Der eine war der Gejagte, der andere der Jäger: Dagobert, wie sich der berühmte Kaufhauserpresser Arno Funke einst nannte, und Martin Textor, damals Chef der Polizeisondereinheiten und oberster Dagobert-Ermittler in Berlin. Anfang der 90er-Jahre liefern sie sich ein Katz-und-Maus-Spiel. Ganz Berlin schien sich damals bei jeder missglückten Geldübergabe über die Polizei schlappzulachen und mit Dagobert mitzufiebern. Vor genau 30 Jahren hatte Funke begonnen, den Karstadt-Konzern zu erpressen. Um seiner Forderung nach 1,4 Millionen Mark Nachdruck zu verleihen, ließ er mehrere Bomben hochgehen.

Für die vielen Geldübergaben hatte er sich geniale technische Konstruktionen ausgedacht: etwa eine Lore, die auf einer Schiene fuhr. Einmal musste die Polizei das Geld in einer Streusandkiste ablegen. Was die Beamten, die die Kiste beobachten mussten, nicht sahen: Sie stand auf einem Gulli, Dagobert schnappte sich das Geldpaket von unten. Leider enthielt es zum wiederholten Mal nur Papierschnipsel.

Mehr als zwei Jahre lang narrte Funke die Polizei, entkam den Ermittlern immer wieder – manchmal denkbar knapp. Als die Ermittler Dagobert schließlich gefasst hatten, waren sie erstaunt. Kein mieser Schwerverbrecher stand vor ihnen, sondern ein hochintelligenter, sympathischer, fast schüchterner Mensch.

Wir treffen beide Männer – Funke ist mittlerweile 72, Textor 78 Jahre alt – in einem Köpenicker Ausflugslokal. Sie duzen sich, weil sie schon etliche Male miteinander zu tun hatten. Wie zum Zeichen ihrer einstigen Gegensätzlichkeit trägt Funke ein weißes Hemd mit blauen Punkten, Textor ein blaues Hemd mit weißen Punkten. Sie lachen, als wir sie darauf hinweisen.

Herr Funke, zu jedem Jubiläum werden Sie wieder an die Öffentlichkeit gezerrt. Das hat etwas von lebenslänglich, oder?

Funke: Ich bin, wenn man so will, selbst schuld und muss wohl damit leben.

Können Sie sich diesen Medienhype um Ihre Person erklären?

Funke: Es muss wohl irgendwie ungewöhnlich gewesen sein, was ich getan habe. Ich war auch verwundert, wie sich das Ganze entwickelte. Natürlich war es angenehmer, wenn die Menschen über die Geschichten gelacht haben, als wenn sie mich gehasst hätten. Das ist vielleicht ein Robin-Hood-Syndrom.

Fühlten Sie sich wie Robin Hood?

Funke: Definitiv nicht.

Textor: Ihn als Robin Hood zu betrachten, wäre Quatsch. Dagobert hat schließlich kein Geld an Arme verteilt.

Funke: Meine Popularität war auch unterschiedlich in Ost und West. In der Osthälfte Deutschlands waren die Leute vielleicht noch mehr auf meiner Seite als in der anderen Hälfte.

Warum?

Das hing vielleicht mit den Erfahrungen zusammen, die die Menschen im Osten mit dem Staat und der Polizei gemacht hatten. Da gab es vielleicht eine gewisse unterschwellige Anarchie: Wenn es gegen den Staat, gegen die Polizei ging, dann war das auf jeden Fall gut.

Benjamin Pritzkuleit
Der Jäger von einst, Martin Textor (l.), und der einstige Gejagte.

Wer war Dagobert für Sie, Herr Textor?

Für mich war er ein Verbrecher.

Sie sitzen nun vor uns und erwecken durchaus den Eindruck, freundschaftlich verbunden zu sein.

Textor: Dagobert ist der einzige Kriminelle, zu dem ich privat noch Kontakt habe. Er ist ein absoluter Sonderfall.

Wann haben Sie sich das erste Mal getroffen?

Textor: Als er aus der Haft entlassen war. Ein Journalist rief mich an und sagte, dass mich Dagobert gerne sehen wolle.

Und Sie willigten ein?

Textor: Mein Chef sagte mir: Geh mal hin. Er hat bestimmt ein paar Tipps aus dem Knast, die er uns verkaufen will. Also willigte ich ein.

