Abends, 20 Uhr, Frost unter den Sohlen macht die Schritte unsicher. Die Elfstöcker an der Marzahner Promenade, die als ein Zentrum des Ortsteils Marzahn gilt, ragen wie freundliche Riesen in die Höhe. Die Dunkelheit schluckt ihr gewohntes Grau, aus Dutzenden Fenstern strahlt Licht in Gelb, Orange, Rosa. Ab und an huscht ein Schatten mit hochgezogenen Schultern zur Haltestelle der Straßenbahn.

In der Vorhalle des Freizeitforums direkt an der Marzahner Promenade zieht der Hausmeister mit einem Mopp konzentriert seine Runden. Eigentlich ist das große Kulturhaus die zentrale Veranstaltungshalle des Bezirkes Marzahn-Hellersdorf – mit einem Saal für Konzerte und Theater, einer Bibliothek, einem Jugendclub und einer Sporthalle. Doch es sind Ferien, auch die Einrichtungen machen Pause. Und die angrenzende Schwimmhalle, die einzige im Stadtteil, ist zum Ärger vieler Marzahner immer noch geschlossen, seit Monaten schon. Legionellen.

Ein Bezirk der Hoffnung, nicht der Hoffnungslosen

Am Sonnabend wird es voll sein im Freizeitforum Marzahn. Dann feiert der Bezirk dort sein 40-jähriges Bestehen. Denn am 5. Januar 1979 wurde aus mehreren Ortsteilen der neue Stadtbezirk Berlin-Marzahn gebildet. Heute erstreckt sich der Bezirk fast auf derselben Fläche, trägt aber einen anderen Namen: Marzahn-Hellersdorf. Auch der Regierende Bürgermeister wird am Festtag eine Rede halten.

Am Donnerstagabend aber ist noch alles ruhig. Nur aus einem Saal, der vom Foyer des Freizeitforums abgeht, dringt der Lärm einer sterbenden Sportart: erst ein Kugelrollen auf Holzboden, dann ein Knall und lautes Poltern. Gut 15 Männer und zwei Frauen des Sportclubs Eintracht Berlin kegeln hier auf Bahnen, die mit grünem Filz bezogen sind. Alle tragen die gleichen Trainingsjacken oder Shirts in Schwarz-Rot, viele haben graues oder weißes Haar. Sie haben Marzahn erlebt, als es noch ein Bezirk der Hoffnung und nicht der Hoffnungslosen war, wie manche Außenstehende ihn heute wahrnehmen.

Die modernen Plattenbauten, die hier in den 80er-Jahren zum Teil innerhalb von Wochen aus dem Boden gestampft wurden, sollten die massiven Wohnungsprobleme des Ostens lösen. Sie übersetzten in ihrer Schlichtheit außerdem das sozialistische Ideal von der Gleichheit aller Bürger in die Architektur. Vor allem junge Familien zogen damals hierher, der Bezirk hatte einen hervorragenden Ruf.

Schlamm und Erde

Der heute 69 Jahre alte Hajo Schreiner bezog 1980 mit seiner Frau und zwei Kindern die Vier-Zimmer-Wohnung direkt neben dem Freizeitforum, in der er noch heute lebt. „Nur Schlamm und Erde“, sagt der begeisterte Kegler, seien die Straßen in Marzahns Geburtsstunde gewesen. Die Großbaustellen der Siedlungen waren die Spielplätze seiner Kinder.

Doch die Infrastruktur wuchs schnell, bald sammelten sich an der Promenade einige Läden. Vor allem aber hatte Schreiner schon damals, was er noch heute so an seinem Marzahn liebt: eine günstige Wohnung mit Heizanlage und Blick ins Grüne aus dem zehnten Stock. Heute fällt er auf den Kienberg mit der Seilbahn zu den Gärten der Welt. Wer erzähle, Marzahn sei hässlich, der sei noch nie hier gewesen, sagt Schreiner.

Der Niedergang von Marzahns Ruf ging einher mit der Wende. Zwischen 1990 und 2009 verließ jeder Vierte den Bezirk. Viele der Jungen und Wohlhabenden gingen in den Westen. Gleichzeitig war die Verunsicherung nach dem Ende der DDR so groß, die Arbeitslosigkeit so hoch, dass in der Umbruchzeit weniger Kinder geboren wurden als nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Bevölkerungszahl sank dramatisch, die Politik beschloss, reihenweise Schulen und Kindergärten abzureißen und mehrgeschossige Häuser in den Randzonen zurückzubauen. Der einst junge Bezirk altert seither so rasch wie kein anderer in der Hauptstadt: Lag das Durchschnittsalter 1991 mit rund 30 Jahren gut zehn Jahre unter dem Wert für Gesamtberlin, liegt es mit 43,6 Jahren heute darüber.

Cindy aus Marzahn

Während die Mietpreise in der Innenstadt explodieren, wächst Marzahn-Hellersdorf mit seinen günstigen Mieten wieder, seit 2010 stabil um mindestens ein Prozent der Bevölkerung pro Jahr. Nur der schlechte Ruf des Bezirks in Rest-Berlin ist geblieben – so sehr, dass Comedians wie Cindy von Marzahn oder neuerdings das erfolgreiche Youtuber-Duo Ost Boys daraus ganze Künstlerkarrieren schöpfen.

„MA4, du bist so hässlich, deine Mutter schämt sich, sie fragt sich: Ist dein Gesicht versicherungspflichtig?“, rappen die beiden Youtuber in einem ihrer Videos, in denen sie als russischstämmige Proleten in Jogginghosen auftreten. Es wurde hunderttausendfach geklickt. Was hält junge Berliner hier, die nicht wie Hajo Schreiner die vergangenen Glanzzeiten Marzahns erlebt haben? Denen der genuine Ost-Stolz fehlt? Die oft den Stempel aufgedrückt bekommen: Kann ja nix werden? 

