Vor ein paar Tagen bin ich losgezogen, um die Wahrheit über Marzahn zu finden. Ein Leser hatte mich auf die Idee gebracht. Er regte sich darüber auf, dass ich eine Frau mit dem Satz zitiert hatte, sie ziehe niemals nach Marzahn. Warum ich das einfach so übernehme, fragte der Leser, warum ich nicht nachfrage. Ein anderer warf mir Marzahn-Bashing vor.

Es war ein interessanter Vorwurf, denn als Kind hätte ich alles gegeben, um nach Marzahn zu ziehen. Wir wohnten am Nöldnerplatz, das Haus befand sich auf einem Hof mit Kohlenhaufen, morgens wurde ich vom Schippen der Heizer wach, wenn meine Mutter die Fensterbretter abwischte, waren sie schwarz vom Ruß.

Ich beneidete meine Mitschüler, die im Plattenbau wohnten, und noch mehr beneidete ich die Familien, die eine Wohnung in Marzahn oder Hellersdorf bekamen mit modernen Zimmern, Fahrstühlen, Fernwärme, neuen Schulen, neuen Kaufhallen, neuen Nachbarn. Ich war fasziniert von dem Gedanken, dass nur ein paar Bahnstationen entfernt eine nagelneue Stadt aus dem Boden gestampft wurde, und aus irgendeinem Grund ging ich davon aus, dass in dieser Stadt alles besser war als in meiner alten.

Die Marzahner Wohnungen wurden zugeteilt, an Betriebsangehörige, an kinderreiche Familien, an Neuberliner aus Sachsen oder Thüringen, nicht an uns. Meine Mutter gab eine Tauschanzeige auf, eine Familie hatte Interesse, bis sie das erste Mal über unseren Kohlenhof lief. Mein Wunsch wurde erst wahr, nachdem die Mauer gefallen war und mir ein Bekannter anbot, die Wohnung seiner Freundin zu übernehmen. Sie zog zu ihm nach Mitte, ich zog nach Hellersdorf, Riesaer Straße, Erdgeschoss, 25 Quadratmeter, ein Zimmer, Badzelle, Küchenzelle, Deckenhöhe, 2,50 Meter, kein Telefon, meine erste eigene Wohnung.

Nachts fuhr keine U-Bahn mehr

Der Vorteil war, dass die Gäste, die ich empfing, immer gleich bei mir übernachteten, weil der Rückweg in die Stadt so weit war oder nachts keine U-Bahn mehr fuhr. Der Nachteil war, dass nach einer Weile nur noch selten Gäste kamen, ich alleine in meiner tollen neuen Wohnung saß und mich nicht mal traute, Musik an zu machen, weil ich Angst hatte, die Klingel zu überhören. Für die Musik sorgte ohnehin Hilli, der Heavy-Metal-Redakteur bei Elf99 war, eine Etage über mir wohnte und Arbeit und Hobby nicht auseinanderhalten konnte.

Ich hätte morgens um fünf zu Hillis Sound in meinem Bett tanzen können, aber ich mochte keinen Hardrock, ich mochte auch Hellersdorf nicht mehr, mir fehlte die Stadt, mir fehlten die Cafés, die Läden, die Freunde. Ein halbes Jahr hielt ich es aus, einen Winter, dann zog ich nach Prenzlauer Berg in eine Wohnung mit Ofenheizung und Ratten im Keller.

Ich war nicht die einzige, die sich damals gegen ein Leben im Plattenbau entschied, ein Viertel aller Marzahner tauschte in den Neunzigern die einst so begehrten Wohnungen gegen ein Haus am Stadtrand oder eine Wohnung in der Innenstadt. Die Anzahl der unter 15-Jährigen, also der Kinder, ging sogar um die Hälfte zurück, dafür stieg die der Sozialhilfeempfänger um 35 Prozent.

Die Stadtforscherin Renate Borst spricht in ihrem Buch „Berlin: Metropole zwischen Boom und Krise“ von einer „massenhaften Abwanderung von Familien“ und einer klaren „Abwertung des Bezirks“. 2003 standen in Marzahn-Nord bis zu 60 Prozent der Wohnungen leer. Peter Strieder, der damalige SPD-Bausenator, prophezeite ein weiteres Schrumpfen der Bevölkerung um 15 Prozent bis zum Jahr 2015 und zog Konsequenzen: Fast 5000 Wohnungen wurden abgerissen, dazu Dutzende Kitas und Schulen, die heute fehlen.

