Berlin - Die Polizei schließt nicht aus, dass der am Freitag festgenommene mutmaßliche Autobrandstifter noch weitere Taten begangen hat. Der 27-jährige André H. gestand bislang, für 67 Brandstiftungen mit 102 brennenden Autos verantwortlich zu sein.

Die Polizei war ihm am 23. August auf die Spur gekommen. Damals gingen gegen 0.30 Uhr in Spandau am Gorgasring und am Faucherweg fünf Autos in Flammen auf. Weil das Viertel abgelegen ist und die Tatorte am U-Bahnhof Haselhorst liegen, kamen Ermittler auf die Idee, dass der Täter mit der U-Bahn gekommen und schließlich geflüchtet sein könnte. Sie sahen sich die BVG-Überwachungsvideos an. Tatsächlich entdeckten sie darauf einen Mann, der 15 Minuten vor dem ersten Brand aus dem U-Bahnhof ging und vier Minuten nach dem letzten zurückkehrte.

Gewissen entlastet

Die Polizei verteilte das Bild des Mannes an ihre Reviere und die Beamten der Bundespolizei, die zur Unterstützung ihrer Berliner Kollegen in Zivil auf "Brandstreife" waren. Irgendwann entdeckten Fahnder der Bundespolizei André H. und verfolgten ihn unauffällig, so dass sie seinen Wohnort ermitteln konnten. Einen Tag danach fand André H. einen Aushilfsjob und hörte auf zu zündeln. Dennoch wurde er weiter observiert. Vor einigen Tagen durchsuchten Polizisten sein Zimmer in seiner Wohnung in Moabit, in der er zusammen mit seiner schwer krebskranken Mutter lebt.

Am Freitag wurde er vernommen. Angesichts der "beharrlichen Vernehmung", wie die Polizei formuliert, und angesichts der Beweise und Vorhaltungen, die ihm gemacht wurden, verlor er die Nerven und gestand zunächst eine Tat vom 23. August und dann auch die anderen aus jener Nacht in Spandau. "Dann gab er immer mehr preis. Er räumte Taten über den gesamten August ein", sagt der Leiter der Ermittlungen, Kriminaloberkommissar James Braun. "Letztendlich wollte er sein Gewissen entlasten und gestand allein 67 Brandstiftungen. Er schilderte detailliert, wie er die anderen Taten in Westend, Charlottenburg-Nord und Moabit beging, so dass es keinen Anlass gibt zu glauben, er könnte sie auf unseren Druck hin gestanden haben." Im Juni zündete André H. demnach 14, im Juli 6 und im allein August 47 Autos an. Die Polizei prüft, ob er noch mehr Brände legte.

Auch Menschen waren gefährdet

Verantworten muss er sich wegen schwerer Brandstiftung, weil in zwei Fällen auch Menschen gefährdet waren, weil brennende Autos direkt an Häusern standen und die Flammen übergegriffen hatten. In einem Fall musste sogar eine Seniorenresidenz geräumt werden.

Als Tatmotiv nannte André H. Frust über seine Arbeitslosigkeit. Der gelernte Maler und Lackierer war nach der Lehre arbeitslos, lebte von Hartz IV, hatte Schulden. "Er war getrieben von einem diffusen Sozialneid", sagt der Chef des Berliner Landeskriminalamtes, Christian Steiof. "Ich habe Schulden und denen geht es gut. Deshalb suchte er sich Marken wie BMW, Mercedes und Audi aus, die er in Brand setzte." Für seine Misere machte er die Gesellschaft verantwortlich. Er wollte ein Zeichen setzen. Auch an seinem Wohnort in Moabit zündete er Fahrzeuge an - Autos, die in der Nachbarschaft von Menschen parkten, die er kennt: bei einer Ex-Freundin, vor der Disko, die er öfter besuchte, vor seinem Stammlokal.
André H. passt zumindest teilweise in das Schema, das die Polizei vom "typischen Brandstifter" hat. Laut einer Auswertung des LKA ist der typische Täter männlich und 18 bis 24 Jahre alt. Er ist Einzeltäter, kommt aus ungeregelten Familienverhältnissen, hat keine Freunde und auch keine Beziehung. Er ist arm, weshalb er unmotorisiert ist und meist im unmittelbaren Umkreis zündelt. Die meisten Täter haben das Bedürfnis, Kontrolle auszuüben. Manchmal stehen sie an der Absperrung und genießen das Treiben, das sie ausgelöst haben.