4. November 1989: 25 Jahre legendäre Alexanderplatz-Demo

Berlin - Als Henning Schaller am Morgen des 4. November 1989 über den Alexanderplatz ging, bekam er es mit der Angst zu tun. Es war nicht die Angst vor den Sicherheitsleuten, die dort an der Weltzeituhr herumstanden, im traditionellen Stasi-Kostüm, wie er es nennt, Ostjeans, Bundjacke, Herrenhandtasche. Es war die Angst, dass keiner kommt. Der Albtraum des Gastgebers, der für seine Party einen Saal gemietet hat und dann mit sich allein bleibt. „Der riesige Platz war fast leer“, sagt Schaller. „Ganz komisch. Ich dachte noch, oje, hoffentlich blamieren wir uns nicht.“

Fast auf den Tag genau 25 Jahre danach steht er vor dem früheren Haus des Reisens in Berlin und sucht die richtige Perspektive. Die Gebäude ringsum haben die Zeiten überdauert, neu ist nur das Saturn-Haus. „Hier“, sagt Schaller schließlich, „genau hier stand damals die Tribüne.“ Wobei Tribüne leicht übertrieben ist. Die Kulissenbauer der Volksbühne hatten die Ladefläche eines Lastwagens so präpariert, dass niemand in der Euphorie des Moments herunterfallen konnte.

Eine Stiege führte aufs Podest hinauf, von dem aus dann Leute wie Ulrich Mühe, Günter Schabowski, Jens Reich, Marianne Birthler, Stefan Heym, Gregor Gysi, Christa Wolf, Markus Wolf und Heiner Müller zu den Kundgebungsteilnehmern sprachen. Es waren doch noch welche gekommen, schätzungsweise eine halbe bis eine Million Menschen. Auf jeden Fall war es die größte Demonstration in der Geschichte der DDR. In gewisser Weise auch die letzte. Fünf Tage später ging die Mauer auf.

„Liebe Demonstranten“

Henning Schaller, siebzig Jahre alt, ist ein stiller Mensch, dem man anmerkt, dass er sich als Theatermann vor allem hinter den Kulissen wohlfühlt, wie ihm das in seiner Zeit als Bühnenbildner ja auch gegeben war. Und dann stand er, einer der Organisatoren dieser Protestkundgebung, an jenem Tag als Moderator auf dem Lkw und führte durch das Programm. „Liebe Demonstranten, ich begrüße Sie zu Beginn unseres Meetings“, waren seine ersten Worte. So höflich im Ton sollte es bleiben bis zum Schluss. Das Publikum applaudierte und johlte, es wurde aber auch gebuht. Nicht jeder Redner kam an.

Im offiziellen Revolutionskalender hat jener 4. November 1989 nie so recht seinen Eintrag gefunden. Der 9. Oktober wird als Triumph des gewaltfreien Widerstands gefeiert, der 9. November aus welthistorischen Gründen. Und dann gibt es auch noch den 3. Oktober. Wie aber kommt es, dass der Tag auf dem Alexanderplatz so rasch verblasst ist im vereinigten deutschen Gedächtnis?

Für den Pfarrer Friedrich Schorlemmer war es ein „Tag der Freiheit“, die Schauspielerin Jutta Wachowiak, die zu den Initiatoren gehört hatte, schrieb Jahre später glückselig, dass sie mit einer Leichtigkeit an dieses Ereignis zurückdenke, wie sie es „sonst nur bei Verliebtheit oder im Frühling“ kenne. Der Theologe Wolfgang Ullmann, der 1989 zu den Mitbegründern der Oppositionsgruppe Demokratie Jetzt gehörte, schlug das Datum gar als Nationalfeiertag vor, während die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley bald von all dem nichts mehr wissen wollte. Auf einmal hieß es, die Demonstration sei von der SED unterwandert gewesen, bis hin zur Behauptung, die Staatssicherheit habe die Plakate abgesegnet. Damit war die Sache erledigt.