Das Marzahn-Revival

Es war eine seltsame Zeit, Berlin war zwar inzwischen Bundeshauptstadt, aber als Stadt zum Leben nicht besonders beliebt. Niemand konnte sich vorstellen, dass sich nur wenige Jahre später alles wandelt, die Bevölkerung wieder wächst, die Immobilienpreise in der Innenstadt Münchner Niveau erreichen, der Nöldnerplatz, meine alte Heimat, mal als beliebtes Wohnviertel gilt und Marzahn 40 Jahre nach seiner Gründung eine Art Revival erlebt.

Die Zahlen belegen das: Marzahn-Hellersdorf hat neben Neukölln den prozentual höchsten Anstieg an Neuvermietungen und den größten Bevölkerungszuwachs nach Treptow-Köpenick. Nirgendwo in Berlin wird so viel Bauland verkauft, Wohnungen werden knapp.

Wenn ich in den letzten zwanzig Jahren nach Marzahn gefahren bin, dann meist, um über Probleme zu berichten: eine Mülltonnengang, die ein Wohnviertel terrorisierte, eine Hanfplantage in einer Mietwohnung. Zuletzt, im Juli dieses Jahres, sah ich zu, wie Kate und William, das britische Prinzenpaar, das Jugendzentrum Bolle, besichtigte. In Bolle werden Kinder aus sozial schwachen Familien betreut. Ich traf dort ein 13-jähriges Mädchen, das vor seinem Stiefvater zu seinem Vater geflüchtet war, und von dem Vater, der Drogen nahm, in eine Einrichtung für Betreutes Wohnen.

Viele Kinder bei Bolle hatten solche Schicksale. Ihre Eltern, Ende 20, Anfang 30, waren in jenen Jahren in Marzahn aufgewachsen, als hier alles auseinanderbrach, sie hatten die Schule oder Ausbildung abgebrochen und Kinder bekommen, als sie selber noch halbe Kinder waren. Kate und William streichelten über die Köpfe der Kinder, stellten sich zum Gruppenfoto auf, dann fuhren sie in ihrer Limousine ins Schloss Bellevue zum Empfang des Bundespräsidenten.

Gestrichene Fassaden, gepflegte Gärten

Auch ich fuhr an diesem Tag zurück in die Stadtmitte, nahm mir aber vor zurückzukommen. Ein Grund war der Leserbrief, aber es gab noch einen anderen: Ich war von der Straßenbahnhaltestelle zu Bolle gelaufen, und was ich gesehen hatte, überraschte mich: Die Fassaden der Häuser waren frisch gestrichen, die Vorgärten gepflegt, die Bäume, vor 40 Jahren gepflanzt, hoch gewachsen, es wurde gebaut, es gab Spielplätze, kleine Parks und schickgemachte Ehepaare, die mit Videokamera um den Hals an der Absperrung standen, um sich das Prinzenpaar anzusehen.

Ein Mann erzählte mir, er sei in den Achtzigern aus Dresden hergekommen und seitdem zweimal umgezogen. Er schwärmte von seiner Wohnung im zehnten Stock, so hell, so groß, so ein schöner Blick. Ich musste an Schramms denken, die vor anderthalb Jahren ihren Gemüseladen in der Hufelandstraße aufgegeben und sich in ihr Einfamilienhaus im Dorf Marzahn zurückgezogen hatten. Als ich das letzte Mal bei ihnen einkaufte, fragte ich sie, ob sie sich jetzt im Prenzlauer Berg eine Wohnung suchen werden, die Stadt werde ihnen doch sicher fehlen.

Sie sahen mich an, als hätte ich ihnen vorgeschlagen, mitten auf dem Times Square ihr Quartier aufzuschlagen. Das sei doch hier alles viel zu eng und voll, sagte Herr Schramm, er habe den Friedrichshain mal an einem Wochenende erlebt und kaum treten können. Nein, das sei nichts für ihn. Dann lud er mich ein, sie doch einmal in Marzahn zu besuchen.

