Berlin - Es ist ein phänomenales Comeback: Noch vor zehn Tagen mochte niemand in der Haut des Berlinale-Chefs Dieter Kosslick stecken. Nach der Kritik am letztjährigen Wettbewerbsprogramm wirkte er wie ein angeschlagener Fußballtrainer, dem man den Vertrag zwar vor dem Turnier noch einmal verlängert hat, der es nun aber allen Skeptikern würde beweisen müssen. Dieter Kosslick wagte und gewann. Er hat die Berlinale wieder dorthin zurück geholt, wo sie hingehört: Ins Trio der drei großen Filmfestivals, der Konkurrenz von Cannes und Venedig absolut ebenbürtig.

„Barbara“

Es gab nur einen Weg dorthin: ein anspruchsvolles, aber dennoch zugängliches Programm, mit vielen angenehmen Überraschungen und nur wenigen Enttäuschungen. Vor allem aber mit ein paar echten Meisterwerken, wozu auch ein deutscher Film gehörte: Der Berliner Regisseur Christian Petzold hat mit seinem DDR-Melodram „Barbara“ den vollkommensten Film seiner Karriere gedreht. Anrührend, aber ohne Sentiment erzählt er nicht nur vom Überlebenswillen des Einzelnen in einer Diktatur. Es geht ihm um die Überlebenskraft der Liebe – und welcher Platz wäre dafür besser geeignet als die große Festival-Leinwand?

„Csak a szél – Just the Wind“

Kunst und Politik gelten allgemein als die wichtigsten Zutaten der Berlinale. Vielleicht sollte es besser heißen: Kunst und Menschlichkeit, dann hat man auch den guten Teil der Politik gleich mit dabei. Wer „Csak a szél – Just the Wind“ gesehen hat, das Meisterwerk des Ungarn Bence Fliegauf, versteht, was das bedeuten kann. In einer sensiblen Bildsprache, die ganz seine eigene ist, mit sparsamem Licht, aber sehr viel Wärme verarbeitet der junge Regisseur eine Tragödie aus der jüngeren Vergangenheit: Eine rassistisch motivierte Mordserie an Roma-Familien in Ungarn. Kinofilme über zeitgeschichtliche Tragödien sind die Denkmäler unserer Zeit. Sie sind der politische Auftrag eines Festivals. Wer auch am Samstag einen Bären gewinnt – die Berlinale hat ihre Sache gut gemacht. Kann es eine schönere Aufgabe geben, als die einer Geburtshelferin humanitärer Kunst? (Daniel Kothenschulte)

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Die 62. Berlinale ist fast vorbei. Und man atmet auf: Erleichtert und befreit von jener großen, schönen Anstrengung, die elf übervolle Festivaltage bedeuten, aber mehr noch dankbar für die nicht wenigen guten Filme, deren Bilder und Botschaften man nun mitnimmt ins künftige Leben. Diese Filme haben einen verändert, den eigenen Blick aus einem Tunnel der Wahrnehmung wieder ins Weite gelenkt und die Perspektive verrückt. Plötzlich ist man sich wieder bewusst, dass man Teil einer großen Erzählung ist.

Dass die ungarischen Roma ebenso zu dieser Geschichte gehören wie verliebte griechische Klosterleute, ein Haufen theaterverrückter italienischer Strafgefangener, eine an ihrem Schweigen fast erstickende deutsche Wohlstandsfamilie oder die Moslems im philippinischen Dschungel – das wurde in den vergangenen anderthalb Wochen deutlich. Die Favoriten unserer Redaktion stehen fest. Nun ist es an der Wettbewerbsjury unter Vorsitz des britischen Regisseurs Mike Leigh, sich auf die ihren zu einigen.

„L’enfant d’en haut“

Und das wird ein hartes Stück Arbeit – nicht nur weil man den Jury-Mitgliedern, die bis auf eines alle selbst Filme machen, einige Kompetenz zutrauen darf, sondern eben auch, weil es ein guter Jahrgang war. Aus achtzehn Filmen muss die internationale Jury nun die Sieger auswählen. Gute Chancen eingeräumt werden neben „Barbara“ und „Csak a szél – Just the Wind“ auch dem Film „L’enfant d’en haut“ der schweizerisch-französischen Regisseurin Ursula Meier über einen Zwölfjährigen, der den Lebensunterhalt für sich und seine noch sehr junge, labile Mutter zusammenstiehlt.

Hoffnungen auf die Darstellerpreise dürfen sich Nina Hoss („Barbara“) und Lars Eidinger („Was bleibt“) machen; mit seinen Schauspielern und drei Wettbewerbsbeiträgen steht der deutsche Film gut da. Die ernsthafteste Konkurrenz für Hoss ist wohl Léa Seydoux; die Französin glänzte gleich zwei Mal, in dem Eröffnungsfilm „Les adieux à la reine“ und in „L’enfant d’en haut“.

Wenn nun am Samstagabend im Berlinale-Palast die Bären und Preise vergeben werden, steht ein Gewinner bereits fest: die Zuschauer. Insgesamt wurden mehr als 300 000 Eintrittskarten verkauft beim weltweit größten Publikumsfestival – das am Sonntag mit einem Publikumstag endet.(Anke Westphal)