Es gibt dieses historische Foto, auf dem 19 Frauen zu sehen sind. Sie haken sich unter und lachen in die Kamera. Sie tragen Röcke und Polizeiblusen. Das Foto erschien am 15. Juli 1980 in einer West-Berliner Boulevardzeitung. Die Schlagzeile dazu lautete: „Ob blond, ob braun – nett sind die Polizistenfrauen“. Und in dem kurzen Bildtext heißt es, dass Innensenator Ulrich bei Dienstantritt der Polizistinnen sagte: „Wir wollen keine Karate-Damen.“

Das Foto zeigt den ersten Jahrgang der Frauen, die 1978 in West-Berlin ihre Ausbildung zu Schutzpolizistinnen begannen. Zum ersten Mal seit dem 1950er-Jahren sollte es im Westen wieder Frauen geben, die uniformiert und bewaffnet mit ihren männlichen Kollegen Streife fuhren.

Wenig Ausnahmen

„Das war damals schon eine Sensation. Aber Frauen in der Schutzpolizei sollten sich auch als eine Bereicherung erweisen“, sagt Birgit Wiese. Die Professorin für Sozialmanagement an der Fachhochschule Potsdam war selbst Polizistin, hat zu den ersten Schutzpolizistinnen geforscht und sich in die Archive der Polizeihistorischen Sammlung in Berlin begeben. Heraus kam auch die Erkenntnis: Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, nämlich Frauen in der Schutzpolizei, nahm vor genau 40 Jahren seinen Neuanfang.

Auf dem Foto aus dem Jahr 1978 sind auch Brigitte Jacobi und Brigitte Seiffert zu sehen. Beide haben damals den ersten Lehrgang für die Ausbildung zum mittleren Dienst gemacht, beide sind bis zu ihrer Pensionierung bei der Polizei geblieben. Brigitte Jacobi bis zum Schluss als Streifenpolizistin, Brigitte Seiffert als Ausbilderin. Beide haben ihre Entscheidung vor vier Jahrzehnten nie bereut.

„Trotzdem war es schon komisch damals. Die Jungs kamen ja schon mit 16 zur Ausbildung nach Rudow. Wir waren alles ältere Frauen“, erinnert sich Brigitte Jacobi an ihren Dienstbeginn. Wohl deshalb gingen die Ausbilder bei den Damen in manchen Sachen legerer um. So mussten sie anders als die jungen Männer nicht marschieren. „Wir konnten einfach so über den Hof schlappen“, sagt Brigitte Jacobi lachend. Doch bei allen anderen Dingen – Schießen oder Sport – wurden die Frauen ebenso streng ausgebildet wie die männlichen Polizeianwärter, versichert sie.

Die gelernte Schaufensterdekorateurin kam 1971 zur Berliner Polizei. Damals arbeiteten Frauen dort nur in der Kriminalpolizei, in der Verwaltung oder als Politessen. Brigitte Jacobi, heute 73 Jahre alt, qualifizierte sich zunächst zur „Pangsod“ – so nannte man früher die Polizeiangestellten im Sicherheits- und Ordnungsdienst. Sie musste wie die männlichen Schutzpolizisten 15 Stunden lange Nachtdienste absolvieren. Sie war bei Razzien dabei, durchsuchte verdächtige Frauen und machte eigentlich all das, was ein Schutzpolizist auch tat.

Pilotprojekt ist der Not geschuldet

Doch sie bekam nicht denselben Lohn wie ihre männlichen Kollegen. 75 Pfennige verdiente sie pro Stunde. „Ich habe mich deswegen damals bei der Gewerkschaft beschwert, auch, weil wir nicht zu Schutzpolizistinnen ausgebildet wurden“, erzählt sie. Irgendwann knickten Innenverwaltung und Polizeiführung ein und stimmten im Herbst 1978 dem Pilotprojekt „Frauen in der Schutzpolizei“ zu. Erstmals in der Bundesrepublik wurden nun Frauen für den mittleren Dienst ausgebildet. Die anderen Bundesländer folgten.

Geschuldet war das Pilotprojekt nicht etwa dem Gleichberechtigungsstreben der Polizeioberen, sondern vielmehr der Not. Denn der Polizei im Westteil der Stadt fehlte der männliche Nachwuchs. Schon Anfang der 1970er-Jahre waren dort 1700 Polizeistellen vakant. Tendenz steigend. Es war allerdings auch die Zeit, in der die Frauen auf gleiche Rechte pochten. Damals galt noch das Gesetz, wonach Frauen den Haushalt führen mussten und nur berechtigt waren zu arbeiten, wenn dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar war. Es wurde in der Bundesrepublik erst 1977 geändert. Die Aufgabenverteilung in der Ehe war von diesem Zeitpunkt an den Eheleuten selbst überlassen.

Erheblicher Widerstand bei den Gewerkschaften

Für Brigitte Jacobi war sofort klar, dass sie die Ausbildung für den mittleren Polizeidienst machen würde. Ihre Familie hatte keine Einwände. „Ich wollte einen kommunikativen Beruf, wollte mit Menschen zu tun haben, nicht in der Verwaltung mit Akten. Zudem stamme ich aus einer Polizistenfamilie. Mein Vater war Polizist, mein Mann auch, und meine Tochter hat es eigentlich immer ganz gut gefunden, wenn ich von meiner Arbeit erzählte.“

Dass damals nicht jeder sofort zustimmte, erzählt Hartmut Moldenhauer bei einer Jubiläumsveranstaltung der Schutzpolizistinnen. Moldenhauer war in der Innenverwaltung tätig, als Frauen wieder in die Schutzpolizei geholt wurden. „Es gab ganz erheblichen Widerstand bei den Gewerkschaften“, erzählt er. „Die Fragen lauteten damals wirklich: Was passiert, wenn Frau und Mann zusammen in einem Funkstreifenwagen fahren, und dann womöglich noch im Grunewald. Kann ich mich als Mann überhaupt auf eine Frau verlassen“, erinnert er sich und schmunzelt. Dabei seien Frauen wesentlich besser in der Ausbildung gewesen als Männer, sagt er.

