Als der Tross aus etwa 1000 Radfahrern auf der Osloer Straße in Wedding zu stehen kommt und 20 Minuten lang gar nichts mehr geht, ist endlich Gelegenheit, diesen Anblick auf sich wirken zu lassen: Die zweispurige Fahrbahn, auf der werktags die Autos im Stau stehen, ist an diesem Sonntagmittag voller Fahrräder. Und voller Menschen, die abgestiegen sind, sich ein Plätzchen im Schatten gesucht haben, miteinander reden, etwas essen oder trinken. Es ist still, manchmal bimmelt eine Fahrradklingel, und man hört die Vögel zwitschern.

Was ein bisschen nach Sommer-Ausflug aussieht, ist Teil der größten regelmäßigen Fahrraddemonstration der Welt. Diese findet bereits zum 40. Mal in Berlin statt. Auf 19 verschiedenen Routen und eskortiert von Polizeistaffeln sind bei der Berliner Fahrrad-Sternfahrt etwa 140.000 Radler nach Berlin unterwegs; die längste Strecke führt über Polen in die Hauptstadt. Autofahrer und Fußgänger haben auf den Strecken das Nachsehen.

Doch es sind bei weitem nicht nur Berliner, die dem Aufruf des Allgemeinen Deutsche Fahrrad-Clubs (ADFC) gefolgt sind. Unter den Teilnehmern, die beispielsweise am S-Bahnhof Jungfernheide gestartet waren und gut zweieinhalb Stunden lang zur Abschlusskundgebung am Großen Stern radeln, sind auch zwölf Senioren aus Rendsburg in Schleswig-Holstein. „Die Sternfahrt ist unser Jahres-Highlight“, erzählt einer von ihnen. Sie seien schon vergangenes Jahr dabei gewesen, „aber da waren wir nur zwei Tage in Berlin, diesmal sind es drei.“

Es sei toll, mit so vielen Leuten Rad fahren zu können und dabei die Straße ganz für sich zu haben. Am Sonnabend, so erzählt der Mann, sei er mit dem Fahrrad zu Bekannten gefahren, dabei habe er 40 Kilometer zurück gelegt. „Und ich bin nicht ein einziges Mal von Autofahrern angehupt worden, egal, ob ich auf der Straße oder dem Radweg unterwegs war.“ Die Berliner seien sehr entspannt.

Unsicheres Verkehrsmittel

Entspannt vielleicht, aber keineswegs zufrieden. Deshalb werden auch während der Sternfahrt Unterschriften für ein Volksbegehren gesammelt, das unter anderem 350 Kilometer Fahrradstraßen bis 2025 fordert; neue Radlerrouten auf Nebenstraßen und zwei Meter breite Radwege auf allen Hauptverkehrsstraßen. „Schauen Sie sich doch mal Amsterdam oder Kopenhagen an“, sagt ein Unterschriftensammler, der den Stau auf der Osloer Straße für sein Anliegen nutzt. In beiden Städten könne man konfliktfrei Fahrrad fahren.

Die Strecken, die in Berlin zurückgelegt würden, seien mehrheitlich zwischen fünf und zehn Kilometer lang. „Dafür eignet sich das Rad gut.“ Er habe in den vergangenen Tagen oft mit Berlinern gesprochen, die gern vom Auto aufs Rad umsteigen würden, sich aber nicht trauten. „Denen ist Radfahren in Berlin zu unsicher.“ Grund für sein Engagement sei aber auch die Umwelt. „Großstädte sind zu laut und zu verschmutzt“. Auch deshalb sei Radfahren wichtig. „Und ich will, dass Eltern ihr Kinder wieder ohne Angst allein mit dem Rad zur Schule fahren lassen können.“

Wie individuell die Gründe für eine Teilnahme sein können, beweisen Vater und Sohn, die mit hohem Tempo die Fennbrücke in Moabit hinabrasen –-direkt auf eine rote Ampel zu. Ohne abzubremsen, brettern beide über die Kreuzung, wie alle anderen Radler vor ihnen und nach ihnen. „Das war Rot!“, schreit der Sohn und lacht. „Wie toll, endlich mal nicht bei Rot bremsen zu müssen.“