Berlin - Noch etwas wacklig, aber erstaunlich schnell flitzt Lara von der Kasse im Drogeriemarkt rüber in Richtung Ausgang des kleinen Einkaufszentrums an der Zingster Straße. Mathias Paul läuft hinterher und fängt seine einjährige Tochter wieder ein. „Man sieht wieder mehr Kinder hier in der Gegend“, sagt der Hohenschönhausener. „Ich mag die Mischung aus jüngeren Familien und älteren Menschen.“

Diese Mischung zeigt sich auch auf der Zingster Straße, die an diesem Mittag mit Rentnern bevölkert ist, aber auch Schulkinder und Mütter mit ihren Babys sind unterwegs. Die meisten von ihnen leben in den Plattenbauten mit ihren nunmehr bunten Fassaden, die rundum empor ragen. Sie leben gern hier. Als das Neubaugebiet vor 30 Jahren entstand, am 9. Februar wurde der Grundstein gelegt, zog es vor allem junge Familien hierher, inzwischen liegt das Durchschnittsalter bei 40 Jahren.

1987 ist Mathias Paul als Neunjähriger mit seinen Eltern aus Pankow nach Hohenschönhausen gezogen und will seitdem nicht mehr weg. So geht es vielen hier. Sie schätzen die bezahlbaren Wohnungen, die Ruhe abseits des Zentrums. Paul liebt den Malchower See nahe der S-Bahnstation Wartenberg. „Dort habe ich quasi meine ganze Kindheit verbracht und immer am Ufer gespielt“, sagt der 35-Jährige. Trotz der Stadtrandlage gebe es im Viertel alles, was man braucht, ein Schwimmbad, Geschäfte.

Schöne Kindheitserinnerungen

Nach der Wende sei Hohenschönhausen durch die Sanierung der Plattenbauten bunter und freundlicher geworden. 55.000 Wohnungen gibt es hier, rund 41 Prozent davon gehören der Wohnungsbaugesellschaft Howoge, auch die, in der Paul mit Frau und Tochter nahe der Zingster Straße lebt. Die Wohnungen würden gut in Schuss gehalten, lobt er. Jeden Tag eine Stunde Fahrzeit zu seiner Arbeitsstelle in Westend nimmt Paul in Kauf, um in Hohenschönhausen wohnen zu bleiben. „Die Anbindung ist gut.“

Schöne Kindheitserinnerungen verbindet auch die 25-jährige Yvonne Laertz mit der Gegend. Vor 14 Jahren zog sie mit ihren Eltern aus Mecklenburg-Vorpommern in die Ahrenshooper Straße. Ihre beste Freundin wohnte ein paar Stockwerke schräg über ihr. „Wir haben uns immer Zeichen gegeben, zusammen mit anderen Fußball und Tischtennis im Hof gespielt. Kein Mensch hat sich über den Lärm der Kinder aufgeregt.“

Später hat sie auch mal ein Jahr lang bei ihrem jetzigen Mann Mark in Reinickendorf gewohnt, doch ihr war klar, dass sie wieder in Hohenschönhausen leben möchte, erst recht mit Familie. Zwei Monate ist Tochter Emily Zoey alt und gluckst zufrieden auf dem Sofa. Auch dem Neu-Hohenschönhausener Mark gefällt es in der Wohnung in der Ribnitzer Straße, die viel Nachmittagssonne abbekommt. Vom Balkon im achten Stock schauen sie auf eine kleine Bäckerei und eine Kneipe. „Durch die Kneipe ist es ganz schön laut geworden“, sagt Yvonne Laertz. Nächsten Monat ziehen sie um in eine größere und ruhigere Wohnung ganz in der Nähe. 653 Euro warm werden sie dann für 90 Quadratmeter bezahlen. „Ein fairer Preis“, findet Mark Laertz.

Für Martina Eckert war der Umzug in die Neubauwohnung in Hohenschönhausen vor fast 30 Jahren eine Errungenschaft. Als die 56-Jährige 1985 mit ihrem Mann und zwei Kindern hierher zog, tauschte die Familie eine riesige Altbauwohnung in Magdeburg in eine Drei-Zimmer-Wohnung ein. „Das war eine wahnsinnige Erleichterung mit der Heizung, nicht mehr morgens um vier Uhr aufstehen zu müssen, um den Ofen in Gang zu bringen.“ Vor allem Familien von außerhalb Berlins siedelten sich an: „Es wollte ja kaum ein Berliner von einem zentralen Bezirk wie Friedrichshain so weit rausziehen.“ Direkt neben der Wohnung war die Kita. „Es gab wirklich viele Kinder.“

Matsch an den Schuhen

Und sie erinnert sich, dass die Wege weiter waren. Damals fuhr die Straßenbahn noch nicht bis zur Zingster, Ecke Ribnitzer Straße, wo sie wohnt. „Es gab auch noch so breite Lücken zwischen der Straße und dem Fußweg, dass man immer an den matschigen Schuhen sehen konnte, wer aus dem Neubaugebiet kam.“ Seitdem den Anfangsjahren habe sich Hohenschönhausen verändert. „Ich denke, dass inzwischen mehr Leute hier leben, die nicht so viel Geld haben.“ Es stört sie, dass oft eher negativ und im Zusammenhang mit Hartz IV über Hohenschönhausen berichtet werde. „Ich finde Verallgemeinerungen schlecht.“

„Die oft mit Vorurteilen belegten Großsiedlungen werden von ihren Bewohnern durchaus positiv betrachtet und sind ihnen zur Heimat geworden“, sagt auch Howoge- Geschäftsführerin Stefanie French. Die Wohnungsbaugesellschaft setzt weiter auf Hohenschönhausen und will in den kommenden Jahren 300 Wohnungen bauen.