Im Jugendclub Anna Landsberger mischen sich trotziger Stolz und Abscheu in die Bewertung des Heimatbezirks. Sieben Jugendliche sitzen auf den Sofas, auf dem Tisch liegt Drehtabak. Aus den Boxen klingt laut Hip-Hop, die Wände haben die Jugendlichen mit Graffiti besprüht und mit Fotos beklebt. Wie sie Marzahn so finden? „Scheiße“, ruft der 17-jährige Robert, „Marzahn ist Hass, die Leute nerven.“ Ganz anders sieht das der 14-jährige Felix: „Marzahn ist Liebe“, sagt er und klopft auf sein Herz. Der 18-jährige Fabrizio, der einen schwarzen Pulli mit rotem „Fuck“-Aufdruck trägt, schwebt dazwischen: „Marzahn hat mich zu dem gemacht, was ich bin, Alter. Manche sagen: asozial. Manche sagen: ganz nett.“

Jugendliche sind ein schwieriges Klientel

Viele, die Marzahns 13 Jugendeinrichtungen besuchen, kommen aus einkommensschwachen Familien. Überdurchschnittlich viele Alleinerziehende und Familien, die wegen niedriger Löhne beim Amt aufstocken müssen, wohnen hier. 40 Prozent aller Kinder in Marzahn sind auf Hartz IV angewiesen – obwohl die Arbeitslosenquote unter sechs Prozent liegt, also unter dem stadtweiten Schnitt. Während Kinder in Prenzlauer Berg in Jugendclubs ausspannen vom stressigen Stundenplan, vom Ballett- und Klavierunterricht, hat der Marzahner Nachwuchs andere Probleme: überhaupt irgendeinen Abschluss zu schaffen. Trotz Eltern, die oft wenig Zeit für ihre Kinder übrig haben.

Jugendliche sind, nicht nur für Marzahn, ein schwieriges Klientel. Sie wollen chillen, Hauptsache Abstand von den Erwachsenen. In Marzahn aber gibt es für sie besonders wenig Raum. Richtige Clubs, in denen sie tanzen könnten, gibt es trotz der enormen Einwohnerdichte von 266.000 Bewohnern nicht einen einzigen. Abhängen am Eastgate, dem großen Einkaufscenter an der Promenade, ist für viele die Alternative. „Im McDonalds gibt es Wlan und Steckdosen zum Handyladen“, sagt die 17-jährige Emily. Ihre Haare sind in einem dunklen Lilaton gefärbt, Lippenstift und Jacke passen farblich perfekt dazu. Vor ihrer Zeit im Jugendclub sei sie oft dort gewesen. „Eastgate-Schickse“, stichelt Fabrizio, den hier alle nur „Fabo“ nennen.

Emily möchte nach Schweden auswandern

Die Jugendclubs in Marzahn sind ein wichtiger Faktor, die einzige sinnvolle Beschäftigung in vielen Großsiedlungen. Sie versuchen, die Jugendlichen mit coolen und niedrigschwelligen Angeboten von der Straße wegzufangen. In der Anna Landsberger gibt es Bandproben, ein Tonstudio, einen Tanzraum. Die Betreuer sind hier immer mindestens zu zweit da für rund ein Dutzend Besucher. Die Stimmung ist locker, auch die Betreuer werden Ziel von Flachsereien und schießen hart zurück. „Wie eine zweite Familie“, sagt Emily, seien die jungen Erwachsenen und der harte Kern der circa 15 Stammbesucher in „der Anna“ für sie.

Fabrizio und Emily haben den wichtigsten Schritt geschafft, beide machen eine Erzieher-Ausbildung in Friedrichshain. Ob sie danach in Marzahn wohnen bleiben wollen? Nein, Emily hat feste Pläne, sie will nach Schweden auswandern. Und Fabrizio träumt von einer Zukunft mit Freundin. „Wenn die will, dass wir wegziehen, dann gehe ich.“ Dass seine noch imaginäre Freundin in Marzahn wohnen will, das kann er sich offensichtlich nicht vorstellen.

Mit der Familie zurück 

Rentner Hajo Schreiner hingegen will Marzahn nicht mehr verlassen. Eigentlich wollte er die 90-Quadratmeter-Wohnung, die für seine Frau und ihn alleine inzwischen zu groß ist, gegen eine andere im Kiez wechseln. „Sich verkleinern“, sagt er, vor allem um Platz zu machen für neue, junge Familien im Quartier. Doch die Mieten für die Wohnungen, die ihm als Alternative angeboten wurden, waren im Vergleich zur alten Wohnung zu hoch. „Nicht zu bezahlen“, sagt er.

Schreiner kennt die Nöte junger Familien aus der eigenen Verwandtschaft. Sein 42-jähriger Sohn Torsten ist durch die Welt gereist, hat ein Jahr in Kroatien und zwei in Irland verbracht, danach in anderen Teilen von Berlin gelebt, auch im angesagten Kreuzberg – am Ende aber zog es den Sachbearbeiter für Gas und Strom mit seiner jungen Familie wieder zurück nach Marzahn. Nachwuchs für Marzahn – und für Schreiners Kegelclub. Warum er zurück gekommen ist? Torsten Schreiner denkt nach. „Ich weiß nicht. Hier kenne ich alles, Marzahn ist eben doch meine Heimat.“ Sein Vater lacht, er kommt gut damit klar, dass nicht alle für Marzahn dieselbe Liebe hegen wie er. „Wir sind das Auffangbecken für Restberlin“, sagt er. Aus seinem Mund klingt das kein bisschen abwertend, sondern stolz.