Und was wollte er?

Textor: Dagobert wollte mir die Motivation für seine Taten erklären. Ihn wurmte offenbar immer noch, was ich einmal über ihn gesagt hatte.

Was denn?

Textor: Als im Weihnachtsgeschäft 1992 bei Karstadt am Hermannplatz während der Geschäftszeit in einem Fahrstuhl ein Sprengsatz hochgegangen war, erklärte ich öffentlich, dass Dagobert nun seine Unschuld verloren habe. Offensichtlich sei er nicht der Erpresser, der Rücksicht auf andere Menschenleben nehme. Und nun, Jahre später, wollte er darlegen, dass er die Explosion so vorbereitet hatte, das niemand zu Schaden kommen konnte.

Aber eine Bombe ist doch immer gefährlich.

Textor: Er hat mir erklärt, dass es in dem Fall nicht gefährlich sein konnte. Das fand ich bemerkenswert.

Funke: Ich bin etliche Male in dem Fahrstuhl hoch und runter gefahren, habe die Zeit gestoppt. Es war auch nur ein kleiner Sprengsatz, der zwischen zwei Etagen hochging. Ich habe dem Kurzzeitzünder eingeschaltet, dann schloss sich die Tür, ohne dass jemand einsteigen konnte. Selbst die Polizeitechniker wiesen nach, dass ich das unter Kontrolle hatte.

Ich dachte, der verscheißert uns. Aber heute weiß ich, dass er ein sehr höflicher Mensch ist.

Martin Textor

Glauben Sie ihm?

Textor: Warum soll es nicht so gewesen sein? Was hätte Dagobert denn davon gehabt, wenn Menschen zu Schaden gekommen wären? Bei der Presse wäre es für ihn der Supergau gewesen.

Und wie verlief dieses erste Treffen?

Textor: Es war eine Veranstaltung mit Pressevertretern in einem Café. Ich wurde unheimlich sauer, als Fotografen ein Bild machen wollten, wie ich Dagobert Handschellen anlege. Da habe ich gesagt, so ein Theater mache ich nicht mit.

Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann
September 1998: Presserummel für Kaufhauserpresser Arno Funke alias Dagobert. Er wird fast überall erkannt.

Und vorher haben Sie ihn nie gesehen, obwohl er die Polizei und damit auch Sie monatelang genarrt hatte?

Textor: Nein. Ich kümmerte mich grundsätzlich nicht darum, was nach der Festnahme mit Tätern passierte. Das war nicht mein Part. Meine Aufgabe war es, sie zu fassen. Danach war das Gericht dran.

Und welchen Eindruck hatten Sie voneinander?

Textor: Dagobert hatte seine Strafe abgesessen, der Fall war erledigt. Als ich nach unserem Treffen nach Hause kam, sagte ich zu meiner Frau: Arno Funke hat Humor, Ausstrahlung, er ist sympathisch. Und wenn ich nicht gewusst hätte, was er getan hat, hätte ich ihn gefragt, ob wir uns mal wieder treffen. Da hat meine Frau gesagt: Nun mach aber mal langsam. Schließlich ist er ein Verbrecher.

Funke: Ich hatte Respekt vor der Arbeit von Martin Textor, vor seiner Position als Chef des SEK. Ich hatte nichts gegen die Polizei. Sie ist schließlich ein notwendiger Teil der Gesellschaft. Und manchmal rufe ich innerlich auch nach der Polizei – etwa wenn ich auf der Autobahn rechts überholt werde.

Was hat Sie denn an Dagobert so fasziniert, dass Sie am liebsten Freundschaft geschlossen hätten?

Textor: Als Täter war er ungewöhnlich. Er hat einen Humor, den ich mag.

Aber er hat Sie zwei Jahre lang auf Trab gehalten, Sie wurden in den Medien seinetwegen auch mit Spott bedacht.

Textor: In der Öffentlichkeit hieß es, dass er uns an der Nase herumgeführt habe. Unsere Einsätze sind manchmal nicht ohne, ein Mitarbeiter wurde bei einem SEK-Einsatz erschossen. Deswegen ist es mir schon auf die Nerven gefallen, wenn die Berichterstattung ins Hämische ging.

dpa
Die selbst gebastelte Lore, mit der in Berlin die Geldübergabe an den Kaufhauserpresser Dagobert scheiterte. In einer Holzkiste wurde das Geld auf der Lore befestigt. Nach knapp einem Kilometer entgleiste das Gefährt und das Geld fiel heraus.

