Thomas Steinicke aus Grunewald hat eine besondere Art, die Teilung Berlins zu verarbeiten. Er rennt. Nicht irgendwo, sondern am kommenden Wochenende auf dem einstigen Postenweg im Todesstreifen beim 4. Mauerweglauf, der den Titel „100 Meilen Berlin“ trägt. „Der Lauf ist anders. Es geht nicht um schnelle Zeiten, es geht ums Gedenken“, sagt er.

Der 55-Jährige ist mit Berlin-Souvenirs in der Tourismusbranche tätig. Und er erzählt seine eigene Mauergeschichte. In der Nacht des Mauerbaus zum 13. August 1961 war er gerade ein Jahr alt. Seine Eltern lebten in Kreuzberg. Sie waren am Abend ins Theater gegangen, so- dass Steinicke bei seiner Oma an der Frankfurter Allee in Friedrichshain übernachtete. Dann war die Grenze dicht. „Es hat drei Tage gedauert, bis ich zurück zu meinen Eltern kam.“ Eine Nachbarin aus Kreuzberg habe ihn als ihren Enkel ausgegeben und durch die Kontrollen gebracht. Die Eltern hätten sich nicht in die DDR getraut, weil sie selbst 1959 nach West-Berlin übergesiedelt waren.

Großer Getränkevorrat

Nach den Gedenkfeiern am morgigen Donnerstag an der Mauergedenkstätte Bernauer Straße (10.30 Uhr) wird Steinicke dann Sonnabend im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark um 6 Uhr starten. Mit ihm weitere 650 Sportler, von denen 340 die komplette Strecke von 161,85 Kilometern in Angriff nehmen. Die anderen laufen ab 7 Uhr in insgesamt 59 Staffeln, wobei sich zwei, vier oder zehn Sportler die Distanz teilen. Die Besten werden gegen 19 Uhr im Jahn-Sportpark erwartet. Zielschluss ist nach 30 Stunden am Sonntag, 12 Uhr. „Wegen der hohen Temperaturen haben wir einen großen Getränkevorrat besorgt“, sagt Cheforganisator Hajo Palm vom Verein LG Mauerweg Berlin. 27 Verpflegungspunkte gebe es, dort können die Läufer trinken und essen.

Schirmherr des Mauerlaufs ist Rainer Eppelmann von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Wie er sagt, erinnern die Extremsportler auf ungewöhnliche Weise an die unmenschliche Berliner Mauer und ihren Fall 1989. Unterstützt wird der Lauf von der Mauergedenkstätte. „Sich diesen Todesraum friedlich zu erlaufen, ist eine einzigartige Botschaft“, sagt Stiftungsdirektor Axel Klausmeier. Der Lauf sei jedes Jahr einem anderen Maueropfer gewidmet – in diesem Jahr Marienetta Jirkowsky. Sie war 18 Jahre alt, als sie mit ihrem Verlobten und einem Freund am 22. November 1980 die Mauer von Hohen Neuendorf nach Frohnau überwinden wollte. Der Freund war schon im Westen, ihr Verlobter lag auf der Mauer und wollte ihr hochhelfen, als sie entdeckt wurden. Marienetta Jirkowsky wurde von mehr als 20 Kugeln regelrecht durchsiebt.

Die Sportler werden eine Karte mit dem Porträt der Frau mit auf die Strecke nehmen, sie sollen ihre Gedanken aufschreiben und die Karte neben der Gedenkstele in Hohen Neuendorf an eine Pinnwand heften. „Ich habe Gänsehaut, wenn ich daran denke“, sagt Steinicke. Er wird beim Laufen daran denken, dass er oft an der Mauer stand und in den Osten geguckt hat. Nachts hat er in Träumen die Mauer eingerissen. Etwa 24 Stunden wird Steinicke für die 100 Meilen brauchen. Die Beine werden schmerzen. „Mein Lohn ist im Ziel die Medaille mit Marienetta Jirkowskys Bild.“