Wenn es im Kino hinter einem klingt wie im Schweinemastbetrieb, wäre es dann couragiert, dem nächstbesten Popcornfresser die Visage zu polieren? Über diese und andere Fragen wollen am Wochenende Künstler mit Besuchern in einer Neuköllner Backstube diskutieren.

Die Debatte ist Teil des Kunstfestivals 48 Stunden Neukölln, das am Freitagabend beginnt. Courage lautet das Motto des Festivals, das dieses Jahr bereits zum 15. Mal stattfindet. Was Courage mit Kunst zu tun hat, was Courage eigentlich ist und wie beides den Alltag von Menschen verändern kann, wollen 260 Projekte von professionellen Künstlern und Quereinsteigern an 250 Orten im Bezirk demonstrieren.

Kunst, die etwas zu sagen hat

„Courage will auf aktuelle gesellschaftliche Ereignisse reagieren, die alle Menschen betreffen“, sagt Martin Steffens (47) von der Festivalleitung. Es gehe um Themen wie Gerechtigkeit und Macht des Finanzkapitals, aber auch um Grenzerfahrung und Respekt. Mit beherzter Kunst soll zum Widerstand gegen ein System aufgerufen werden, in dem sich viele Menschen vernachlässigt fühlen. Obdachlose, Flüchtlinge, Migranten, Frauen, Jugendliche. „Wir wollen eine Kunst präsentieren, die etwas zu sagen hat“, sagt der Kunsthistoriker Steffens. Mehr als 400 Bewerbungen zum Thema Courage gingen bei der Festivalleitung ein, 260 wurden ausgewählt. Schon dabei gab es heftige Debatten. Zum Beispiel darüber, ob Courage mit Abenteuerlust gleichzusetzen ist und ob es mutig ist, mit Gewalt gegen das System zu opponieren. Steffens: „Wir haben uns dafür entschieden, Courage als Mut zu definieren, gewaltlos, aber offen seine Meinung zu sagen.“

„48 Stunden Neukölln“ wurde vor 15 Jahren als trotzige Reaktion auf eine anhaltend negative Berichterstattung über den berühmt-berüchtigten Bezirk ins Leben gerufen. „Begriffe wie Verwahrlosung, Hunger, Gewalt und Slum waren vorherrschend, wenn es um unseren Bezirk ging“, so Steffens, der seit 1991 in Neukölln lebt. Dem bestimmenden Negativ-Image wollte man – quasi aus Solidaritätsgründen mit den dort lebenden Menschen – etwas entgegensetzen. Nämlich Kunst, Kultur, Vielfalt.

Noch immer sind in einigen Teilen des Bezirks die sozialen Probleme groß, aber, so Steffens: „Die Lage hat sich dramatisch geändert.“ Seit Jahren entdecken immer mehr Künstler den Bezirk. „Es gibt hier mittlerweile 120 Orte, an denen sich Menschen mit Kunst beschäftigen.“ Menschen aus 70 Nationen leben inzwischen im Bezirk. Zuzügler sind zunehmend Nord- und Südamerikaner, Polen, Afrikaner, Italiener, Engländer und Brasilianer, viele von ihnen sind Akademiker.

Neues Festival

Und weil inzwischen auch Eigentumswohnungen angeboten werden, kommen zunehmend auch Ärzte und Anwälte nach Neukölln. „Ganze Viertel verändern sich, was Alteingesessenen aber auch Angst macht“, sagt Martin Steffens. Mit der Courage, immer mehr Zuwanderer aus anderen Kulturen im eigenen Kiez aufzunehmen, befassen sich unter anderem die Künstler von Naja Berlin in ihrem Projekt „Voyage Voyage“ an der Pannierstraße 57.

Neu bei „48 Stunden Neukölln“ ist dieses Jahr das Junge Kunstfestival. Dafür bauten Schüler Wohn-Kartons und diskutierten darüber, was sie mitnehmen würden, müssten sie plötzlich aus ihrer Heimat fliehen. Andere Jugendliche richten ein „Museum des Kapitalismus“ ein, in dem es unter anderem um Kriege, Armut und Umweltzerstörung geht. Das Museum, so die Idee, könnte das Festival überleben und zur Dauereinrichtung werden.