Herr Funke, Sie haben die Sprengsätze selbst gebaut, auch eine kleine Lore, die auf einer Schiene fuhr und das Lösegeld zu Ihnen bringen sollte, und ein Mini-U-Boot, das nicht mehr zum Einsatz kam. Woher haben Sie ihren technischen Sachverstand?

Funke: Eigentlich war ich ein Schulversager. Und die Sachen, die mich interessiert haben, gab es in meiner Grundschule nicht – also Physik, Chemie, Astronomie und solche Sachen. So bin ich nach der Schule in die Bibliothek gegangen und habe mich dort mit entsprechenden Büchern versorgt. Ich hatte immer irgendwelche Ideen, wollte immer eine Rakete bauen.

Sie haben viel gebastelt?

Funke: Wir hatten einen Garten, und dort gab es einen Schuppen mit jeder Menge Werkzeug. Ich war zwölf Jahre alt, als ich mir zu Weihnachten von Kosmos den ,Kleinen Radiomann‘ gewünscht habe. Damit konnte ich mich einarbeiten in die Transistortechnik, wusste, wie Radios und Verstärker aufgebaut sind. Zum nächsten Weihnachtsfest war es der ,Kleine Chemiker‘. Sie müssen bedenken, es war eine andere Zeit. Ich bin nicht abgelenkt worden durch Handys oder das Internet.

Textor: Das, was er getan hat, ist heute eigentlich nicht mehr vorstellbar. Dagobert wird es nie wieder geben.

Warum nicht?

Textor: Die Kriminalität findet heutzutage verstärkt im Internet statt. Wer heute noch Erpressungen plant oder eine Geiselnahme durchziehen will, müsste eigentlich schon wegen Dummheit ins Gefängnis.

Dagobert hatte Stolperdraht installiert, bei der Berührung gingen Chinaböller hoch. Alle sind in volle Deckung gegangen. Das war wirklich Slapstick.

Martin Textor

Mit Ihrem Wissen hätte aus Arno Funke ein Wissenschaftler werden können, ein Physiker, vielleicht sogar der Bundeskanzler. Stattdessen wurden Sie Dagobert.

Funke: Bundeskanzler zu werden hat sich nicht ergeben. Die Lebensumstände haben mich zu dem gemacht, was ich geworden bin.

Wie meinen Sie das?

Funke: Im letzten Schuljahr ist bei mir der Knoten geplatzt, alles war plötzlich einfach, und ich hatte gute Zensuren. Der Lehrer hat mir dann den weiteren Schulbesuch schmackhaft machen wollen. Aber ich hatte keine Lust, das Leben lockte. Ich bin eigentlich ein bisschen introvertiert. Mein bester Freund sagt sogar, dass ich auch leichte autistische Züge habe.

Den Eindruck haben wir nicht.

Funke: Es hat sich auch einiges verändert. Nach meiner Haftentlassung hatte ich viele Bühnenauftritte. So ist meine Schüchternheit langsam gewichen.

Wie aber kamen Sie auf die Idee, einen Kaufhauskonzern zu erpressen?

Funke: Ich habe bei einem Kumpel in der Werkstatt Motorräder mit Farbbildern verziert. Durch die Lacke und Farben bekam ich eine chronische Lösungsmittel-Vergiftung. Ich fühlte mich immer, als hätte ich eine halbe Flasche Whiskey getrunken, war richtig benebelt. Mein Kurzzeitgedächtnis war hinüber. Ich hatte Depressionen und stand kurz vor dem Selbstmord. Ich fürchtete, nur noch von Sozialhilfe leben zu müssen. Das macht schon gesunde Menschen depressiv. Und ich dachte, wenn ich Geld hätte, viel Geld, dann würde es mir besser gehen.

Max Lautenschläger
2004: Der als Kaufhaus-Erpresser bekannt gewordene Arno Funke, genannt Dagobert, mit einer Dagobert-Figur.

Trotzdem werden die wenigsten Menschen, denen es schlecht geht, kriminell.

Funke: Das ist vielleicht eine Mentalitätsfrage. Die einen bringen sich um. Und die anderen haben nicht das Wissen, um so etwas umzusetzen.

