33 Jahre Mauerfall: Was „Ostbewusstsein“ für mich bedeutet

Auch Menschen, die nach dem Ende der DDR geboren wurden, sind bis heute „ostgeprägt“: So wie Julia Schneider, Abgeordnete der Grünen in Berlin. Ein Gastbeitrag.

Julia Schneider sitzt für Bündnis 90/Grüne im Abgeordnetenhaus Berlin.
Julia Schneider sitzt für Bündnis 90/Grüne im Abgeordnetenhaus Berlin.Grüne Fraktion Berlin/Vincent Villwock

Im Oktober hielt ich eine Rede zu den Feierlichkeiten, die der Senat anlässlich des 35. Jahrestages des Mauerfalls vorbereiten soll. Das war schwieriger als zunächst gedacht. Sie sollte enthalten: Die Freude über das Erringen der Demokratie, den Stolz auf die Bürgerrechtler:innen, die 1989 auf die Straße gingen. Aber auch den Schmerz über verpasste Chancen, über verlorene Lebensentwürfe und Ungerechtigkeiten. Und natürlich eine Distanzierung vom Missbrauch der Symbolik der Montagsdemonstrationen. Ein Drahtseilakt.

Stundenlang zerbrach ich mir den Kopf, wie so oft bei diesem „Ost-Thema“. Wollte weder jammernd noch herablassend klingen – den Osten umarmen, den Westen mitreißen, Verständnis und Bewusstsein für unterschiedliche Lebensrealitäten wecken. Kommunikation zwischen den Welten.

Obwohl ich erst vier Monate nach dem 9. November 1989 geboren bin, die DDR nie erlebt habe, bin ich durch meine Familie und durch mein Umfeld ostgeprägt. Vielleicht ringe ich deswegen um jedes Wort, denn ich weiß genau, ein falsches würde mir übel genommen, alte Wunden aufreißen. Wie damals, als ich schrieb, ich sei im „Plattenbau“ aufgewachsen. Falsches Vokabular, erlernter „Westjargon“. Hab’ mich dann an „Neubau“ erinnert.

Bis heute sind Ostrenten niedriger und Spitzenpositionen sind selbst im Osten nur selten von Ostdeutschen besetzt. Bundesweit gibt es eine einzige ostdeutsche Hochschulrektorin. Ungerechtigkeiten zwischen den sogenannten alten und neuen Bundesländern bestehen fort. Das ist nicht vermittelbar.

Uns allen stünde Bewusstsein für unsere gemeinsame Geschichte gut, und dazu gehört auch mehr Ostbewusstsein.

Julia Schneider

Trotzdem darf das nicht in den Schatten stellen, was 1989 in Ostdeutschland friedlich erkämpft wurde: die Demokratie. Es ist wichtig, die Errungenschaften der Friedlichen Revolution und des Mauerfalls zu feiern, aber auch, ins Gespräch zu kommen. Um Ostbewusstsein zu wecken und damit die Demokratie zu stärken.

Wir müssen anerkennen, dass bis heute Strukturen im Osten ganz anders als im Westen wirken. Nicht nur, weil Menschen mit Ostbiografie mit anderen teils inkompatiblen Voraussetzungen und Erfahrungen ins wiedervereinte Deutschland kamen: über Nacht von einem System in ein völlig anderes geworfen – zwar noch in der gleichen Wohnung, aber in einem anderen Land.

Und gerade dieser Tage wird klar, uns allen stünde Bewusstsein für unsere gemeinsame Geschichte gut, und dazu gehört auch mehr Ostbewusstsein. Wer die aktuellen gesellschaftlichen Spannungen besser versteht, kann ihnen auch besser begegnen und aus ihnen lernen. Steigende Preise treffen Menschen mit weniger finanziellem Puffer am härtesten. Und damit eben auch die im Osten, wo die Bezahlung niedriger ist und vor dem Ende der DDR kaum Vermögen aufgebaut werden konnte. Bei ihnen schlägt die Krise stärker und früher durch, weil sie sowieso schon weniger Geld im Portemonnaie hatten.

Im letzten Jahr gingen 97 Prozent des Vermögens durch Erbe und Schenkungen in den Westen, nur drei Prozent in den Osten. Der Osten ist schlicht und ergreifend heftiger von den Krisenauswirkungen betroffen. Auch ist das Vertrauen in die Demokratie für Verunsicherung anfälliger in einer kürzer demokratieerprobten Gesellschaft. Das anzuerkennen ist der erste Schritt.

Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass Menschen im Osten demonstrieren gehen, denn es ist wichtig, sich bei Fehlentwicklungen bemerkbar zu machen. Aber wer heute auf die Straße geht, tut das in einem demokratisch verfassten Land. Wer 2022 mit 1989 verwechselt und vorgibt, für „das Volk“ zu sprechen, missbraucht die Geschichte und relativiert den Mut der Menschen, die 1989 auf die Straßen gingen.

Den Sieg über die Diktatur hochstellen, aber die Makel der Wiedervereinigung nicht verschweigen.

Julia Schneider

Und ja, es stimmt, im Taumel der Wiedervereinigung wurden auch schlechte Entscheidungen getroffen. Um nicht von der Treuhand anzufangen, nenne ich als Beispiel den Paragraf 218 StGB (Schwangerschaftsabbruch), den die DDR bereits abgeschafft hatte. Mit der Wiedervereinigung kam das Rechtssystem der BRD und führte ihn unter Protest der Ost-Feminist:innen wieder ein – ein großer Fehler. Aber auch der gehört zu unserer gemeinsamen Geschichte.

Und auch aus diesem Fehler können wir lernen: Wir müssen auf Augenhöhe miteinander reden. Das ist umso wichtiger, gerade jetzt, wo es in der Welt an vielen Stellen rückwärtsgeht und Autokratien erstarken. Das dürfen wir nicht zulassen! Ein Blick in die Ukraine, nach Belarus oder in den Iran verdeutlicht – Freiheit und Demokratie sind nicht selbstverständlich. Sie müssen erkämpft und verteidigt werden. Gerade deswegen ist es unser aller Aufgabe, denjenigen vehement entgegenzutreten, die die Erinnerung an die Friedliche Revolution missbrauchen!

Ich habe mir also lange den Kopf zerbrochen und am Ende in der Rede wohl den richtigen Ton getroffen, vielleicht ein wenig zu ostdeutsch. Es kamen schließlich Kolleg:innen verschiedener Fraktionen zu mir, die sagten, dass die Rede wirklich treffend war. Nicht jammern, sondern benennen, verdeutlichen. Den Sieg über die Diktatur hochstellen, aber die Makel der Wiedervereinigung nicht verschweigen. Nichts unter den Teppich kehren, denn sonst wird jemand über die Wellen stolpern, die er schlägt. Gegen die erlernte Sprachlosigkeit.

Julia Schneider, geboren 1990 in Berlin, ist Verwaltungswissenschaftlerin und Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen in Berlin. Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus gewann sie 2021 das Direktmandat in Wahlkreis 7 (Pankow).