Sit-in, Go-in, Talk-in, Dance-in, Sing-in – das alles und noch viel mehr war möglich im Kino Bleibtreustraße 12. Der Veranstaltungsflyer von Anfang 1968 zeigt Buddha, ein Auto-Magazin und Demonstranten mit dem Transparent „Wir fordern veritas iustitia libertas statt Zwangsanstalt“. Drinnen gab es Hannes Wader, Ingo Insterburg und die Reizzwecken. Schöne Mischung. Die Protest-Life-Balance stimmte im Westberlin des anbrechenden Jahres der Bewegung.

Revolutionären Schwung gab schon das Jahr 1967 mit: Am 2. Juni hatte die Polizei eine Protestdemonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien knüppelnd auseinandergetrieben. Der Polizist Karl-Heinz Kurras hatte Benno Ohnesorg, 26, Student der Romanistik und Germanistik, erschossen. In der Frontstadt hatte von 1957 bis 1966 Willy Brandt regiert, nun stand der links-pragmatische SPDler Klaus Schütz dem Senat vor. Beide in den Augen der bewegten Studenten keine wackeren Vertreter der Demokratie, sondern des repressiven Systems. Nicht ohne Spaß rief man: „Brecht dem Schütz die Gräten, alle Macht den Räten!“

Senat holte keine Investitionen in die Stadt

Dass es um alles und jedes ging, zeigt ein Flugblatt des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS, ein Hauptakteur). Es erschien kurz nachdem Steine gegen Filialen des Springerkonzerns geflogen waren. Da stand: „Was sind Steine gegen die Macht des millionenschweren Springers? Springer trägt die Uniform der Nazis, heftet sich den Judenstern an. Was sind Eier gegen das Amerikahaus im Vergleich zu Eierhandgranaten gegen die vietnamesische Bevölkerung?“

Dem Senat galt der Vorwurf, er verschleiere den Bankrott Berlins. Er hole keine Investitionen in die Stadt; junge Facharbeiter kämen nicht nach Berlin, viele wanderten ab, weil der Senat keine Arbeitsplätze garantiere. Die absolut runterziehende Folge: „Deshalb müssen teure Halbfertigprodukte nach Berlin importiert werden.“

Proteste gegen Vietnamkrieg

Zugleich drohte der Atomkrieg, wie ein etwa zur gleichen Zeit von einer Unabhängigen Sozialistischen Arbeitsgemeinschaft verbreitetes Flugblatt mitteilte: „Die US-Regierung erwägt, gegen Nordvietnam taktische Atomwaffen einzusetzen – das wird der Startschuss zum dritten Weltkrieg. Wie stehen Bundesregierung und Berliner Senat dazu?“ Apokalypse, Vietnam, fauler Senat, Arbeitslose und Halbfertigprodukte – Existenzielles und Alltagssorgen. Irgendwas davon musste die Massen doch mobilisieren.

Im Februar stiegen Anti-Vietnamkriegskongress und die anschließende Demonstration am 18. Februar an die Spitze der Aufmerksamkeit. Damit startete das Berliner 1968 politisch durch. Was hätte provozierender auf das „Establishment“ wirken können als in Westberlin, wo die USA am Eisernen Vorhang, an der vordersten Frontlinie des Kalten Krieges die Freiheit gegen den Kommunismus verteidigte, die Amis zu Völkermördern zu erklären? Kein Thema hätte sich besser geeignet als der von den USA grausam geführte Krieg in Vietnam.

Die verzweifelte Mutter mit Kind unter anfliegenden

Bombergeschwadern gehörte nun zu den bevorzugten Motiven der Flugblätter. Eines von Mitte Februar fragte unter solch einer Fotomontage : „Wie wird Berlin regiert?“ und prangert an: „Der Senat zeigt die Funktionslosigkeit Westberlins als Teil der Freien Welt. Da helfen auch keine prunkvollen Filmfestspiele und keine rauschenden Pressebälle, keine Grüne Woche und kein Karajan.“

Parallel musste auch immer wieder gegen das Athener Regime protestiert werden. Zu einem Aufruf, die griechische Militärmission zu blockieren, erging die Empfehlung: „Sehr warm anziehen, Ersatzkleider im Plastikbeutel (auch als Sitzkissen verwendbar) wg. erwarteten Wasserwerfereinsatzes.“

„Den Senat werden wir nur ohne Gewalt stürzen können"

Der Vietnam-Kongress geriet aus Sicht der Veranstalter zum schönen Erfolg. In einer SDS-Broschüre grüßte die Nationale Befreiungsfront Südvietnams (FNL, Vertretung Ostberlin). Internationale Redner wie Bahran Nirumand setzten in ihren Beiträgen unter der Moderation Rudi Dutschkes dem Imperialismus das Bestreben entgegen, Internationalismus und Klassenkampf wiederzubeleben. Interessant aus heutiger Sicht der Beitrag Horst Mahlers.