1988 hat Dagobert zunächst den Kaufhauskonzern Hertie erpresst, zu dem damals das Berliner KaDeWe gehörte. Dort explodierte eine Bombe. Der Konzern zahlte daraufhin eine halbe Million Mark. Warum haben Sie keine Bank überfallen?

Funke: Das wäre zu persönlich gewesen, zu nah am Menschen, denen ich hätte gegenüberstehen müssen. Ein Konzern war für mich ein anonymes Etwas, das Geld besaß.

Und warum habe Sie sich mit den erpressten 500.000 Mark nicht zufrieden gegeben?

Funke: Das Geld war irgendwann alle, und mir ging es nicht besser.

Textor: Hätte er nach dem Erhalt des ersten Lösegeldes aufgehört, wäre er einer der wenigen Erpresser gewesen, der nie gefasst worden wäre.

Am 13. Juni 1992, also genau vor 30 Jahren, begann ihre Erpresserserie – in Hamburg, wo bei Karstadt eine Rohrbombe hochging, dann folgten Bremen und Berlin. Sie verlangten erst eine Millionen Mark, später 1,4 Millionen Mark. Wieso nannten Sie sich Dagobert?

Als ich über die Modalitäten der Geldübergabe nachdachte, lag ein mit Dagobert Duck bedruckter Turnbeutel auf meinem Schreibtisch. Das fand ich passend. Dann habe ich den Konzern aufgefordert, bei Zahlungsbereitschaft eine Anzeige zu schalten mit dem Wortlaut: „Dagobert grüßt seinen Neffen“.

Herr Textor, als Chef des SEK hat Sie Dagobert lange Zeit beschäftigt. Sticht die Jagd nach ihm hervor?

Textor: Ich hatte in meiner Laufbahn als SEK-Chef etwa 25 Fälle von schwerwiegenden Erpressungen und Geiselnahmen. Aber dieser Fall war anders. Er war der aufwändigste, längste und teuerste Einsatz. Er kostete den Berliner Steuerzahler ungefähr zehn Millionen Mark. In den vielen Monaten gab es im gesamten Referat „Einsatz, Erprobung und Sonderaufgaben“, also dem SEK, dem Präzisionsschützen-Kommando und dem Mobilen Einsatzkommando kein anderes Thema mehr als Dagobert. Das betraf etwa 450 Leute.

Die Polizei hat es mir aber auch manchmal sehr leicht gemacht. Damals habe ich mich schon gefragt, warum dort im Wald zu dieser Zeit bei strömenden Regen ein Mann im Trenchcoat herumsteht.

Arno Funke

Rund 30 Geldübergaben scheiterten, es lag in den Geldpaketen auch nie echtes Geld. Warum ist es der Polizei erst nach zwei Jahren gelungen, Dagobert zu fassen?

Textor: Dagobert war überaus vorsichtig. Wenn er nur witterte, dass er festgenommen werden konnte, brach er die Geldübergabe ab.

Und wie reagierte er dann?

Textor: Das war das Schärfste. Wenn es mal wieder nicht geklappt hatte, dann rief Dagobert manchmal bei der Polizei an und entschuldigte sich: Tut mir leid, dass sie alle in den Dienst kommen mussten. Ich dachte, der verscheißert uns. Aber heute weiß ich, dass er ein sehr höflicher Mensch ist.

Sie waren Dagobert aber oft dicht auf den Fersen.

Textor: Ein paar Mal hatten wir richtig Pech. Ich denke da nur an den Bahndamm in Charlottenburg.

Was war dort?

Textor: Dort stand die nächste Geldübergabe an. Wir gingen davon aus, dass wir das Geld wie schon einmal in eine Tasche legen sollten, die mit Magneten an einem Zug angebracht war und durch einen Impuls gelöst werden sollte. Das war einfach genial. Ich habe 400 MEK-Beamte durch Berlin und ins Umland geschickt und gesagt: Ihr seid jetzt mal Dagobert. Schaut euch das gesamte Bahngelände an. Sucht Stellen, die für eine Geldübergabe ideal sind. Und eine dieser Stellen war die, wo wir ihn beinahe bekommen hätten.

Was heißt beinahe?

