Es ist kurz vor Weihnachten 1977, als Renate Bohnstengel den Schlüssel für ihre neue Wohnung bekommt. Drei Zimmer, Küche, Bad, Balkon. Genau das, was sie sich mit ihrem Mann und ihrem Sohn gewünscht hat.

„Im Winter sind wir eingezogen“, erinnert sich die heute 79-Jährige. Ihre Wohnung in der Marchwitzastraße 41 ist im ersten Neubaublock der Großsiedlung Marzahn. Am 2. September 1977, also diesen Sonnabend vor 40 Jahren, wurde Richtfest gefeiert. Es war der Auftakt für den Bau der größten industriell gefertigten Wohnsiedlung Deutschlands. Etwa 100.000 Plattenbauwohnungen entstanden von 1977 bis 1990 in Marzahn-Hellersdorf.

„Wir sind damals durch Modder gelaufen“, sagt Renate Bohnstengel über die erste Zeit. Rings um ihren Block war noch Baustelle. Aber die Vorzüge des Neubaus wogen die Nachteile auf. „Unsere alte Wohnung in Weißensee war für drei Personen zu klein.“ Außerdem gab es dort nur Ofenheizung. Die neue Wohnung verfügte dagegen über Zentralheizung. „Wir kamen hier rein – und es war warm“, sagt die Rentnerin. So wie sie lernten viele, den Komfort zu schätzen. Doch die Großsiedlung polarisierte. Kritiker bemängelten die monotone Architektur.

Alles, was sie zum Leben braucht

Renate Bohnstengel lebt noch heute in der Wohnung in der Marchwitzastraße. Sie musste jedoch harte Schicksalsschläge verkraften. Ihr Mann und ihr Sohn sind verstorben. Die 79-Jährige wohnt jetzt zusammen mit ihrem neuen Lebensgefährten Peter Tornow (76). Ihre Dreizimmerwohnung im neunten Stock ist mit hellem Teppich ausgestattet, hat ein gefliestes Bad, eine Einbauküche und ein Wohnzimmer mit großen Gemälden an den Wänden. 478 Euro Warmmiete zahlt sie für die 78 Quadratmeter große Genossenschaftswohnung. „Wir wohnen gerne hier“, sagt sie. In der näheren Umgebung finde sich alles, was sie fürs Leben brauchen. Ein Supermarkt, Ärzte, eine gute Verkehrsanbindung und viel Grün.

Preiswert wohnen – das ist in Marzahn-Hellersdorf noch immer möglich. Weil die Mieten günstig sind, leben in der Großsiedlung aber auch viele Menschen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. „Positiv ist, dass die Arbeitslosenquote deutlich gesunken ist“, sagt Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke). Die Quote liege mittlerweile unter dem Berliner Durchschnitt.

Der Anteil der Transferleistungsbezieher habe sich aber nicht im gleichen Umfang reduziert. „Wir haben Quartiere, gerade im Norden des Bezirks, in denen der Anteil der Haushalte relativ hoch ist, die Hartz IV oder andere Transferleistungen beziehen“, sagt Dagmar Pohle. In den Einfamilienhausgebieten im Süden des Bezirks leben dagegen viele Familien mit höheren Einkommen. Mancher Bonner Beamte fand hier nach dem Umzug an die Spree ein neues Zuhause.

Einwohnerzahl wächst wieder

„Marzahn-Hellersdorf hat die Besonderheit, dass es kein über Jahrhunderte gewachsener Stadtteil ist“, sagt die Bezirksbürgermeisterin. „Wir haben eine rasante Bevölkerungsentwicklung erlebt – vom jüngsten Bezirk zu einem Bezirk, der mittlerweile etwas über dem Berliner Durchschnittsalter liegt, und am schnellsten altert.“ Seit dem Jahr 2010 wächst die Einwohnerzahl wieder. Zum 30. Juni 2017 lebten 264.000 Menschen in Marzahn-Hellersdorf. Laut der jüngsten Bevölkerungsprognose soll die Einwohnerzahl bis zum Jahr 2030 auf knapp 280.000 steigen.

Das sind zwar mehr als derzeit im Bezirk leben, aber weniger als es früher waren. Anfang der 90er-Jahre zählte Marzahn-Hellersdorf noch fast 300.000 Einwohner.

Den Tiefpunkt in seiner jungen Geschichte erlebte Marzahn-Hellersdorf zu Beginn der 2000er-Jahre. Viele Gutverdiener hatten da den Plattenbauten den Rücken gekehrt und sich ein Haus im Umland gekauft. Tausende Wohnungen standen leer. Um zu verhindern, dass die leerstehenden Häuser zur Verwahrlosung ganzer Wohngebiete führen, wurden von 2002 bis 2010 zirka 4500 Wohnungen abgerissen. Die erste Platte, die damals abgetragen wurde, stand an der Marchwitzastraße 1–3, unweit des Ortes, wo 1977 das erste Richtfest gefeiert wurde.

Neue Wohnungen geplant

„Ein erfolgreiches, zu Beginn sehr umstrittenes Projekt dieser Phase sind die Ahrensfelder Terrassen“, sagt Katrin Dietl, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Degewo baute dabei mehrere Elfgeschosser im Norden Marzahns zu drei- bis sechsgeschossigen Häusern um – von ursprünglich 1689 Wohnungen blieben am Ende 409 übrig. Die aber konnten sich sehen lassen.

Durch die Abrisse sei der Leerstand in Marzahn-Hellersdorf von 13 Prozent auf sieben Prozent reduziert worden, sagt Katrin Dietl. Das sei das Ziel gewesen. Heute wären ähnliche Projekte aber nicht mehr denkbar. „Die Stadt wächst, eine Verminderung des Wohnungsangebotes wäre wohl die letzte Idee, auf die man derzeit käme“, sagt Dietl. Jetzt werde neu gebaut. Etwa 5000 Wohnungen seien in Bau oder kurzfristig geplant.

„Die Zuzügler in unseren Bezirk kommen überwiegend aus Lichtenberg, Treptow-Köpenick und Pankow“, sagt Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle. Es kehren aber auch Menschen zurück in die Großsiedlung, die früher ins Umland gezogen sind. „Auch junge Leute ziehen in die Platte, wenn sie eine Familie gegründet haben, oder nachdem sie eine Ausbildung gemacht haben.“

Wichtig sei deswegen, dass mehr Schulen und Kitas errichtet würden. Es reiche aber nicht, die Gebäude zu bauen. „Wir müssen auch das Personal finden“, sagt Pohle.

Dass der Bezirk als Standort für den Wohnungsneubau immer interessanter wird, spürt die Bezirksbürgermeisterin unmittelbar. „In jedem Monat gibt es Grundsteinlegungen, Spatenstiche oder Richtfeste zu feiern“, sagt Dagmar Pohle. Früher sei es zwar einfacher gewesen, ganze Quartiere mit Straßen, Kitas und Schulen zu entwickeln, positiv sei dafür heute , dass die architektonische Vielfalt größer sei als vor 40 Jahren.