Kürzlich war ich in dem netten kanadischen Örtchen Nipigon am Oberen See. Kaum 2000 Einwohner, bekannt vor allem Sporthistorikern, die sich an die größte jemals gefangene Regenbogenforelle erinnern, und begeisterten Naturliebhabern. In Nipigon fand am Mittwoch ein Pride-Waldlauf statt. Proportional dürften an ihm mehr Einwohner teilgenommen haben als an so mancher Pride- oder CSD-Demonstration, die derzeit in so ziemlich jeder größeren Stadt Nord- und Südamerikas oder Europas stattfinden.

Erst 1969 entstand durch die Stonewall-Proteste eine durchsetzungsfähige Schwulenbewegung

Sie alle erinnern an die Rebellion einiger Schwuler, Transvestiten, Transsexueller, Stricher und Lesben, die an diesem Wochenende vor einem halben Jahrhundert in New York ausbrach. Sie wehrten sich vor der Bar Stonewall Inn erstmals öffentlich sichtbar und militant gegen die Übergriffe der Polizei, nahmen nicht mehr hin, zusammengeschlagen, eingesperrt und mit irrwitzigen Strafen belegt zu werden, nur weil sie anders lebten, liebten, sich anders kleideten, als es die Mehrheitsgesellschaft wünschte. Wenn das Erinnern an diesen Christopher-Street-Day selbst in Örtchen wie Nipigon angekommen ist – dann können wir wohl wirklich von einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruch sprechen.

So bedeutend die deutsche Schwulen-Bewegung der Kaiserzeit und der Weimarer Republik, die sich um den Berliner Sozial- und Sexualreformer Magnus Hirschfeld gebildet hatte, auch gewesen war: Erst im heißen New Yorker Sommer des Jahres 1969 entstand eine politisch durchsetzungsfähige Schwulenbewegung der Nicht-Heterosexuell-Liebenden und Sex-Habenden. Wie die Bürgerrechtsbewegungen von Frauen, Arbeitern, Schwarzen, Latinos, Juden, Einwanderern oder Ureinwohnern ging es gegen die Übermacht der weißen, heterosexuellen Männer in Kirchen, Parteien, Vereinen und Familien. Das gelingt nur, hat die oft bittere Erfahrung gezeigt, in einer Kulturen, Ethnien, Religionen und andere soziale Grenzen überspannenden „Regenbogenkoalition“.

Pride ist immer noch wichtig - auch in Deutschland

Auch diese wurde damals in New York erstmals geschmiedet: Angeblich sollen vom berüchtigten Frauengefängnis an der Christopher Street aus die Insassinnen – vor allem schwarze und lateinamerikanische Frauen – die Transvestiten und Transsexuellen, die oft sehr jungen Schwulen und Lesben angefeuert haben, sich nicht unterkriegen zu lassen. Diese sozial, ökonomisch und kulturell sehr breite Koalition macht das gemeinsame Erinnern übrigens nicht leichter. So werden, um die vor allem sexualethisch zusammengehaltene „LGBTQI“-Koalition nicht zu gefährden, die durchaus unterschiedlichen Formen und Folgen der Verfolgung zu einer großen, politisch genehmeren Gemengelage zusammengemixt. Im Berliner Denkmal für die von den Nazis verfolgten Homosexuellen etwa. Aber vom deutschen Staat ermordet und durch Gesetz in der Bundesrepublik noch bis 1968 massiv verfolgt wurden nicht „die Homosexuellen“, sondern Schwule. In seiner aktuellen Form ist dies Denkmal deswegen für viele ältere Schwule, deren Leben durch diese Gesetze oft zerstört wurde, eine nur politisch korrekte, die reale Geschichte aber verfälschende Zumutung.

Ein halbes Jahrhundert ist sehr kurz. Erinnern Sie sich noch an die Aufregung um den ersten „schwulen Kuss“ im Fernsehen? An die Aids-Krise, in der vom linksliberalen Spiegel bis zur konservativen Springer-Presse die übelsten Vorurteile gegen Schwule reaktiviert wurden? Wie alleine stand damals die CDU-Politikerin Rita Süssmuth mit ihrem Kampf gegen diese Hetze. Erinnern Sie sich an die verdruckste Tolerierung der Schwulen in der DDR? An die Entlassung von Pfarrern, Erziehern oder Lehrern, die sich offen als homosexuell bezeichneten? Das galt als normal – ein brutales Machtwort, das aus dem Wortschatz gestrichen gehört.

Pride, das steht für Stolz, Selbstbewusstsein, Selbstertüchtigung, Selbstanerkennung. Sie ist angesichts der rechtspopulistischen Welle in Nord- und Südamerika und in Europa nötig. Immer noch wird behauptet: Alle, die nicht heterosexuell lieben, sind von Gott verdammt, sind pervers und schwächlich, Schädlinge, die Kinder und Jugendliche verderben, den Staat unterminieren. Auch in Deutschland.