Textor: Nachdem die Geldübergabe missglückt war, hatte ein Beamter Dagobert bei seiner Flucht fast vom Rad geschubst. Jeder andere Radfahrer wäre gestürzt, aber Dagobert fuhr weiter. Es ist immer gesagt worden, dass ein Beamter, der Dagobert schon an der Jacke gepackt hatte, auf einem Hundehaufen ausgerutscht sei. Das war aber Blödsinn, er ist auf nassem Laub ausgeglitten.

Funke: Die Polizei hat es mir aber auch manchmal sehr leicht gemacht. Ich war nachts wegen einer Geldübergabe im Krähenwald in der Nähe von Hamburg mit meinem Nachtsichtgerät unterwegs. Damals habe ich mich gefragt, warum dort im Wald zu dieser Zeit bei strömendem Regen ein Mann im Trenchcoat herumsteht.

Textor: Sie glauben gar nicht, wie schwer es für einen Schutzpolizisten ist, der im Dienst immer nur Uniform trägt, plötzlich in Zivil unauffällig zu wirken.

Benjamin Pritzkuleit
Dagobert ist der einzige Kriminelle, den der einstige SEK-Chef Martin Textor (l.) heute noch trifft. Hier bei unserem Interview im Köpenicker Ausflugslokal.

Ein wenig Bewunderung klingt mit, wenn Sie über Dagobert reden.

Textor: Er hat sich schon etwas einfallen lassen. Das für mich schönste Ding war die Geschichte mit der Lore. Das hatte was Skurriles.

Was war das?

Funke: Ich hatte eine Lore gebaut, die sollte auf einem stillgelegten Gleis in Charlottenburg die 1,4 Millionen Mark zu mir transportieren.

Textor: Unser Plan war: Wenn die ferngesteuerte Lore losfährt, dann rennen einige Beamte hinterher. Aber Dagobert hatte an der Strecke Stolperdraht installiert, bei der Berührung gingen Chinaböller hoch. Alle sind in volle Deckung gegangen. Das war wirklich Slapstick.

Und Dagobert war weg?

Funke: Da war ich schon lange nicht mehr am Ort. Ich hatte ja die vielen Polizisten gesehen.

Auch in einem Technikladen soll die Polizei Dagobert fast erwischt haben.

Textor: Es war so unglaublich. Wir wussten, dass fast alles, was er für die Sprengsätze oder seine technischen Vorrichtungen verwendet hat, bei Conrad gekauft wurde. Also wurden alle Conrad-Filialen überwacht. Da standen dann Beamte in Zivil fünf Stunden lang im Laden rum und taten so, als würden sie etwas kaufen. Das hat Dagobert natürlich sofort gemerkt.

Funke: Vielleicht habe ich auch eine gewisse Menschenkenntnis und ein Gefühl dafür. Dabei wollte ich diese Zeitschaltuhr, die ich dort kaufen wollte, für etwas ganz anderes verwenden. Deswegen war ich zunächst auch nicht so darauf fixiert, dass der Laden überwacht werden könnte.

Und wie haben Sie es bemerkt?

Funke: Am Verkäufer. Er meinte, er müsse mal ins Lager gehen. Sonst hatten die Zeitschaltuhren gleich hinter ihm im Regal gelegen. Nach einer Weile kam er zurück, legte mir das Teil auf den Tresen und fragte, ob er mir noch etwas erklären könne. Und da klingelten bei mir alle Alarmglocken.

Wieso, das ist doch Service?

Funke: Das macht kein Verkäufer. Jedenfalls nicht bei Conrad. Ich habe dann geschaut, wie viele Hintertüren es gibt und eine spiegelnde Fläche gesucht, in der ich den Laden überblicken konnte. So habe ich gesehen, dass mich ein Mann beobachtet. Da war mir klar: Ich muss raus hier. Aus den Augenwinkeln sah ich noch, wie der Mann plötzlich losrannte. Durch die Schaufensterscheibe konnte ich auf die Straße blicken. Ich sah dort zwei Herren, die sehr groß und sehr kräftig aussahen und sagte mir: Mist, das ist das SEK.

Textor: Das war nicht das SEK.

Funke: Trotzdem waren die Herren sehr groß und kräftig. Und dann habe ich zugesehen, dass ich da rauskomme. Durch einen Hinterausgang. Von dort habe ich mir ein Taxi genommen.