Ja, gerne, sagte ich, war aber nie darauf zurückgekommen. Jetzt ist die Gelegenheit. Ich rufe an, Frau Schramm nimmt ab, ein paar Stunden später laufe ich durch ihren Garten. Frau Schramm zeigt mir ihre Tomaten, Herr Schramm die Bäume, die er gepflanzt hat. Sie sind inzwischen so hoch, dass sie die Hochhäuser eine Straße weiter fast vollständig verdecken. Die Elfgeschosser wirken von Schramms grünem Paradies aus wie eine Fata Morgana, eine andere Welt.

Die Kellnerinnen tragen Dirndl

Es ist einer dieser Momente, in denen ich begreife, dass es nicht nur das eine Marzahn gibt, das von sozialer Verwahrlosung geprägt ist, sondern noch viele andere: das dörfliche Marzahn, das Doppelhaus-Marzahn, das Pegida-Marzahn, das russische Marzahn, das Kunst-Projekte-Marzahn. Es gibt die Bewohner, die hier leben müssen, weil ihnen das Sozialamt hier eine Wohnung zuweist oder sie sich die Miete in der Innenstadt nicht leisten können. Und es gibt die, die schon sehr lange hier leben und hier ein Zuhause gefunden haben, eine Heimat.

Zu ihnen gehört Torsten Preußing, der Leserbriefschreiber. An einem regnerischen Nachmittag steht er auf einem Parkplatz und schlägt vor, wegen des Wetters auf die Stadtführung zu verzichten und stattdessen in den Marzahner Krug zu gehen. Der Marzahner Krug ist ein Restaurant mitten im alten Marzahner Dorf, könnte aber auch in Rudow sein oder in Falkensee. Es gibt Holztische, Kunstbäume und deutsche Hausmannskost. Die Kellnerinnen tragen Dirndl.

Torsten Preußing zog 1986 von Köpenick nach Marzahn-Nord. Die Wohnung war hell und warm, sein Sohn, ein Acht-Monatskind, gerade geboren. Der Arzt, der das Frühchen in der Charité behandelt hatte, war zufällig auch Preußings Nachbar, nach der Wende zog er aufs Land. Preußing blieb. Um ihn herum wurden Häuser abgerissen, er verlor seine Arbeit beim Hörfunk, seine Frau starb, sein Sohn lebt heute in Bonn. Aber Schicksalsschläge lassen sich auch im Plattenbau ertragen. Preußing vertreibt sich die Zeit mit Stadtführungen, Wanderungen in den Ahrensfelder Bergen und Vorträgen über die Geschichte Marzahns.

So einen hält er jetzt hier am Holztisch, erzählt, wie es begann mit der ersten Platte in der Marchwitzastraße, lobt die Häuser, die auf vier Etagen zurückgebaut wurden, bedauert, dass beim Abriss einer Kita fünf Wandbilder verschwanden, die die DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley gemalt hatte. Er macht sich lustig über „die Bewegungsinseln“ in Marzahn-Nord, ein 500.000 Euro teurer Spielplatz für Erwachsene, den niemand nutzt, wie er sagt. Noch absurder findet er das Projekt „Akör“, Alkohol im öffentlichen Raum: Wer in der Öffentlichkeit Bier trinkt, soll angesprochen und von der Schädlichkeit des Alkohols überzeugt werden. Sowas hätte sich auch die Marzahner FDJ-Bezirksleitung ausdenken können.

Besser gefällt ihm ein Projekt, das zwei junge Marzahnerinnen ins Leben gerufen haben. Sie sammeln Spenden, um den Namen ihres Bezirks mit großen Lettern auf den Gipfel der Ahrensfelder Berge zu setzen: M-A-R-Z-A-H-N. Wie in Hollywood.

Gute Werbung, findet Preußing, nur einen Vorschlag hat er. Die Buchstaben sollten nicht zu den Häusern zeigen, sondern nach außen, Richtung Autobahn. Damit sie nicht nur die Marzahner sehen können, sondern auch die anderen, die mit den Vorurteilen.