Den Überraschungsmoment auf ihrer Seite

Brigitte Jacobi erinnert sich noch genau, wie sie nach der Ausbildung bei ihren männlichen Kollegen auf der Wache aufgenommen wurde. Sie kam als Polizeiwachtmeister zum Abschnitt 53 in der Friedrichstraße, direkt am Checkpoint Charlie. Der Ton bei der Polizei habe sich mit ihrer Ankunft gewaltig verändert, sagt sie. „Die Kollegen sind vorher viel rauer miteinander umgegangen. Und manch einer hatte plötzlich die Haare immer gekämmt und die Schuhe geputzt.“

Sie wisse noch, dass tatverdächtige Männer zum Beginn ihrer Schutzpolizei-Karriere erstaunt waren, als plötzlich eine weibliche Uniformierte vor ihnen stand. „Den Überraschungsmoment habe ich oft ausgenutzt. Das hat manchmal schon deeskalierend gewirkt.“

Die pensionierte Polizistin hat noch viele Einsätze im Gedächtnis. Traurige, aufregende und lustige. Einsätze, bei denen sie sich immer auf ihre Kollegen verlassen konnte. Sie erzählt noch immer gerührt vom Anblick eines Babys, das bei einem Feuer in seinem Bettchen starb. Der Bruder hatte gezündelt, während die Mutter in der Kneipe saß. Sie spricht auch von der alten Dame, die in einer Kneipe in der Wiener Straße saß und Anzeige erstattet hatte, weil ihr die Rente gestohlen worden war.

„Sie hatte das Geld unter ihr Strumpfband geklemmt“, erinnert sich Brigitte Jacobi. Die mehr als 90 Jahre alte Seniorin habe auch bemerkt, dass ihr Trinkkumpan mit der Hand unter den Rock gefahren sei. „Sie hat uns erklärt, dass sie doch gedacht habe, er meine es ehrlich“, sagt Brigitte Jacobi und lacht. Die Streifenwagenbesatzung machte den Trinkkumpan in einem Männerwohnheim ausfindig und holte das Geld der Frau zurück.

Mehr Mumm als die Männer

Ihren schönsten Moment jedoch erlebte Brigitte Jacobi 1982, als sie an der Oberbaumbrücke zusammen mit einem Kollegen zwei Flüchtlinge aus der Spree zog. Obwohl die Grenzer auf dem Polizeiboot der DDR bereits ihre Waffen gezückt hatten. „Die Grenzer wollten unbedingt, dass die beiden jungen Kerle umkehren“, erinnert sich Brigitte Jacobi. Es sei damals eine brenzlige Situation gewesen. Sie weiß noch, dass ihr einer der Flüchtlinge dankbar um den Hals gefallen war. „Wir haben die beiden zum Polizeiabschnitt gebracht, dann übernahmen die Amerikaner.“

Auch Brigitte Seiffert hat solche Erinnerungen. Sie sei damals mit 38 Jahren eine der ältesten Frauen gewesen, die den ersten Lehrgang zur Schutzpolizistin absolviert habe, sagt sie. „Das Lernen fiel mir damals nicht mehr so leicht.“ Auch ihr ist noch vor Augen, dass sie damals nicht wie die jungen Männer bei der Ausbildung marschieren mussten.

„Zwei Frauen waren gegen das Marschieren, und damit war die Sache vom Tisch“, erinnert sie sich. Sie weiß noch, dass sich in der ersten Zeit als Schutzpolizistin ein Kollege geweigert hatte, mit ihr im Funkstreifenwagen zu fahren. „Er begründete das damit, dass er dann ja nicht mehr rülpsen und fluchen könne“, sagt die 77-Jährige.

Dabei hatten die Frauen in Uniform durchaus Mumm, manchmal mehr als die Männer. Brigitte Seiffert erzählt von einem Einsatz, bei dem sie den Verkehr regeln sollten. „Es regnete furchtbar, und wir standen die ganze Nacht im Hochwasser. Irgendwann sagte mein Kollege, er habe genug, er setze sich jetzt in den Funkstreifenwagen.“ Sie habe weiter den Verkehr geregelt.

Die Quote liegt bei 23 Prozent

Die beiden Frauen sind überzeugt, dass sie vor 40 Jahren Geschichte geschrieben haben. „Ich finde es nur schade, dass Frauen nicht viel früher die Türen geöffnet wurden“, sagt Brigitte Jacobi.

Derzeit sind rund 25 Prozent der Polizisten in Berlin Frauen. Und die Tendenz sei fallend, sagt Sabine Schumann, die Berliner Vizechefin der Deutschen Polizeigewerkschaft. Nicht nur damit ist sie unzufrieden. Noch immer gebe es keine richtige Gleichberechtigung in der Behörde, klagt sie. Und Frauen in Führungspositionen finde man in der Polizei der Hauptstadt nur selten.

Sabine Schumann sagt auch, dass Frauen die Polizei nicht besser gemacht haben, aber anders. „Nur Frauen und Männer zusammen sind die ideale Besetzung.“