Textor: Sie glauben gar nicht, wie man sich als Einsatzleiter dann über den Bericht „freut“, in dem steht: Das war bestimmt der gesuchte Dagobert.

Wie oft ist Ihnen Dagobert eigentlich durch die Lappen gegangen?

Textor: Ich glaube, es waren mehr als zwanzig Mal.

Die Stimmung bei der Polizei muss furchtbar gewesen sein.

Textor: Da kam schon Wut hoch. Es gab auch Leute, die sagten, wir legen dem jetzt Sprengstoff in das Geldpaket und suchen dann einen Mann ohne Arme. Aber da muss man den Kollegen erklären, dass nicht wir die Verbrecher sind und wir bei den Mitteln des Rechtsstaats bleiben.

Und wie war es bei Ihnen persönlich?

Textor: Ich hätte manchmal schon in sämtliche Holzstämme beißen können.

Haben Sie die Pressekonferenzen der Polizei zu Ihrem Fall im Fernsehen verfolgt?

Funke: Natürlich. Die ganze Situation war für mich schon belastend, weil in den Geldpaketen nie richtiges Geld oder bei der Geldübergabe irgendetwas schiefgelaufen war. Ich versuchte natürlich herauszuhören, was wissen die eigentlich von mir?

Textor: Eine Zeitlang hatte ich sogar gedacht, Dagobert könnte auch ein Polizist sein. Er wusste ja immer, was wir machen.

Funke: Ich wusste das nicht. Aber wenn ich eine Idee für die Geldübergabe hatte, habe ich natürlich versucht, mich in die Rolle eines Polizisten zu versetzen.

Der Medienrummel um Dagobert war riesig, es gab auch sehr viel Häme über die Polizei. Das muss Sie doch wütend gemacht haben, oder?

Textor: Wir in Berlin sind noch relativ gut weggekommen und nicht so angegangen worden wie die Hamburger Kollegen. Sie hatten die Leitung der Ermittlungen, weil dort der erste Fall zur Anzeige gebracht worden war – auch wenn das meiste in Berlin passiert ist. Nachbarn haben mich angesprochen: Na, ist er wieder entwischt? Selbst die Kinder des Hamburger Einsatzleiters Michael Daleki sind in der Schule veräppelt worden: Mensch, was habt ihr denn für einen doofen Papa? Dabei war Daleki einer der besten Polizeiführer, den ich kennenlernen durfte.

Haben Sie als Dagobert damals ein Gefühl des Triumphes verspürt, wenn Sie der Polizei mal wieder entwischt waren?

Funke: Überhaupt nicht. Das lag mir fern. Und natürlich war mir auch bewusst, dass ich manchmal nur Glück hatte.

Bernd Settnik/dpa
22. April 1994: In dieser Telefonzelle in Johannisthal wurde Dagobert festgenommen - nach fast zwei Jahren Fahndung mit zahlreichen Pannen und gescheiterten Geldübergaben.

Die Polizei hat sich dann bei den Ermittlungen auf die Telefonzellen konzentriert.

Textor: Wir haben alle Telefonzellen im Westteil der Stadt überwacht, weil Dagobert immer von dort angerufen hat.

Funke: Stimmt nicht, ein paar Mal war ich auch im Ostteil.

Textor: Aber wir mussten Prioritäten setzen. Jede Telefonzelle haben wir uns angeschaut. Sie musste schließlich in Dagoberts Schema passen.

Wie sah das aus?

Textor: Sie musste freistehend sein, damit er in alle Richtungen schauen konnte. Rund 3000 Zellen kamen in Frage. Einige wurden dann gesperrt, sodass letztlich 1500 Orte, die wir überwachen mussten, übrig blieben.

Was für ein Aufwand. Und was geschah dann?

Textor: Dann bin ich zum Polizeipräsidenten gegangen und habe ihm gesagt: Ich benötige nächste Woche 3000 Polizisten.

Funke: Ich hatte im Hinterkopf, dass die Zellen überwacht werden könnten. Es gab schon mal einen Fall, wo die Polizei einen Erpresser in der Telefonzelle festnehmen konnte.

Textor: Dich zum Beispiel.

Soll das heißen, Sie haben die Überwachung bemerkt?

