Afrikaans im Schillerpark? Maulwurfshügel auf dem Feld? Rohkost unterm Partyzelt?         Scheurebe  im Nieselregen? Was der Wedding-Cup so mit sich bringt …  „Fünf, vier, drei, zwei, eins“, ruft die Spielleiterin von der Berliner Turnerschaft ins Mikrofon, wenn die  Mannschaften  auf die 20 Rasenfelder traben  und nach zehn Minuten die Seiten wechseln sollen.  250 Teams sind in Berlin beim Wedding-Cup dabei. Es ist das größten Faustball-Turnier der Welt.  

Ein Sammelkauf bei Edeka ums Eck stand   am Donnerstag  bei Andrea Wilksen an. „39 Präsentkörbe packen für die Sieger. Mit  Duschzeug, was zum Knabbern, Wein“, hatte Peter Wilksen von der Berliner Turnerschaft gesagt. „Fünf aus  unserer Frauenmannschaft basteln  im Keller was zusammen.  Die Kinder kriegen einen Pokal.“

Bei Wilksens gingen die Meldungen ein. Von den  Minis der U10 bis  hinauf zur Bundesliga. Von   Stern Kaulsdorf,  DJK-Süd und VfK  Berlin bis zu  Mannschaften aus Heinkenborstel,  Gliesmarode,  Bademeusel oder Schülp. „Obwohl Deutschland ständig Weltmeister wird, kennt Faustball  bei uns kaum jemand“, klagt Wilksen. Ihn dagegen kennt  beim Wedding-Cup fast jeder.  „Nach Peter fragen, nicht nach Herrn Wilksen“, rät er daher, „ich  mach’  das 19. Jahr hier mit.“

Hier, das ist im Schillerpark auf dem Höhenzug der Wurzelberge. Und hier, auf der  Wiese unterhalb der trutzigen Bastion, schimpft irgendwo  bei leichtem Nieselregen jetzt ein Spieler:  „So viele Maulwurfshügel wie dieses Jahr gabs im Schillerpark noch nie.“ Wilksen  schmunzelt,  dass sich sein Schnäuzer krümmt. Er weiß ja, dass  der Rasen  holprig ist. Trotzdem kommen  alle immer   wieder. Jedes Jahr.  Das Turnier ist Kult. Und Tradition.  Es wächst. „In einer Woche  beginnen wir, den Wedding-Cup 2017  vorzubereiten“,  sagt Wilksen.  „Nach dem Turnier ist vor dem Turnier.“

Die Kulleraugen von Rico Stührenberg wirken am Sonntagmorgen etwas   kleiner als    am Tag zuvor. Der  Abiturient ist kürzlich 18 geworden; das hat er mit dem Namboya-Namibia-Team bis  nachts um vier in Berlin gefeiert. Die  fünf blonden Jungs, die in babyblauen Trikots auf dem nassen Rasen stehen,  kommen aus Swakopmund. Dass SSV Scheuen auf ihren Hemden steht,  führt in die Irre, weil  Scheuen bei Celle und nicht in Namibia liegt. Aber die Hemden sind nur geliehen. Faustball sei in Namibia populär, sagt Rico. Es gebe zwei Ligen. Er hat mit den anderen Babyblauen beim Swakopmunder FC Faustball trainiert. In Deutschland  beenden sie derzeit in  verschiedenen Städten Schule, Ausbildung, Studium. Sie fanden: „Der Wedding-Cup ist perfekt, um sich  zu treffen.“ Dass dabei am Sonnabend in der offenen Klasse der letzte Platz herauskam, hielt sie nicht vom Feiern ab. Sonntagmorgen: neuer Mut, neue Erfahrung. 

Annahme. Zuspiel. Angriff. Namboya gewinnt  19:8 gegen die Uni Jena. „Wys Ballas“, rufen   die Babyblauen im Teamkreis auf Afrikaans.  Was das bedeutet?  Stührenberg blinzelt verlegen.    Ähm. Seine Übersetzung klingt dann wie die berühmte Eier-Rede von Oliver Kahn.

Eier fehlen im Rohkost-Repertoire des VfL Kellinghusen. Dort haben sie  unter dem Partyzelt am Wiesensaum kiloweise Karotten, Bananen, Äpfel und Gurken gebunkert. Ein Vitamin-Mix, der den Bundesliga-Frauen zum Turniersieg verhilft. Während Carsten Hattenbauer vom TuS Essenrode, der mal vier Döner an einem Turniertag  verdrückte, nach einer Klatsche  gegen  Wardenburg  verschwitzt, aber strahlend  ein paar  Berlinern zuruft: „Schön, dass  ihr eure Dönerbude    wieder aufgebaut habt, die war ja abgebrannt“, zeigt der  TK Hannover  Faustball-Ambiente mit Stil: Ein  Stehtisch mit Spitzendecke und Weinkühler darauf. Zwischen  den Eiswürfeln  liegen vier Fläschchen   mit Spezialetikett: „Grand Crew. Scheurebe trocken, Jahrgang 2015.“ Dann stoßen sie an: auf Platz eins ihrer zweiten Mannschaft in der offenen Klasse. Prost.

Zeichensprache an einer Raststätte bei  Braunschweig hat Köpenicks Zweitliga-Volleyballerinnen,  die von einem Auswärtsspiel in Köln zurückkamen, zum Start  beim Wedding-Cup veranlasst. Auf der Autobahn trafen  sie den Bus der Faustballer von der Berliner Turnerschaft wieder, die von einem Auswärtsspiel in Hagen kamen. „Aus dem Autofenster haben wir ’nen Zettel rausgehalten. So begann die Kommunikation“, sagt Stephanie Utz.   Die Faustballer luden die Volleyballerinnen  zum Wedding-Cup ein, trainierten  den Rückschlagsport, bei dem der Ball  nach jeder Berührung auf dem Boden aufkommen darf, sogar  mal in der Halle mit  ihnen. „Erster zu werden,  das ist immer unsere erste Priorität“, sagt Angreiferin Utz. Daraus ist  beim Wedding-Cup leider nichts geworden.

Wie es sich anfühlt, Erster zu sein, haben Timon Lützow von der Berliner Turnerschaft und  Sophia Frenzel von Stern Kaulsdorf  in ihren  U18-Teams erfahren, mit denen sie die WM gewannen. 

Beim Wedding-Cup spielen sie mit U21-Europameister Sebastian Kögel  sowie Weltmeister Lukas Schubert vom VfK  im Promi-Team. Nach einem Grundlinienschlag  schlittert Frenzel dem Ball hinterher. Die nasse Erde bleibt ihr an Knie und Schenkel kleben. Für sie dient  das Turnier zur Vorbereitung auf die Sommersaison.  Auf dem Rasen macht  Hechten mehr Spaß als in der Halle, sagen alle.  Allerdings nur, weil früh am Morgen Mitglieder der Turnerschaft  den Park mit Schaufeln und Schubkarren abgesucht haben. Sie mussten Hasenlöcher stopfen, Maulwurfshügel glätten, Hundekot   wegschippen, Scherben aufsammeln, Netzbänder aufstellen und  zudem die Linien  der 20 Spielfelder nachkreiden. Im Finale der Bundesligateams  besiegt der VfK dann Stern Kaulsdorf 23:15. Lützows Turnerschaft unterliegt Kellinghusen im Spiel um Platz drei. Trotzdem sagt Timon Lützow, den Ergebnisordner unterm Arm: „Ich freue mich aufs nächste Jahr.“