Einsatzkräfte der Polizei gehen in das Mehrfamilienhaus in Schöneberg. Hier wurde der 26-jährige Syrer wegen Terrorverdachts verhaftet.
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Berlin-SchönebergGegen sechs Uhr am Dienstagmorgen splittert die Tür. Schwerbewaffnete vermummte Polizisten stürmen in dem Sechsgeschosser an der Meraner Straße in Schöneberg die Wohnung von Abdullah H. und überwältigen ihn.

Möglicherweise haben die BKA-Beamten und GSG9-Spezialkräfte   damit vielen Menschen das Leben gerettet. Der 26-jährige Syrer, der am Dienstag verhaftet wurde, steht im Verdacht, in Deutschland einen Terroranschlag geplant haben. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen den Mann wegen des Verdachts der „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat“.

Es ging um Plastiksprengstoff und Sturmgewehre

Nach Angaben der Behörde kaufte er im August Aceton und im September Wasserstoffperoxidlösung. Beide Chemikalien werden zur Herstellung des hochexplosiven Sprengstoffs Triacetontriperoxid (TATP) benötigt. „Daher ist anzunehmen, dass der Beschuldigte diesen Sprengstoff herzustellen beabsichtigte“, teilte ein Sprecher mit. „Mutter des Satans“ wird TATP im Nahem Osten genannt. Es lässt sich einfach herstellen und hat eine extrem hohe Sprengkraft.   Terroristen benutzten TATP unter anderem bei den Terroranschlägen 2015 in Paris. Laut Bundesanwaltschaft wollte Abdullah H. eine möglichst große Anzahl an Menschen töten und verletzen. Wo und wann er zuschlagen wollte, ist unklar.

In einem gesonderten Verfahren ermittelt auch die Berliner Generalstaatsanwaltschaft gegen den Mann. Das Amtsgericht Tiergarten erließ Haftbefehl, weshalb der 26-Jährige am Dienstag festgenommen wurde. Nach Angaben der Berliner Generalstaatsanwaltschaft hatte sich Abdullah H. mit Gleichgesinnten in einer islamistischen und dem IS nahe stehenden Chatgruppe des Messengerdienstes „Telegram“ ausgetauscht, um den Anschlag vorzubereiten.

Abdullah H. soll wiederholt den Koran verteilt haben

Die Generalstaatsanwaltschaft hält ihn für dringend verdächtig, seit dem Frühjahr in neun Fällen Anleitungen zum Bau von Waffen und zum Herstellen von Sprengstoff ausgetauscht zu haben. Die Anleitungen bezogen sich unter anderem auf Plastiksprengstoff, Paket-, Magnetbomben und Türfallen mit Explosivstoffen. In dem Chat ging es auch um Kalaschnikow-Sturmgewehre, Maschinenpistolen und weitere Schusswaffen. „Was da ausgetauscht worden ist, war ziemlich konkret“, sagte Staatsanwaltschaftssprecher Martin Steltner. „Es war ganz klar mit islamistischem Hintergrund und diente dem Zweck der Vorbereitung von Anschlägen.“

Nach Informationen der Berliner Zeitung ist Abdullah H. ein seit 2014 anerkannter Flüchtling mit gültiger Aufenthaltserlaubnis. In dem 60er-Jahre-Plattenbau an der Meraner Straße wurde ihm ein 21 Quadratmeter großes Zimmer zugewiesen, Warmmiete 230 Euro, die Dusche auf dem Gang. Es gab immer wieder Polizeieinsätze, berichten Anwohner. Mehrere Wohnungstüren, die inzwischen repariert sind, waren von der Polizei schon aufgebrochen worden. Anwohner berichten von Drogensüchtigen, die im Keller des Hauses Heroin drücken würden und von Obdachlosen, die in den Duschen auf den Fluren schlafen. Nach ihren Schilderungen wechseln ständig die Bewohner in dem Haus, das früher mal ein Altenheim war. Abdullah H. habe im Treppenhaus wiederholt den Koran verteilt.

Beschäftigt im Bode-Museum und dann an einer Schule

Der Terrorverdächtige   war laut Innensenator Andreas Geisel (SPD) zuletzt an einer Berliner Grundschule als Reinigungskraft beschäftigt. Zuvor hatte er bis September im Bode-Museum gearbeitet – dort, wo 2018 eine 100-Kilo-Goldmünze gestohlen wurde, mutmaßlich von einem arabischen Clan.

Einen Hinweis auf den Syrer hatte Anfang des Jahres das Bundesamt für Verfassungsschutz von einem ausländischen Nachrichtendienst erhalten. Seit Sommer wurde der Mann daraufhin rund um die Uhr observiert. Ermittler hörten unter anderem seine Telefone und seine Internetkommunikation ab und kamen so auch auf seine Einkäufe der Chemikalien. In der Wohnung des Syrers beschlagnahmten die Polizisten Computer, Handys und andere Datenträger. Bei der Auswertung der Daten suchen die Ermittler auch nach Verbindungen des Mannes zu Terror-Netzwerken in Deutschland und im Ausland. Der 26-jährige Syrer hatte offenbar Kontakte in die islamistische Szene Berlins.

Weiterer Islamist steht vor dem Berliner Landgericht

Inwieweit er mit dem Terrorverdächtigen Magomed-Ali C. zu tun hatte, ist noch unklar.  Dieser steht seit Mai  vor dem Berliner Landgericht. Auch ihm wirft die Bundesanwaltschaft die Vorbereitung eines Terroranschlags vor. Der aus Dagestan stammende Magomed-Ali C. soll in seiner Wohnung zeitweise ebenfalls große Mengen TATP aufbewahrt haben. Radikalisiert wurde er im Moschee-Verein „Fussilet 33“ in Moabit. Dieser war 2017 nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz von der Senatsinnenverwaltung verboten worden. C. hatte dort den späteren Breitscheidplatz-Attentäter Anis Amri kennengelernt.

Die Gewerkschaft der Polizei erklärte, der aktuelle Fall zeige, dass die Sicherheitsbehörden wachsam und handlungsfähig seien. Die AfD zeigte sich besorgt „über die seit der rechtswidrigen Grenzöffnung 2015 stetig zunehmende Terrorgefahr“.