Funke: Das war nicht so schwierig. Ich habe mir in Rudow zunächst die Telefonzelle angeschaut. Ein Polizeiwagen kam und parkte verdeckt in einer Grünanlage. Da bin ich mit dem Fahrrad weitergefahren und habe die nächste Zelle avisiert. Dort saßen zwei Leute in einem Auto. Ich bin dann mit der U-Bahn zur Gropiusstadt gefahren, habe mir gedacht, eine Telefonzelle versuche ich noch. Wenn die wieder komisch ist, dann rufe ich nicht an. Aber ich hatte ein gutes Gefühl und habe mich gemeldet. Am nächsten Tag las ich in der Zeitung, dass fast alle Telefonzellen überwacht worden waren. Die, aus der ich angerufen war, gehörte nicht dazu. Zur Freude der Boulevardpresse, denn schräg gegenüber befand sich die Walt-Disney-Oberschule.

Aber letztlich ist Dagobert doch in einer Telefonzelle erwischt worden.

Textor: Ungewöhnlich ist, wie es zu Ende ging. Als Dagobert das vorletzte Mal angerufen hatte, waren wieder viele Kollegen an zentralen Punkten in Berlin stationiert, von denen aus sie in kurzer Zeit alle möglichen Telefonzellen erreichen konnten. Und dann kam der Anruf aus Potsdam.

Also wieder ein Flop?

Textor: So sah es zunächst aus. Ich hatte schon das Kommando zum Einpacken gegeben, als zwei Beamte sich meldeten. Sie hatten auf der Königstraße gestanden, die zur Glienicker Brücke führt, und von einem Kleinwagen erzählt, der ihnen aufgefallen war. Im Wagen lag ein Fahrrad, und der Fahrer hätte sehr nachdenklich ausgesehen. Sie haben sich das Kennzeichen aufgeschrieben. Wir haben es überprüft. Der Wagen stammte von einer Autovermietung. Dort haben wir erfahren, wer sich den Wagen ausgeliehen hatte: Arno Funke.

Was für ein kapitaler Fehler, den Wagen mit Ihrem richtigen Namen zu mieten.

Funke: Es war die Zeit, als die Luft raus war. Ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, mich zu stellen. Mein Ziel, Geld zu bekommen, hatte ich nicht erreicht. Und meinen Forderungen mehr Nachdruck verleihen und Leute in die Luft sprengen, das wollte ich nicht. Ich wusste, das geht dem Ende entgegen und das sollte dann auch wirklich der letzte Versuch sein. Ich hatte auch überlegt, wer mich verpfeifen könnte und die ausgelobte Belohnung kassiert.

Textor: Wir erfuhren auch, dass Funke an den Tagen, an denen Geldübergaben geplant waren, einen Wagen gemietet hatte. Das war uns aber noch nicht beweissicher. Wir haben Funke dann observiert.

Auch am 24. April 1994.

Textor: An diesem Tag wurde Dagobert festgenommen, als er in einer Telefonzelle in der Hagedornstraße in Treptow telefoniert hatte. Ausgerechnet von dem Polizisten, der so unglücklich auf nassem Laub ausgerutscht war.

Und dann war die Freude groß?

Textor: Sie hätten mal den Parkplatz vor unserem Dienstgebäude sehen sollen: Die Kollegen tanzten, die Sektflaschen standen auf den Einsatzwagen. Ich musste allen freigeben – schließlich ist Alkohol im Dienst verboten.

Benjamin Pritzkuleit
Arno Funke sagt: „Das, was ich gemacht habe, ist nichts, worauf ich stolz sein kann.“

Wie haben Sie als Dagobert die Festnahme erlebt?

Funke: Ich ließ es über mich ergehen. Nachdem ich verhaftet worden war, saß ich mit auf dem Rücken gefesselten Händen im Polizeiwagen. Ich habe den Beamten gesagt, dass die Fesseln drücken, da durfte ich die Hände nach vorne nehmen. Und dann war es eigentlich relativ entspannt.

Textor: Bei den ersten Vernehmungen herrschte eine eigenartige Atmosphäre. Das lag daran, wie Dagobert auftrat. Wir haben alle gedacht: Das kann doch nicht Dagobert sein!

Warum nicht?

Textor: Ein Heer von Psychologen war mit der Frage beschäftigt, was Dagobert für ein Mensch sei. Alle, die mit dem Fall betraut waren, haben gedacht, das ist ein ausgebuffter Verbrecher. Der nimmt keine Rücksicht und ist zu allem bereit.

