mal durch?“ Das gab noch nie Ärger.

Was wünschen Sie sich?

Dass die Ausgaben für den Fahrradverkehr aufgestockt und nicht gekürzt werden. Dass unser Verwaltungsgebäude eine Dusche bekommt, die ich benutzen kann, wenn ich morgens mit dem Rad angekommen bin. Dass die Polizei häufiger Radfahrstreifen kontrolliert, ob sie zugeparkt sind. Dass neue Radfahrstreifen für die Zukunft ausgelegt werden – breiter, für eine wachsende Zahl von Fahrrädern und Pedelecs. Schmale Mini-Radwege wie auf der Schönhauser Allee reichen schon jetzt nicht mehr aus. In fünf Jahren werden noch mehr Senioren als heute mit Elektro-Fahrrädern unterwegs sein.

Sie auch?

Natürlich. Meine Mutter ist auch bis ins hohe Alter Rad gefahren. Beim 50. Geburtstag des Berliner ADFC sprechen wir uns wieder.

Das Interview führte Peter Neumann.