Berlin - Noch ist der Schlossplatz in der Ost-Berliner City eine mehr oder weniger ansehnliche Baustelle. Aber nach Fertigstellung des Nachbaus des Hohenzollern-Sitzes im Jahr 2019 können Berlins Stadtführer dann auf ein Novum hinweisen. Denn einen, wenn auch kleinen Teil der Residenz der deutschen Könige und Kaiser wird es dann doppelt geben: das Portal IV, im Schlossneubau direkt an der Seite zum Berliner Dom hin gelegen. Das zweite Schlossportal, vielleicht 200 Meter entfernt und parallel dahinter liegend, gehört zum Staatsratsgebäude, dass die DDR schon 1964 errichten ließ. Zwar hatte die DDR-Führung mit dem alten Regierungssitz der Preußen wenig am Hut und ließ deshalb das Schloss als Hort des preußischen Militarismus nach dem Krieg sprengen. Aber das Portal IV war ihr wichtig.

Republik ausgerufen

Denn auf oder vor dem Balkon im zweiten Stock hatte am 9. November 1918 Karl Liebknecht die Gründung der Sozialistischen Republik in Deutschland verkündet. Wo genau, das ist auch heute noch nicht klar und Bilder von diesem historischen Ereignis gibt es nicht.

Ob vor oder auf dem Portal ist eigentlich auch egal – Liebknechts Anspruch und Wunsch wurde nicht wahr, der Wortführer der Linken – zunächst der Spartakus-Gruppe, dann der neugegründeten KPD – wurde zusammen mit seiner Kampfgenossin Rosa Luxemburg 1919 von Freikorpsleuten ermordet, der sozialistische Versuch in Deutschland brutal niedergeschossen.

1950 ließ die DDR-Führung das Schloss zwar verschwinden, das Portal tauchte aber wieder im neuen Staatsratsgebäude auf. 20 Prozent der dort verbauten Steine stammen aus dem alten Hohenzollernbau.

Das Staatsratsgebäude – ab 1962 errichtet – wurde vor 50 Jahren am 3. Oktober 1964 übergeben. Es war das erste neu gebaute Regierungsgebäude der DDR. Der Staatsrat war 1960 nach dem Tod des ersten und einzigen Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, gebildet worden. In ihm saßen rund drei Dutzend Vertreter aller Parteien – des damals sogenannten Demokratischen Blocks.

Doch anders als der mächtig klingende Name vermuten lässt, bestimmte der Staatsrat immer weniger die Geschicke der DDR. Die Organe der SED, der Partei, die sich selbst die führende Rolle im sozialistischen Osten verordnet hatte, übten wesentlich mehr Einfluss aus. Und so wurde die Zentrale der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands das eigentliche Machtzentrum der DDR. Das „Große Haus“, nur ein paar Dutzend Meter vom Staatsratsgebäude entfernt, war die wirkliche Schaltstelle der Macht mit tausenden Angestellten. Heute gehörte das Gebäude zum Auswärtigen Amt.

Das Ziel dunkler Diplomaten-Limousinen

Trotzdem war das Staatsratsgebäude in der DDR nicht unwichtig. Der Flachbau, dessen Architekten sich an der Höhe des früheren Schlosses orientiert hatten, war vor allem in den 70er Jahren ein wichtiger Repräsentationsbau. Denn in diesem Jahrzehnt hatte die DDR endlich die lange ersehnte Anerkennung als eigenständiger sozialistischer Staat erreicht.

In relativ kurzer Zeit wurde das sozialistische Deutschland – zumeist von Erich Honecker vertreten, der neben seiner Funktion als Generalsekretär der SED auch Vorsitzender des Staatsrates war – von mehr als 100 Staaten diplomatisch anerkannt. In Folge davon fuhren am Marx-Engels-Platz 1 dunkle Limousinen vor, denen Diplomaten aus Europa, Asien und Afrika entstiegen.

In den Jahren danach schwand die Bedeutung des Hauses dann wieder. Architekturspezialisten waren sowieso von Anfang an zerstritten, ob der funktionale Bau nun eine Meisterleistung der DDR-Baukunst oder nur ein Durchschnittsentwurf war.

Auf jeden Fall hat es das Gebäude schon vor Jahren auf die bundesdeutsche Denkmalsliste geschafft. Das mag auch daran liegen, dass im Foyer des Hauses ein riesiges Wandbild aus Glas vom DDR-Künstler Walter Womacka zu sehen ist. Trotz des Denkmalschutzes konnte aber auch das erste sozialistische Regierungsgebäude nicht einer neuen Funktion entgehen. Seit 2006 ist ausgerechnet dort die Managerhochschule European School of Management and Technology (ESMT) untergebracht.