Und wie ging es für Dagobert weiter?

Funke: Ich kann mich noch gut an die Gefangenensammelstelle erinnern. Dort lag eine gewisse Freude in der Luft. Der Kollege vom Erkennungsdienst freute sich richtig. Er hatte immer gehofft, Dienst zu haben, wenn ich verhaftet werden würde. Und als ich zur Zelle gebracht wurde, hat er mir noch eine volle Packung Zigaretten gegeben.

Textor: Sowas passiert sonst wirklich nicht. Ich sage ja: Das ist der ungewöhnlichste Fall in der mir bekannten Kriminalgeschichte.

Sie sind zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden.

Funke: Im ersten Prozess zu siebeneinhalb Jahren Haft. Ich war vermindert schuldfähig. Aber das war wirklich wenig. Die Staatsanwaltschaft ist in Revision gegangen. Letztlich wurden neun Jahre daraus.

Wie erlebten Sie das Gefängnis?

Funke: Ich habe versucht, es nicht so sehr an mich herankommen zu lassen. Es gab in der Haft auch ein großes Hallo. Die Gefangenen, die gerade außerhalb ihrer Zelle waren, riefen: Dagobert!

Sie haben dann von Polizisten hämische Post in den Knast bekommen.

Funke: Ein paar Kollegen haben mir eine Karte aus der Kneipe geschickt mit dem Satz: Du warst gut, wir waren besser.

Textor: Von mir kamen die Zeilen nicht.

Sie sind zu Schadenersatz in Millionenhöhe an Karstadt verurteilt worden. Wie geht es Ihnen heute finanziell?

Funke: Als ich vor ein paar Jahren in das Dschungelcamp ging, entstand die Frage, was geschieht mit dem Geld, das ich dort verdiene. Zu dieser Zeit hatte sich Karstadt schon seit sieben Jahren nicht mehr bei mir gemeldet. Bei denen hatte es Insolvenz und Besitzerwechsel gegeben. Wir haben vereinbart, dass wir nicht weiter drüber sprechen.

Aber Sie sind heute schuldenfrei?

Funke: Ja, das kann man so sagen.

Sie haben beim Eulenspiegel als Karikaturist angefangen. Und Sie verdienen an Ihrer Geschichte als Dagobert.

Funke: Natürlich verdiene ich ein bisschen Geld damit. Von irgendetwas muss ich schließlich leben. Die Journalisten verdienen auch daran und letztlich auch das Finanzamt.

Bereuen Sie Ihre Taten?

Funke: Was heißt bereuen? Ich kann die Sache erst mal nicht ungeschehen machen. Ich bin auch nicht stolz auf diese ganze Geschichte. Und es tut mir auch leid. Es gab schließlich auch die Leute, die darunter gelitten haben: die Verkäuferinnen und Verkäufer, die mit einem unguten Gefühl zur Arbeit gegangen sind, die Polizisten, die wegen mir Überstunden machen mussten. Das war alles von mir so nicht geplant. Berühmt zu werden, war auch nicht wirklich mein Ziel.

Peer Grimm/dpa
Der Kaufhauserpresser Arno Funke alias „Dagobert“ stellt am 30.September 1998 in Berlin sein Buch „Mein Leben als Dagobert“ vor, erschienen im Christoph Links Verlag Berlin.

Freut es Sie, wenn Sie auf ihre Dagobert-Karriere angesprochen werden?

Funke: Das, was ich gemacht habe, ist nichts, worauf ich stolz sein kann. Auch wenn mich Menschen immer wieder darauf ansprechen oder ein Autogramm wollen. Vor 20 Jahren war es besonders schlimm. Ich konnte nirgendwohin gehen, ohne beobachtet zu werden – wie ein bekannter Schauspieler. Ich habe aber auch kein Problem, über das, was ich getan habe, zu sprechen.

Aber ohne Dagobert wären Sie nicht das, was Sie jetzt sind: Karikaturist, Buchautor, ein Mensch, dessen Leben gerade verfilmt wird.

Funke: Das ist richtig. Aber muss ich das bereuen?

In der ARD beginnt am 13. Juni um 20.15 Uhr die Mini-Serie: „Jagd auf Dagobert – Vom Verbrecher zum Volkshelden“.

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