Berlin - Herr Müller, die Gropiusstadt begeht in diesen Tagen ihr 50-jähriges Jubiläum. Ist das ein Grund zum Feiern?
Ja, auf jeden Fall. Weil ich glaube, dass es eine Erfolgsgeschichte ist. Die Gropiusstadt ist eine Großsiedlung, die über Jahrzehnte mit Vorurteilen zu kämpfen hatte, die sich mit schwierigen Problemen auseinandersetzen musste. Sie ist aber doch ein Wohnquartier, in dem die Menschen sehr gerne wohnen.

Könnten Sie sich vorstellen, in der Gropiusstadt zu wohnen?
Als ich jetzt wieder da war, habe ich mal wieder bemerkt, wie fantastisch der Blick aus den oberen Etagen ist. Der Blick geht über die Stadt bis ins Brandenburger Umland. Insofern kann ich nur sagen: Es ist ein attraktives Wohnumfeld, das hat Wohnqualität.

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Großsiedlungen wie die Gropiusstadt wurden schon kurz nach der Fertigstellung als Schlafstädte kritisiert. Ist es gelungen, das Image der Siedlung zu verbessern?
Auf jeden Fall. Es ist zwar so, dass es immer noch soziale Probleme wie etwa eine hohe Arbeitslosigkeit gibt. Aber die gesamte Wohnsituation verbessert sich Schritt für Schritt. Dazu kommt die Infrastruktur, die Verkehrsanbindung, die Grünflächen, die sich weiterentwickelt haben. Es wird modernisiert und investiert in die Bestände. Und auch das bürgerschaftliche Engagement ist erfreulich groß. Die Quartiersbewohner wollen selbst, dass sich ihr Quartier weiterentwickelt.

Was muss man tun, um eine einseitige Belegung der Wohnungen mit sozial Schwachen zu verhindern?
Wir haben eine relativ niedrige Fluktuation, weil sich viele sehr wohlfühlen in der Gropiusstadt – daraus ergibt sich eine gemischte Sozialstruktur. Die Menschen bleiben langfristig in ihren Wohnungen, weil sie sehen, dass es gute Bildungsangebote und Kitas für ihre Kinder gibt. Und zwar auch, wenn ihre eigene soziale Situation gut ist. Zudem achten die Vermieter sehr genau darauf, dass bei der Vermietung von Wohnungen eine ausgewogene Mischung erhalten bleibt.

Mit der Gropiusstadt wird derzeit auch der Architekt Walter Gropius gewürdigt. Können Sie sich vorstellen, dass die Gropiusstadt unter Denkmalschutz gestellt wird?
Das wird sicherlich in einigen Jahren auch eine Rolle spielen. Wir haben ja mit der Weißen Stadt oder der Hufeisensiedlung bereits Wohngebiete besonders gewürdigt und zudem vorgeschlagen, die Karl-Marx-Allee und das Hansaviertel zum Weltkulturerbe zu erklären. Großsiedlungen erleben zurzeit ohnehin eine Renaissance. Beinahe weltweit gibt es eine Diskussion, wie man in Metropolen schnell bezahlbaren Wohnraum zu guten Standards schafft. Das war auch in den 60er-Jahren der Gedanke, als Gropius gebaut hat.

Sie denken aber nicht daran, neue Großsiedlungen zu bauen, oder?
Nein, natürlich nicht in dieser Massivität. Aber es spielt schon wieder eine Rolle, wie wir schnell guten und bezahlbaren Wohnraum schaffen. Und wenn wir an unsere Quartiere in der Innenstadt denken, egal ob Heidestraße, Tegel oder Tempelhof – da kommen diese Diskussionen ja wieder. Wie groß sollen die Wohnungen sein? Wie sind die Ausstattungsstandards? Und vor allem: wie kommen wir nach dem Bau zu bezahlbaren, sozialen Mieten? Das sind Gedanken aus den 50er- und 60er-Jahren, die heute wieder eine Rolle spielen.

Was kann man denn aus der Zeit des Großsiedlungsbaues lernen, um bezahlbare Mieten zu bekommen?
Eine Konsequenz in den 60er-Jahren war, dicht und hoch zu bauen. Zunächst waren damals von Walter Gropius nur wenige 14-Geschosser in der Überlegung, dann hat man aber doch höher und massiver gebaut, weil man den Wohnraum brauchte. Es gibt sehr viele Ängste, die heute noch mit hohen Häusern, mit Dichte, verbunden sind, aber wir sehen eben auch, dass das Märkische Viertel und die Gropiusstadt attraktive Quartiere sind. Auch heute müssen wir eben viel Wohnraum schaffen. Nicht alles geht in jeder Lage, aber wir müssen das zumindest mitdenken. Ich glaube, wir werden uns beim Bauen nicht mehr nur auf Zwei- und Dreigeschosser beschränken können.

Die Degewo hat Entwürfe erarbeiten lassen, nach denen rund 400 Wohnungen in der Gropiusstadt entstehen könnten. Was halten Sie davon?
Ich finde das ganz interessant. Denn zum einen wollen die Kinder und Enkel der heutigen Bewohner in dem Wohnquartier bleiben und suchen zusätzliche Wohnungen. Diese Wünsche sollen befriedigt werden. Zum anderen wollen wir keine Zersiedelung der Stadt. Wir wollen nicht auf Grünflächen Wohnungen bauen, aber wir gucken schon, wo wir Lücken schließen können und wo wir verdichten können. Vielleicht wird in der Gropiusstadt nicht alles 1:1 umgesetzt, was es an Planungen gibt, weil man behutsam mit der Verdichtung umgehen muss. Aber den grundsätzlichen Weg kann ich nicht nur gut nachvollziehen, sondern finde ihn auch richtig.

Schon vor 50 Jahren wurde höher gebaut – jetzt soll noch mehr dazu kommen? Ist das nicht zu viel?
Wenn man Lücken schließt, heißt es ja nicht, dass wieder 14-, 15- oder 20-Geschosser dazwischen kommen. Es ist ja heute eine behutsamere Planung. Es geht um 400 Wohnungen, die zu den 18 000 Wohnungen der Gropiusstadt dazu kommen sollen. Ich denke, dass ist eine vertretbare Größenordnung. Die Mieter werden in die Planung mit einbezogen und ich habe bisher nicht von Protesten gehört.
Die Fragen stellte Ulrich Paul.