„Es gibt immer wieder Versuche, das alles irgendwie anrüchig werden zu lassen“, sagt Schaller. Um zu verstehen, wie es dazu kam, dass neben Künstlern, Bürgerrechtlern und Kirchenleuten auch Journalisten und Parteifunktionäre aufgetreten sind, sollte man sich daran erinnern, was die Idee der Demonstration gewesen ist. Es ging nicht darum, die DDR abzuwickeln, sondern sie beim Wort zu nehmen, vor allem den mittleren ihrer drei Großbuchstaben. Es ging um die Entdeckung der Demokratie, und dazu gehörte, auch die anderen reden zu lassen.

Begonnen hatte es am 7. Oktober, vormittags, als sich Berliner Theaterleute in der Volksbühne trafen, um die aktuelle Lage zu besprechen. Mit dabei war damals Henning Schaller vom Maxim-Gorki-Theater, dessen Laufbahn für die ausgehende DDR typisch war. Künstlerisch hoch geschätzt, durfte er zwar im Westen arbeiten, wurde allerdings gleich von drei Informanten der Stasi beobachtet. In der Volksbühne kam man überein, das nächste Treffen für den 15. Oktober im Deutschen Theater anzusetzen.

Von dieser Versammlung existiert ein Tonbandmitschnitt, der erst 2010 vom langjährigen Hausarchivar Hans Rübesame veröffentlicht wurde. Dort ist nachzulesen, wie Jutta Wachowiak, selbst für das Neue Forum aktiv, nach einigem Hin und Her aus einem Brief vorliest, der am Abend zuvor in kleinerer Runde der Bürgerbewegung formuliert worden war. Gerichtet an das Präsidium der Volkspolizei heißt es in dem Schreiben: „Wir beantragen die Genehmigung zur Durchführung einer Demonstration am Sonnabend, dem 4. 11. 1989. Mit dieser Demonstration soll der Forderung nach grundlegenden Veränderungen der Medienpolitik in der DDR Nachdruck verliehen werden.“

Das Protokoll vermerkt an dieser Stelle: „Begeisterungsrufe, langer Beifall.“

Zuvor hatte der damals noch wenig bekannte Rechtsanwalt Gregor Gysi, eingeladen von der Schauspielerin Johanna Schall, über die Möglichkeiten gesprochen, in der DDR eine Demonstration anzumelden: „Ich finde, es lohnt sich, es mal zu versuchen.“ Schaller sagt, „wenn davon geredet wird, dass Gysi von irgendwem geschickt wurde, dann hat sein Geschicktwordensein uns überhaupt nicht geschadet.“ Er selbst hat sich an jenem 15. Oktober im DT auch noch zu Wort gemeldet und „Maßnahmen von revolutionärem Charakter“ eingefordert.

Bei der Vorbereitung der Demonstration bildete er mit Johanna Schall die Doppelspitze in der „Initiativgruppe 4. November“, zu der neben Schauspielern, Regisseuren, Dramaturgen und Bühnenbildnern auch Dozenten der künstlerischen Hochschulen gehörten. „Die direkte Planung hatte nur noch wenig mit dem Neuen Forum zutun“, sagt Schaller. Was zu ersten Brüchen führte.

Am 24. Oktober hatte Bärbel Bohley in einem im Deutschlandfunk veröffentlichten Telefonat mit Wolf Biermann geäußert: „Aber weißt du, wenn Leute auf die Straße gehen, in die habe ich ein ganz großes Vertrauen, dass die sich nicht tot reden lassen, dass die eigentlich ganz genau wissen, was Dialog ist. Und dass dazu gehört, dass du auf unserer Demo am Vierten singen kannst.“

Doch da war es schon nicht mehr ihre Demo. „Mit Bärbel Bohley hatten wir vorher gesprochen“, sagt Schaller. „Wir haben ihr gesagt, dass wir Biermann nicht einladen, weil es für uns unkontrollierbar geworden wäre, rein auf Konfrontation ausgerichtet.“ Biermann hatte damals noch Einreiseverbot in die DDR. Schallers Idee, mit der Rednerliste die politische Landschaft der DDR in jenen Tagen zu repräsentieren, neben der Opposition auch Vertreter der Staatsmacht auftreten zu lassen, gefiel nicht jedem.