Schon mal gehört: „BBR“? Für viele West-Berliner war die Abkürzung für „Britz-Buckow-Rudow“ bis in die 80er-Jahre hinein viel gebräuchlicher als Gropiusstadt. Klang wohl technischer, weniger bürgerlich-nett. Und bürgerlich oder gar nett, das waren Begriffe, die kaum jemand mit der Gropiusstadt verband. Ganz im Gegenteil: Der auf einstigen Äckern im Süden des Bezirks Neukölln zwischen 1962 und 1975 errichtete Vorort mit derzeit etwa 36 000 Einwohnern in knapp über 18 000 Wohnungen galt und gilt weithin immer noch als „Problembezirk“. Dabei war um 1960, als die ersten Planungen entstanden, gerade die Gropiusstadt als Vorzeigeviertel geplant.

Kein geringerer als Walter Gropius zeichnete diese ersten Skizzen. 1883 in Berlin geboren und schon vor dem Ersten Weltkrieg als eines der kommenden Talente Deutschlands erkannt, hatte er 1919 das legendäre Bauhaus in Weimar begründet. Nach 1933 fand Gropius kaum noch Auftraggeber in Deutschland, 1934 ging er nach England, dann 1937 in die USA. Dort baute Gropius in Cambridge bei Boston nicht nur eine neue Kunstschule auf, sondern auch sein überaus erfolgreiches eigenes Büro „The Architekt Collaborative (TAC). So einen Mann brauchte West-Berlin für „BBR“, um die Halb-Stadt als Bastion westlicher Freiheits- und Kulturwerte auszubauen.

Gropius sah dabei zunächst eine Anlage vor, in der zwölf große Hochhäuser in Kreisform begleitet werden sollten von niedrigeren Zeilenbauten und zwischen diesen angeordneten Einfamilienhäusern. Im Grundriss erinnert diese Komposition ein wenig an die nahebei gelegene Hufeisensiedlung von Bruno Taut und Martin Wagner aus den 1920er-Jahren. Noch stärker aber erinnert Gropius’ Entwurf an jene radikalen Ideen, die der große amerikanische Architekt Louis Kahn in eben diesen Jahren für die Neugestaltung des Stadtzentrums von Philadelphia entwickelte. Auch dort sollten große, runde Wohnanlagen entstehen, als Zentren einer neuen Stadt.

„BBR“ wurde neu geplant

Doch Gropius erste Pläne scheiterten schon am 13. August 1961. Mit dem Mauerbau nämlich war klar, dass West-Berlin mit dem Platz auskommen musste, den es hatte. Gleichzeitig kam in Fachkreisen zunehmend Kritik auf am aufgelockerten Städtebau der 1950er-Jahre. Er wurde als platzverschwendend betrachtet, als Gefahr für den sozialen und kulturellen Zusammenhang der Gemeinschaft. „BBR“ wurde neu geplant. Die Häuser wurden höher, dichter zusammengerückt, die ursprünglich geplante Vielfalt der Wohnungstypen zunehmend eingeschränkt. Das Ideal wich, obwohl viele der Häuser meisterhaft entworfen sind, einer Realität, die schnell auch Probleme mit sich brachte.

Der Bau der Gropius-Stadt kann nämlich nicht getrennt werden von der gleichzeitigen Abrissorgie, die in den einstigen Arbeiterquartieren West-Berlins nach den Kriegsverwüstungen zu toben begann. Deren Bewohner mussten neu untergebracht werden. Gleichzeitig bewirkte die Verteilung von Wohnungen über den Wohnberechtigungsschein, dass vor allem ärmere und nicht so gut ausgebildete Schichten hier einzogen.

Seit dem Beginn der 1970er-Jahre begannen deswegen zunehmend Magazine und Zeitungen, auf Großsiedlungen wie die Bremer Neue Vahr, Hamburgs Steilshoop, Münchens Neuperlach oder eben West-Berlins Märkisches Viertel und Gropiusstadt einzudreschen. Sie wurden für so ziemlich jedes soziale und kulturelle Problem verantwortlich gemacht, welches die Bundesrepublik hatte, bis hin zur steigenden Scheidungsrate und dem Drogenmissbrauch.

Wie sehr es sich aber um eine von sozialen Urteilen geprägte Debatte handelte, zeigt, dass das immer mit gutbürgerlichen Mietern besetzte Münchner Olympia-Dorf niemals in den Ruf kam, ein „Problemviertel“ zu sein. Obwohl es genau wie seine Schwestern von einer stark anonymisierenden Architektur geprägt ist.

Jahrzehntelang wurde über die Gropiusstadt geklagt, wurde doch dort jenseits der schieren Bauunterhaltung kaum investiert. Die Stadtpolitik konzentrierte sich seit den 1980ern auf das „bürgerlichere“ Märkische Viertel, in den 1990ern auf die Plattenbauviertel im Osten Berlins, mit deren Sanierung die Klientel der heutigen Partei Die Linke mit dem neuen Staat versöhnt werden sollte. Es brauchte ein halbes Jahrhundert, bis auch für die Gropiusstadt das anerkannt werden konnte, was für die einst ähnlich verachteten Mietskasernen-Viertel des Kaiserreiches schon in den 1970er-Jahren zu gelten begann: Heimat kann auch ein Viertel sein, das aus der Sicht von bürgerlich geprägten Planern, Beamten und Politikern nicht so schön, aber dafür umso lebensvoller ist.