Gäbe es einen Wettbewerb um das schönste Berliner Kino, würde das International einen der ersten Plätze einnehmen. Auch fünfzig Jahre nach seiner Eröffnung zählt der dreigeschossige, frei stehende Stahlbeton-Bau zu den lebendigen Zeugnissen der architektonischen Moderne. Die weitgehend verglaste Front zur Karl-Marx-Allee mit ihrem überlebensgroßen, handgemalten Reklameplakat, das noch in rund einem Kilometer Entfernung, durch die Straßenflucht vom S-Bahnhof Jannowitzbrücke zur Karl-Marx-Allee gesehen werden kann, das großzügige Foyer und der langsam ansteigende Saal sind feste Bestandteile eines Gesamtkonzepts von bestechender Klarheit und Eleganz.

Der Entwurf und Bau des Kinos galt Anfang der 1960er-Jahre als eine Haupt- und Staatsaktion. Inmitten des neuen „sozialistischen Wohngebiets“ zwischen Alexanderplatz und Strausberger Platz sollte das International das gewachsene Selbstbewusstsein der DDR repräsentieren. In seiner leichten und luftigen Funktionalität, mitsamt der einliegenden Bibliothek und einem Jugendclub, war es ein Zeichen der Tauwetter-Politik jenseits von erdenschwerem stalinistischem Prunk. Zugleich diente es als Beleg dafür, welchen Stellenwert der Staat dem Kino als Kunst beizumessen suchte. Die Besucher sollten nicht nur Schauspiel und Oper in gepflegten Häusern genießen können, sondern auch den Film: auf einer riesigen Leinwand, die eine hohe Bildqualität garantierte, mit einem Glas Wein vorweg und der anschließenden Möglichkeit zur Diskussion.

Gereizte Stimmung im Saal

Zur Eröffnung am 15. November 1963 sagten sich gleich reihenweise hochrangige Gäste an: Neben dem Oberbürgermeister Ost-Berlins, Friedrich Ebert, und dem sowjetischen Botschafter Pjotr Abrassimow hatten auch Staats- und Parteichef Walter Ulbricht und seine Frau Lotte Platz genommen. Auf der 17,5 Meter breiten Leinwand wollten sie das sowjetische Epos „Optimistische Tragödie“ besichtigen, eine romantische Revolutionslegende in 70-mm-Format.

Noch bei der Generalprobe hatte alles gut geklappt; nun aber geschah das Unfassbare: Schon im ersten Akt riss der Film zwei Mal, in den nächsten vier Akten noch weitere Male. Die Stimmung im Saal war gereizt, Ulbricht zischelte laut vernehmbar: „Und das soll die neue Technik sein?“ Im Vorführraum herrschte pures Entsetzen. Ein Mitarbeiter des Kulturministeriums eilte zu Hilfe und drückte eine Stunde lang gemeinsam mit den Vorführern das stark gewölbte Filmband mit der Hand ans Laufwerk.

An den Tagen danach trat die Staatssicherheit in Aktion, verhörte die Vorführer und die politisch Verantwortlichen. Man stellte fest, dass die Kopie der „Optimistischen Tragödie“ falsch gelagert worden und in den viel zu warmen Räumen des International ausgetrocknet und geschrumpft sei. Deshalb war sie aus den Projektoren gelaufen. Von nun an konnte alles nur noch besser werden …

Und das wurde es: Die 608 Plätze, über die das International zunächst verfügte, waren oft ausverkauft. „Cabaret“ (1972), „Jenseits von Afrika“ (1985) und „Dirty Dancing“ (1987) zählten zu den Kassenschlagern. Konrad Wolfs „Solo Sunny“ (1980) schaffte es mit über 100.000 Besuchern in sechzehn Wochen zum absoluten Publikumsliebling und wurde zum erfolgreichsten Film in der Geschichte des Hauses.

Neben anderen internationalen Berühmtheiten reiste Giulietta Masina aus Rom an, um Federico Fellinis „Ginger und Fred“ (1986) zu präsentieren. Und ein Mal fand das International sogar Einzug in die Literatur. Jurek Becker und Thomas Brasch reflektierten in ihren Texten über die Premiere von Frank Beyers „Spur der Steine“ (1966), und wie die SED-Führung Kampfgruppen in Zivil ins Kino schickte, die diesen Film ausbuhten, um einen Vorwand für sein Verbot zu liefern. Auch kritische sowjetische Produktionen wie „Die Kommissarin“ (1987) waren erstmals im International zu sehen, bevor sie, nur eine Woche nach dem Start, gleich wieder verboten wurden. Wer an den damaligen Publikumsgesprächen im Foyer teilgenommen hat, wird die aufgeladene Stimmung nicht vergessen – und wie sich die Diskussion über die Perestroika-Filme zur offenen und zornigen Debatte über die Endzeit der DDR entwickelte.

Unverwechselbarer Charme

Am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, feierte Heiner Carows „Coming Out“ im International Premiere. Eine denkwürdige Koinzidenz, denn der erste Defa-Spielfilm zum Thema Homosexualität wirkte wie ein Symbol, ein gleichnishaftes Plädoyer für Selbstbestimmung und Individualität. Auch fürs International überschlugen sich danach die Ereignisse. Im Zuge der Privatisierung drohte die Gefahr, dass das Haus zum Konferenzsaal für das benachbarte Hotel umgebaut würde – ein Schicksal, das durch die Aufnahme des Kinos in die Denkmalliste Berlins verhindert wurde. Im Februar 1990 wählte die Berlinale das International zu seiner ersten Ost-Berliner Spielstätte. 1992 übernahm die Yorck-Kinogruppe das Haus und führt es seitdem als Filmtheater für anspruchsvolle, vornehmlich europäische Produktionen fort.

Die erhoffte Vielfalt an Kulturereignissen, die 1963 mit dem Bau verbunden war, hat sich bis heute erhalten, mit Premieren und Preisverleihungen, Modenschauen, Clubveranstaltungen und der schwulen Filmreihe Mongay. Bliebe als Wunsch nur noch, dass eines Tages genügend Mittel zur Verfügung stehen, um Foyer und Toiletten, Treppenhaus und Saal einer gründlichen Renovierung zu unterziehen. Damit der unverwechselbare Charme des Hauses auf wundersame Weise neu zum Leuchten kommt.