Der beteuerte, der letzte zu sein, der der Gewaltlosigkeit in der Geschichte das Wort rede: „Wo Gewalt gebraucht werden muss, um brutalen Terror zu brechen und eine menschenwürdige Gesellschaft zu schaffen, bin ich für den Einsatz von Gewalt.“ Allerdings solle bitte die Demo am nächsten Tag „diszipliniert mit ordentlichem Abschluss ohne Wasserspiele“ stattfinden. „Den Senat werden wir nur ohne Gewalt morgen stürzen können.“

„Wir lassen uns unser freiheitliches Berlin nicht zertrampeln“ 

Der Kongress beschloss, die Wehrkraft der GIs zu zersetzen, vor Nato-Basen zu demonstrieren, die Nato zu zerschlagen, Nato-Austrittskampagnen zu initiieren. Die Befreiungsbewegungen der 3. Welt wurden zu engen Partnern erklärt, eine Einheitsfront sei aufzubauen. Und schließlich das Abschluss-Tätärätä: „Es siege die vietnamesische Revolution! Es siege die sozialistische Weltrevolution!“

Zum schließlich doch genehmigten Marsch kamen etwa 10.000 Leute, es blieb weitgehend friedlich. Ein Transparent forderte: „Die Senatsfaschisten muss das Volk ausmisten“, ein anderes rief: „Lee Harvey Oswald, wir brauchen Dich“ (Oswald, der Kennedy-Mörder). Die Antwort der Westberliner Bürger drei Tage darauf fiel stark aus. Der Regierende Bürgermeister rief vom Schöneberger Rathausbalkon den 100.000 Leuten zu: „Wir lassen uns unser freiheitliches Berlin nicht zertrampeln.“

Gegenseitige Abneigung

DGB-Sprecher Walter Sickert wetterte gegen die „Handvoll Halbstarker“ , SPD-Chef Kurt Mattick gegen „Spinner und Außenseiter“. Der Bild-Zeitung gefiel ein Plakat besonders gut: „Laßt Bauarbeiter ruhig schaffen – kein Geld für langbehaarte Affen“. Langhaarige hatten es nicht leicht in jenen Tagen. Die Zeit schrieb von Pogromstimmung in Berlin. Ein junger, Dutschke-ähnlicher Mann floh vor einer lynchlustigen Menge in ein Polizeiauto.

Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit und hatte tiefere Gründe. Der amerikanische Historiker David Clay Large beschrieb sie in seinem 2002 auf Deutsch erschienen Buch „Berlin – Biographie einer Stadt“.

Selbstverliebter Terrorismus

Der Zorn der jungen westdeutschen Vietnamkriegsdemonstranten habe sich nicht nur gegen die USA gerichtet, sondern „gegen jene älteren Deutschen, die ihnen ein Vermächtnis der Schuld und Schande hinterlassen hatten.

Zu spät geboren, um selbst den Nationalsozialismus bekämpfen zu können, versuchten die radikalen Studenten der mittleren 60er-Jahre, dadurch in die von ihnen idealisierte Rolle von ‚Widerstandleistenden‘ zu schlüpfen, dass sie sich gegen Washington und das politische Establishment ihres eigenen Landes stellten.“ Er sieht „die Protestbewegung zu einem sterilen, selbstverliebten Terrorismus degenerieren“.

Umfrage zeigt steigende Toleranz

Wie die Stimmung in Westberlin im Februar tatsächlich war, zeigt eine zwischen 23. und 26. des Monats vom Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) durchgeführte Umfrage. Die Befragten zeigten Gelassenheit: Zu 70 Prozent sahen sie Demos als zulässige Art der Meinungsäußerung; 37 Prozent meinten, den Studenten gehe es um Radau; 35 Prozent erkannten ernsthafte politische Meinungsäußerung. Das sahen bundesweit nur 24 Prozent so.

Auf die Frage, wie man mit den demonstrierenden Studenten verfahren solle, fanden zwei Prozent, man solle sie verhaften, weitere zwei Prozent waren für Prügel, neun Prozent wollten deren Ausweisung aus Berlin. Immerhin 24 Prozent meinten, man solle sie demonstrieren lassen, 30 Prozent wollten sie sogar unterstützen – falls sie recht hätten.

Westliche Schutzmacht

Im Vergleich zu einer gleichlautenden Befragung im Jahr zuvor, nach den gewalttätigen Protesten gegen den Schah-Besuch, zeigten sich höhere Toleranzwerte. Die Antwort auf die generalisierende Frage, wie man das Verhalten der Studenten im Allgemeinen bewerte, fiel gemischt aus: 50 Prozent verurteilten es oder lehnten es ab, 44 Prozent fanden es verständlich oder richtig.

Auch wenn viele sonst gegen kaugummikauende, flegelhafte Amis, die immer die Füße auf den Tisch legten, ätzten: Sie vertrauten auf die westliche Schutzmacht: Laut Umfrage befürchteten ganze sechs Prozent, die Amis würden wegen der amerikafeindlichen Studenten die Stadt aufgeben.